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Betrug mit „Gravitationswellen“ : Erfolgreich, aber erfunden

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„Seine Theorie hat kein wissenschaftliches Fundament“, sagt auch einer der Gravitationsphysiker, die als Gutachter im Prozess geladen waren. „Es ist ein Regelwerk ohne Grundlage, wie in der Astrologie. Er hat das frei erfunden.“ Müller operiere mit physikalischen Fachausdrücken, die für Laien beeindruckend klängen, die er aber auf Nachfrage nicht erklären könne oder, wie etwa den Begriff Welle, in haarsträubenden Zusammenhängen verwende. „Global Scaling ist Humbug, Parapsychologie außerhalb der Naturwissenschaft. Er wollte damit Eindruck schinden“, urteilt der Experte, der ungenannt bleiben will, um sich nicht Angriffen aus der Esoterik-Szene auszusetzen.

Vorträge an Universitäten

Denn mit „Global Scaling“ lässt sich viel Geld verdienen. So gibt es auf „Global Scaling“ basierende „Wellnessgeräte“ zum Schutz vor Elektrosmog, „Vital-Generatoren“ zur Verbesserung der Lebenskraft und des Wohlbefindens, Uhren für den „Natur-Rhythmus“, Software zum Rechnen und Komponieren sowie Vorträge und Seminare mit Teilnahmegebühren von einigen hundert bis zu mehreren tausend Euro. Müller selbst bot in seinem Münchner Institut noch bis zum Herbst eine „Global Scaling“-Ausbildung für bis zu 3200 Euro an.

Noch bedenklicher allerdings ist, dass „Global Scaling“ nicht einmal vor staatlichen Universitäten halt macht. So gab es in den vergangenen Jahren dazu Vorträge unter anderem an Hochschulen in Berlin, Köln und der Donau-Universität Krems. An der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) sollte [...] im Wahlpflichtfach „Energy Medicine“ Ärzte, Apotheker und Psychotherapeuten weiterbilden. Das Fach wurde 2010 im Studiengang „Komplementäre Medizin, Kulturwissenschaft, Heilkunde“ am Institut für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften angeboten und [...] wieder abgesagt.

Die Universität begründet die Absage heute mit „mangelnder Nachfrage“. Im Übrigen sei das Fach von einem „externen Partner“ angeboten worden. Die Hochschule habe Müller nicht als Vortragenden vorgesehen, lässt Viadrina-Präsident Gunter Pleuger ausrichten. Der externe Partner allerdings war die „Deutsche Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin“ (DGEIM), die sich mit obskuren Heillehren wie Farbtherapie, Elektroakupunktur, Skalarwellen, Geistheilen und auch „Global Scaling“ beschäftigt.

Viereinhalb Jahre Haft für den Erfinder

Das ganze sei „ein Missverständnis“ gewesen, sagt Gesundheitsinstitutsdirektor Harald Walach von der Viadrina heute. „Global Scaling“ hält er für einen „vollkommenen Schmarrn“: „Ich kenne mich damit nicht aus, und es ist mir auch zu kompliziert.“ Mit der DGEIM gebe es keinerlei Zusammenarbeit mehr. „Schließlich will ich damit nicht meinen Ruf zerstören.“ Allerdings sitzen im Beirat seines Instituts bis heute Verfechter des „Global Scaling“.

Der Beirat sei ein „Fossil“, sagt Harald Walach. „Da muss kräftig ausgemistet werden.“ Die beiden betreffenden Personen würden in diesem Jahr „turnusgemäß“ aus dem Beirat ausscheiden, teilt die Universität mit. Zur Frage, wie sie überhaupt da hineingelangen konnten und ob hier Hokuspokus an einer öffentlichen Hochschule einziehen sollte, herrscht jedoch Schweigen. Die Viadrina und Walach beteuern, streng nach wissenschaftlichen Methoden zu arbeiten. Auf den „Global Scaling“-Erfinder Hartmut Müller warten indes viereinhalb Jahre Haft, zu denen ihn das Gericht schließlich als Haupttäter verurteilte - vorausgesetzt, er ist nicht dauerhaft ins kosmische Hintergrundrauschen geflohen.

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