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Berlins Sonderschutzstelle : Zuschauen beim Mithören

Hört das Gras wachsen und den Stromkasten rauschen: Heiko Von am Ernst-Reuter-Platz Bild: Sebastian Milank

Heiko Von arbeitet bei der Sonderschutzstelle, Abteilung akustische Gefahren. Von kontrolliert den Klang der Stadt. Einen muss es geben, der es macht.

          Der Ernst-Reuter-Platz sieht aus, als ginge es ihm nicht so gut. Betonplatten rahmen nordkoreanisch anmutende Blumeninseln ein. Leere Steinbänke stehen gegenüber Fahnen und Wasserfontänen. Passanten verlaufen sich auf dem Beton, die meisten hatten sich im U-Bahn-Ausgang geirrt.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Sie nehmen keine Notiz vom grauen Stromkasten am Kreisverkehr. Er macht auch nicht viel her. Sein Gehäuse ist aus glasfaserverstärktem Polycarbonat. Tür und Rückseite sind wie bei allen Stromkästen mit zentimeterdünnen Längsstreifen profiliert, um das Ankleben von Plakaten zu erschweren. Das wäre eigentlich alles. Wäre alles so, wie es aussieht.

          Heiko Von steht auf dem Ernst-Reuter-Platz und setzt die Kopfhörer auf. Er trägt einen grauen Anzug, auf dem Kopf einen gelben Bauarbeiter-Helm. Er ist, sagt er, von der Sonderschutzstelle, Abteilung akustische Gefahren. Von kontrolliert den Klang der Stadt. Dazu bedient er einen Regler des Schaltpults vor seinem Bauch. Der Stromkasten erwacht zum Leben. Er dreht sich, an jeder Seite fährt ein Metallarm aus, an den Enden kommen Mikrofone zum Vorschein. Von richtet sie in die Stadt hinein. Er hört konstantes Stadtrauschen, ähnlich dem entweichender Luft aus einem Fahrradschlauch.

          Längst haben Stadtsoziologen herausgefunden, dass eine Weltstadt nach etwas klingen muss, gemäß dem Prinzip einer Einlaufmelodie beim Boxen. Die Polizeisirenen New Yorks, die Stimme der Londoner Underground, das Tokioter Digitalgeklimper sind weltbekannt. Berlin dagegen klingt nach Betrunkenen und Verkehrslärm. Die Wasserfontänen am Ernst-Reuter-Platz hat ein Architekt bauen lassen, damit sie das Rauschen des Stadtverkehrs verdecken. Aber auch rauschende Stille tötet den Ruf einer Stadt. Und Krach muss demokratisch verteilt werden. Ein Projekt vieler Parteien.

          Die Sonderschutzstelle tritt deshalb immer dort auf, wo gefährliche Ruhephasen vermutet werden. Man darf die Stadt nicht ohne Aufsicht lassen. Ihr Klang ist wichtig im Wettbewerb untereinander. Er verdeutlicht dem Neuankömmling, dass er in Deutschlands einziger Weltstadt angekommen ist. Seinen Job hatte sich Von früher mal anders vorgestellt. Fremde Leute verfügen über ihn und bestimmen, was er wann zu messen hat. Aber einen muss es geben, der es macht.

          Vons nächste Station ist schwieriger, weil belebter. Der Alexanderplatz. Zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes kommen vorbei, zu erkennen am kommunalen Blau ihrer Uniformen. Die Beamten zeigen keine Reaktion. Von beobachtet das zufrieden. Das Ordnungsamt hat mit Sondergefahren nichts zu tun. Im Wort „Behörde“ steckt zwar „Hören“, dennoch lassen sich nur wenige Beamte aufs Zuhören ein, was vielleicht daran liegt, dass Linguistinnen die Sprache des Offiziellen noch nicht abschließend bewertet haben.

          Von ist imstande, sämtliche Geräusche gleichzeitig zu hören. Und er ist unfähig, Langeweile zu empfinden. Ideale Voraussetzungen für einen Klangkontrolleur im Außendienst. Deswegen halten ihn viele für den vollendeten Angestellten. Aber für solche Rangfolgen hat Von nur Verachtung übrig. „So was behaupten Innendienstler, die ihr Büro nie verlassen.“ Von ist froh, einer geregelten Tätigkeit nachgehen und zu irgendeiner Sache beitragen zu können, ohne dass jemand merkt, dass Von selbst aus der Halb-Urbanität stammt. Woher genau, will er nicht sagen. Die Angst vor dem Kleinsein ist groß in der Stadt.

          Ähnliches gilt für den Potsdamer Platz, ein weiteres Stück tote Stadt. Rosafarbene Gasleitungen kreuzen Straßenkreuzungen, über allem stehen Regen und ekelhafter Wind. Heiko Von setzt den Stromkasten in Bewegung, der an der U-Bahn-Treppe steht. Er richtet die Mikrofon-Arme auf eine vorbeiziehende Schülergruppe. Sie nimmt keine Notiz von ihm, jeder achtet nur auf sich selbst. „Man kann hier theoretisch alles mit allem machen, es interessiert einfach keinen“, sagt Von, als würde es ihn auch nach vielen Dienstjahren noch immer verblüffen.

          Am Bahnhof Zoo kommt es dann doch zur Begegnung mit einem Vertreter misstrauischer Bevölkerung. Routiniert richtet Von die Stromkasten-Arme gen Bahnhof und dann auf das Hotel Waldorf Astoria. Den Portier interessiert das nicht, er schaut erst hin und dann weg, aber ein Passant hat alles beobachtet und ruft schließlich rüber: „Na, so ganz zum Spaß macht ihr das anscheinend ja auch nicht.“ Von sagt dazu nichts. Ihn macht niemand mehr nervös. Seit Jahren schon macht der Künstler „Interventionen“ im öffentlichen Raum, will sich heimlich der Sprache des Offiziellen bedienen, um, ja um was eigentlich?

          Wofür sein Gerät gut sein soll, weiß er selbst nicht. Die Notwendigkeit eines Sinns ist spürbar. Aber wer sagt, dass Sinn immer gebraucht wird? Professionelle Vorsicht bewahrt Heiko Von davor, Ergebnisse zu früh zu präsentieren. Jeder ist eine Gefahr für den Klang der Stadt. Aber jeder muss auch geschützt werden vor falschen Tönen. In diesen Zeiten hört ja keiner richtig hin, aber viele mit.

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