https://www.faz.net/-gum-7iy32

Bevölkerungswachstum in Uganda : Die Republik der Kinder

Reich an Kindern: Wie hier in der Region Tororo sind Kinder in den Dörfern oft schon in der Überzahl Bild: Peter-Philipp Schmitt

Zwei Millionen Mädchen unter 15 Jahren bekommen jedes Jahr ein Kind. Die jüngste Bevölkerung der Welt hat Uganda. Schon Mädchen werden Mütter. Nur Bildung hilft dagegen.

          5 Min.

          James, der Fahrer, der die Gäste der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung vom Flughafen in Entebbe abholt, hat 59 Geschwister. Das sei in Uganda nichts Ungewöhnliches, sagt der Mittdreißiger. Er selbst aber hat nur zwei Kinder, und er hat auch nicht sechs Ehefrauen wie noch sein Vater, sondern nur eine Frau. Kennt er denn überhaupt alle Namen seiner Geschwister? James zögert kurz, dann lacht er und sagt: „Die bekomme ich meist alle zusammen.“ Mit nur zwei Kindern zählt James zu einer Minderheit in einem Land, in dem jede Frau im Schnitt noch mehr als sechs Kinder bekommt. Damit hat Uganda mit afrikanischen Staaten wie Niger, Mali und Somalia, aber auch Afghanistan eine der höchsten Fertilitätsraten der Welt.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das Durchschnittsalter in Uganda liegt bei 15,5 Jahren (Deutschland: 43,7Jahre). Knapp die Hälfte der Einwohner ist unter 14 Jahre alt. Damit hat das Land die durchschnittlich jüngste Bevölkerung der Welt. Noch vor zehn Jahren hatte der ostafrikanische Binnenstaat, der etwa so groß ist wie die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung, 25 Millionen Einwohner. Inzwischen sind es 35 Millionen. 2050 sollen es 115 Millionen sein – das wäre eine Verdreifachung. Zugleich wird sich die Bevölkerung Afrikas von 1,1 auf 2,4 Milliarden „nur“ etwa verdoppelt haben.

          Für ein Land, das sich nach dem aktuellen Index für menschliche Entwicklung (Human Development Index) der Vereinten Nationen, dem „Wohlstandsindikator“, auf Platz 161 von 186 Ländern wiederfindet, bedeutet das nichts Gutes. Uganda ist ein armes Land. Das weiß auch Staatspräsident Yoweri Museveni, der zwar auch Programme für Familienplanung zulässt und fördert, der aber trotzdem weiterhin am Kinderreichtum festhalten will. Auch Polygamie bleibt weiter legal. James, der Fahrer, hat dafür eine einfache Legitimation: Es gibt doch viel mehr Frauen auf der Welt, meint er. Museveni, seit 1986 stets aufs Neue gewähltes Staatsoberhaupt, ist selbst stolz darauf, seit 40 Jahren mit nur einer Frau verheiratet zu sein, mit der er vier Kinder hat. James lacht, wenn er die Zahl vier hört, die der Präsident angeblich für die perfekte Kinderzahl einer jeden Frau hält: Mindestens zehn andere Kinder soll Museveni im Laufe seines Lebens gezeugt haben.

          „In Uganda ist es schwer, über Sex zu reden“

          Kinderreichtum scheint wichtig in einem Land, in dem es fast keine Altersversorgung gibt. Doch vier von zehn Schwangerschaften in Uganda sind nicht gewollt, wie eine Studie des amerikanischen Guttmacher-Instituts belegt. Jede Frau bekommt demnach im Schnitt zwei Kinder mehr, als sie selbst will. Auch weil viele von ihnen sich schon als Heranwachsende nicht vor ungewollten Schwangerschaften schützen, weil sie zu wenig über Schwangerschaftsverhütung wissen.

          Hilfe für Mütter: Die erste Anlaufstelle sind oft Gesundheitszentren wie hier in Kajjansi
          Hilfe für Mütter: Die erste Anlaufstelle sind oft Gesundheitszentren wie hier in Kajjansi : Bild: Peter-Philipp Schmitt

          Seit 1998 haben zumindest in der Hauptstadt Kampala Mädchen eine Stimme. Jeden Sonntag um 20 Uhr geht es auf Radio Simba um ihre Rechte. Hinter der Talk-Sendung steht das Naguru Teenage Information and Health Center in Kampala. Das Zentrum, das sich an minderjährige Schwangere wendet, war 1994 die erste Anlaufstelle für Mädchen im ganzen Land. Damals noch aus der Not von der schwedischen Frauenärztin Kerstin Sylvan und ohne staatliche Hilfe geboren, wurde der Service von Anfang an von Unicef gefördert. Heute bringt die schwedische Behörde für internationale Entwicklungszusammenarbeit (Sida) den größten Teil des Jahresetats von zwei Milliarden Uganda-Schilling (rund 570.000 Euro) auf. Für die Ausbildung der 35 Mitarbeiter ist auch die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung zuständig, die sich als Partner der Regierung versteht. Die Organisation mit Sitz in Hannover unterstützt Uganda zudem bei der Aufklärung über Sexualität und Verhütung von Mädchen und Jungen im Alter von zehn bis 14 Jahren an inzwischen zehn Grundschulen in drei Städten, Masindi, Tororo und Wakiso. Pillen oder Kondome verteilt die Stiftung hingegen nicht selbst.

          Inzwischen steht die Stadt hinter dem Zentrum, auch wenn, wie Direktor Peter Mpinga sagt, die Politiker viel mehr tun könnten. Die Vorbehalte seien groß. „In Uganda ist es schwer, über Sex zu reden.“ Der Unterricht in den Primarschulen, die nur ein Drittel der Mädchen und Jungen überhaupt abschließen, gehe auf das Thema kaum ein. Die Gesellschaft insgesamt sei viel zu wenig bereit, über Teenagerschwangerschaften, illegale Abtreibungen, Chancengleichheit oder Gewalt in der Ehe zu reden. Gewalt gegen Frauen und vor allem gegen Mädchen sei Alltag.

          Viele Familien können oder wollen sich Bildung nicht leisten

          Allein 43.000 Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 24 Jahren kamen im vergangenen Jahr ins Naguru Teenage Center. Auch heute sitzen einige Jugendliche im Warteraum. Erste Ansprechpartnerin ist die Hebamme Nakiwala Gorreth. Sie versucht den Kindern, die nun selbst Kinder bekommen, Ängste zu nehmen. Sie redet über Verantwortung und darüber, dass die Mädchen sich unbedingt auf HIV in der hauseigenen Klinik testen lassen sollen. „Jeden Tag stehen 20 Minderjährige vor der Tür“, erzählt sie. Die Jüngsten sind gerade mal zehn Jahre alt. In vielen Fällen gibt es keinen Vater für das ungeborene Kind, zumindest keinen, der sich der Verantwortung stellen will. Ein erwachsener Mann (in Uganda ist man mit 19 Jahren volljährig), der eine Minderjährige schwängert, begeht ein Verbrechen. Täglich hat Nakiwala Gorreth mit solchen Fällen zu tun, und trotzdem wird fast nie ein Mann angezeigt. „Die Mädchen haben zu viel Angst. Lieber lassen sie sich auf eine illegale Abtreibung bei einer traditionellen Heilerin ein, mit meist schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen.“ Sie schätzt, dass ein bis zwei der 20 Mädchen diesen vermeintlichen Ausweg wählen.

          Im Naguru Teenage Center versucht man den werdenden jungen Eltern, die Ängste zu nehmen
          Im Naguru Teenage Center versucht man den werdenden jungen Eltern, die Ängste zu nehmen : Bild: Peter-Philipp Schmitt

          Namulwa Hajara freut sich auf ihr erstes Kind. Sie ist gerade 17 geworden und glücklich über ihre Schwangerschaft, für die sie die Schule geschmissen hat. Dabei war sie erst in der sechsten Klasse. Denn auch wenn die Primarschule in Uganda (sieben Klassen) schon seit 1997 kein Geld mehr kostet, und die Sekundarschule (sechs Klassen) seit 2007, so können oder wollen sich viele Familien Bildung trotzdem nicht leisten: Bücher und Schuluniformen sind teuer, zahllose Kinder müssen zudem Geld verdienen, um ihre Familien zu unterstützen.

          Hormonimplantate zur Verhütung sind sehr beliebt

          So gehen besonders Mädchen häufig nur sporadisch oder mit großen Unterbrechungen zur Schule. Hajara ist Muslimin, ihr Freund und künftiger Mann Yusufu ist 20 und geht in die elfte Klasse. Er will seinen Abschluss machen, erzählt er, und vielleicht studieren. Wozu also soll seine minderjährige Freundin sich weiter in der Schule plagen? „Sie wird doch jetzt Mutter“, sagt er. Darüber freuten sich seine Eltern genauso wie ihre. Dass ihre Beziehung illegal ist, dass das Mädchen nicht einmal die Primarschule erfolgreich abgeschlossen hat, ist für die Familien offensichtlich bedeutungslos.

          Bild: F.A.Z.

          Auf dem Land, etwa in der Region um Tororo, ist die Situation für Frauen noch schwieriger. Harriet Margaret Egessa vom Gesundheitszentrum Mukuju in Tororo berichtet, wie sehr Männer dagegen sind, dass ihre Frauen verhüten. Das gehe soweit, dass sie ihnen Hormonimplantate, die unter die Haut eingepflanzt werden und drei bis fünf Jahre vor ungewollten Schwangerschaften schützen, brutal aus dem Körper schneiden. „Erst gestern wäre eine Frau deswegen fast verblutet“, erzählt Egessa. Dabei sind die Implantate sehr beliebt, weil sie heimlich eingesetzt werden können und lange wirken. Und die Frauen müssen sich nicht mit ihren Partnern auseinandersetzen, weil Männer Kondome zum Beispiel für sich fast immer ablehnen.

          Auch Christine Akumu hat ein Implantat. An der Hand der Zwanzigjährigen tippelt ihre eineinhalbjährige Tochter Amachal. Sie ist das Wunschkind der jungen Mutter, und sie soll das einzige Kind bleiben. „Ich will studieren und später einen guten Job haben“, sagt die junge Frau aus Tororo. Und weil sie sich sicher ist, dass das nicht nur für sie der richtige Weg ist, engagiert sich Christine im Jugendclub in Mukuju. „Vielleicht bin ich ja ein Vorbild für andere Mädchen – und mein Mann auch für andere Jungs.“ Denn das sei vielleicht noch viel wichtiger.

          Kinder als Mütter

          Zwei Millionen Mädchen unter 15 Jahren bekommen jedes Jahr ein Kind. Täglich bringen 20.000 Minderjährige ein Kind zur Welt – das sind 7,3 Millionen Mütter jährlich. Wie der am Mittwoch veröffentlichte Weltbevölkerungsbericht zeigt, entscheidet sich kaum eines dieser Mädchen bewusst für eine Schwangerschaft. Teenager-Schwangerschaften seien vielmehr „Ausdruck von Machtlosigkeit, Armut und äußeren Zwängen – ausgeübt von Partnern, Gleichaltrigen und Gemeinschaften“. Oft resultierten sie aus sexualisierter Gewalt. Die Auswirkungen auf die Gesundheit der jungen Mütter sind schwerwiegend: Jedes Jahr sterben in Entwicklungsländern rund 70.000 Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren infolge von Komplikationen bei der Schwangerschaft oder Geburt. Zugleich weist der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen darauf hin, dass, je länger Mädchen zur Schule gingen, die Wahrscheinlichkeit um so geringer sei, dass sie schwanger würden. (pps.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

          Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

          In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.
          Der neue Bosch-Chef Stefan Hartung

          Generationswechsel : Bosch baut seine Führung komplett um

          Dass Stefan Hartung an die Spitze des Technologiekonzerns aufrückt, war schon länger klar. Doch wie groß der Umbau ausfällt, überrascht. Vor allem die neue Position des bisherigen Chefs erregt Aufmerksamkeit.

          Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

          Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.