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Bevölkerung : Deutsche Kinderlosigkeit

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Überalterung der deutschen Gesellschaft scheint unaufhaltsam. Auch 2003 starben in Deutschland mehr Menschen als geboren wurden. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

          3 Min.

          Auch im Jahr 2003 sind in Deutschland wieder wesentlich mehr Menschen gestorben, als geboren wurden. Zugleich nahm die Zahl der standesamtlichen Trauungen - wie schon fast durchgängig seit Anfang der neunziger Jahre - weiter ab: von 391.963 (2002) auf 383076. Das zeigen die vorläufigen Ergebnisse des Statistischen Bundesamts (Destatis), die am Montag in Wiesbaden veröffentlicht wurden.

          2002 waren noch 719.250 Kinder zur Welt gekommen, im vergangenen Jahr waren es 3960 weniger (715.290). Zugleich starben 2003 858.309 Personen, 16.623 mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl der Sterbefälle war von 1993 bis 2001 ständig gesunken und dann erstmals 2002 wieder angestiegen. So erhöhte sich auch das Geburtendefizit 2003 im Vergleich zum Vorjahr um 20.583 auf 143.019. Damit setzt sich seit mehr als drei Dekaden ein Trend fort. Zuletzt hatte es 1971 in Gesamtdeutschland einen Überschuß an Lebendgeborenen gegeben (47.773). Da noch immer rund 75 Prozent aller Kinder ehelich geboren werden, beeinflußt der Rückgang der Eheschließungen zugleich die Zahl der Geburten.

          Europas zweiter demographischer Wandel

          Obwohl es seit mehr als 30 Jahren ein Geburtendefizit in Deutschland gibt, so schwanken die Zahlen bei den sogenannten Lebendgeborenen und den Gestorbenen doch erheblich - besonders, wenn man sie zusätzlich nach Ost und West aufschlüsselt. Bis Mitte der sechziger Jahre hatte es in beiden Teilen Deutschlands geburtenstarke Jahrgänge gegeben: Im früheren Bundesgebiet kamen zwischen 1958 und 1968 jeweils rund eine Million Kinder zur Welt, in der DDR waren es bis zu 300.000. Bis 1975 gingen die Zahlen dann kontinuierlich zurück, im Westen waren es Mitte der siebziger Jahre nur noch 600.000 Lebendgeborene, im Osten 180.000.

          Ausschlaggebend dafür war nicht etwa der sogenannte Pillenknick, wie Jürgen Dorbritz vom Wiesbadener Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung darlegt. "Es gab in den beiden Teilen Deutschlands zwei ganz unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklungen." Während in der DDR Mitte der sechziger Jahre der Schwangerschaftsabbruch legalisiert worden sei, habe im Westen ein Prozeß eingesetzt, der von Wissenschaftlern als "Europe's Second Demographic Transition" (Europas zweiter demographischer Wandel) bezeichnet wird. Dieser habe in ein seit nunmehr 30 Jahren stabil niedriges Geburtenniveau in Deutschland geführt. "Die Ursachen sind in Individualisierungstendenzen innerhalb der Gesellschaft und zunehmend auf Selbstverwirklichung orientierten Lebensentwürfen zu sehen. Erwerbstätigkeit, berufliche Karrieren oder konsumorientierte Lebensstile werden vielfach dem Leben in einer eigenen Familie vorgezogen, besonders da beide Bereiche nur schwer zu vereinbaren sind."

          Wiedervereinigung brachte Unsicherheit

          Während sich die Geburtenzahlen in der Bundesrepublik danach nur noch geringfügig änderten und erst Ende der achtziger Jahre langsam wieder etwas anstiegen (1990 kamen 727199 Kinder zur Welt), wurden in der DDR schon seit 1975 wieder Jahr für Jahr mehr Kinder geboren (1989 waren es 245132), was in den achtziger Jahren sogar zu einem Geburtenüberschuß führte. Dorbritz spricht von verschiedenen geburtenstimmulierenden Effekten in der DDR: So seien Kinder finanziell interessant gewesen ("Ehekredite konnten abgekindert werden"). "Es gab auch ein Gefühl von sozialer Sicherheit. Frauen konnten voll erwerbstätig sein und Kinder haben." Erst nach der Wiedervereinigung brachen die Zahlen in den neuen Bundesländern und in Berlin-Ost ein - von 215.734 Geburten im Jahr 1988 auf 78.698 (1994). "Die Unsicherheit war plötzlich groß, weil ein ganzes Wirtschafts- und Sozialsystem umgekrempelt wurde", sagt Dorbritz.

          Das Statistische Bundesamt rechnet auch in den nächsten Jahren mit einem stetig wachsenden Geburtendefizit: 2008 soll es demnach schon bei 200.000 liegen, 2012 bei 230.000 und 2017 bei 260.000. An diesem Trend werde sich so bald nichts ändern, ist sich Dorbritz sicher. Allerdings gibt es nach Angaben der Statistiker noch immer unterschiedliche Entwicklungen in Ost und West. "Ein Phänomen ist eine zunehmende Kinderlosigkeit in den alten Bundesländern", erläutert Dorbritz. "Bis zu 30 Prozent der Frauen, die in den sechziger Jahren geboren wurden, entscheiden sich gegen Nachwuchs." Damit habe sich ihre Zahl in nur fünfzehn Jahren fast verdoppelt.

          Im Westen werde oft nach einer späten Eheschließung die Geburt des ersten Kindes bis zu einem Zeitpunkt hinausgeschoben, an dem Kinder nicht mehr gewünscht seien oder Schwangerschaften nicht mehr eintreten könnten. "Diejenigen Frauen, die eine Familie wollen, haben dann aber meist zwei oder drei Kinder." In den neuen Bundesländern wiederum gebe es deutlich weniger Kinderlose, dafür aber eine eindeutige Tendenz zur Ein-Kind-Familie. Die Demographen befürchten, daß sich der Anteil der Kinderlosen in den nächstenm Jahren noch erhöht, was zu einem weiteren Geburtenrückgang führen wird.

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