https://www.faz.net/-gum-8zis6

Urteil in Berlin : Fast drei Jahre Haft für U-Bahn-Treppentreter

  • -Aktualisiert am

Swetoslaw S. musste sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten – und nun lange ins Gefängnis. Bild: dpa

Er hat eine 26 Jahre alte Studentin mit einem wuchtigen Tritt in den Rücken eine Betontreppe hinuntergestoßen. Dafür muss der 28 Jahre alte Angeklagte knapp drei Jahre ins Gefängnis.

          Das Berliner Landgericht hat am Donnerstag den 28 Jahre alten Bulgaren Svetoslav S. zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und elf Monaten verurteilt. S. hatte im Oktober 2016 im U-Bahnhof Hermannstraße in Berlin-Neukölln unvermittelt und brutal eine ihm unbekannte junge Frau von hinten angegriffen. Nach einem wuchtigen Tritt in den Rücken stürzte die 26 Jahre alte Studentin, die im Prozess als Nebenklägerin auftrat, die Treppe hinab und erlitt Arm- und Kopfverletzungen sowie monatelang andauernde seelische Störungen.

          S. gestand die Tat vor Gericht, doch gab er an, sich an sie nicht erinnern zu können. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer drei Jahre und neun Monate Haft wegen schwerer Körperverletzung gefordert, die Verteidigung hatte eine Bewährungsstrafe, also weniger als zwei Jahre Haft, vorgeschlagen.

          S. war durch die Veröffentlichung einer Videoaufnahme von der Tat identifiziert worden. Er wurde, nachdem er zunächst untergetaucht war, im Dezember in Berlin festgenommen und saß seither in Untersuchungshaft. Zu Beginn des Verfahrens gegen ihn – er musste sich auch gegen den Vorwurf des Exhibitionismus verteidigen – bat er sein Opfer um Entschuldigung. Er habe sich im Video erkannt, sagte er, doch besitze er keine Erinnerung an seinen Akt der Aggression.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Svetoslav S., der Vater von drei Kindern ist, war für den Prozess psychiatrisch begutachtet worden. Er leide an einer hirnorganischen Störung – sein Intelligenzquotient liege unter 70 und er habe als intelligenzgemindert zu gelten. Die Störung sei zudem durch einen Autounfall vor einigen Jahren schlimmer geworden. Dazu komme seit früher Jugend der Missbrauch von Rauschgiften wie Haschisch und Kokain. In der Tatnacht habe er gemeinsam mit seinen Begleitern Crystal Meth und Alkohol zu sich genommen, sagte S. dem Gericht.

          Dass S. nur eingeschränkt schuldfähig sei, hält der Gutachter für möglich, auch die Staatsanwaltschaft nimmt das an. Er habe seine Aggressionen nicht unter Kontrolle und erlebe starke Stimmungsschwankungen. Die anlasslose Tat im U-Bahnhof, so die Staatsanwältin, habe das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung stark beeinträchtigt: „Es war ein heimtückischer Angriff“.

          Brutale Taten wie die von Svetoslav S. an öffentlichen Orten führen in Berlin vermehrt zu Diskussionen um eine intensivere Überwachung durch Kameras. Die rot-rot-grüne Koalition kann sich allerdings nicht darauf verständigen. Während prominente Sozialdemokraten durchaus dafür sind, mehr Videokameras zu installieren, verweisen Grüne und Linkspartei auf die Einschränkung von Bürgerrechten unbeteiligter Personen und auf entsprechende Passagen im Koalitionsvertrag: „Der Schutz der Grundrechte steht für die Koalition an oberster Stelle.“ Die Aufnahmen von der brutalen Tat von S. veröffentlichte zunächst die Boulevardzeitung „B.Z.“, erst danach die Polizei. Die Aufnahmen ermöglichten die Identifizierung des Täters und schließlich seine Festnahme bei seiner Rückkehr nach Berlin.

          Ursprünglich war auch gegen die drei Begleiter von S. in der Tatnacht im vergangenen Oktober ermittelt worden, doch wurden sie nicht angeklagt.

          Weitere Themen

          Prinz Andrew will nichts bemerkt haben

          Jeffrey Epstein : Prinz Andrew will nichts bemerkt haben

          Wie viele andere Prominente zählte auch der Sohn von Königin Elizabeth II. zu den Freunden Jeffrey Epsteins. Von den mutmaßlichen Missbrauchsfällen will der Prinz jedoch nichts mitbekommen haben.

          Haftbefehl wegen Mordes erlassen

          Tödliche Schüsse in Berlin : Haftbefehl wegen Mordes erlassen

          Am Freitagmittag wird ein Mann in einem Park in Berlin-Moabit erschossen. Nachdem Taucher die Tatwaffe und das Fahrrad des Verdächtigen sicherstellen konnten, erging am Samstagabend ein Haftbefehl gegen den Verdächtigen.

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Axel Voss auf der Gamescom : Zu Gast bei Feinden

          Der EU-Abgeordnete Axel Voss ist die Hassfigur der Youtuber und Gamer. Mit der Reform des Urheberrechts hat er die Szene gegen sich aufgebracht. Sein Besuch auf der Spielemesse Gamescom lief dann aber anders als erwartet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.