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Berliner Modewoche (1) : Der Rhein fließt in die Spree

Die Theatergruppe „Fuerza Bruta“ eröffnete die „Bread and Butter“-Modemesse mit einem bunten Spektakel. Bild: dapd

Berlin hat sich längst zu einer der spannendsten Modestädte entwickelt. Zur Fashion Week, die an diesem Mittwoch beginnt, kommen mehr als 100.000 Menschen. Da muss sich die Stadt mühen, auf dem Boden zu bleiben.

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          Von heute an ist alles entschieden. Denn nun geht auch die Igedo Company, seit 1949 mit der Düsseldorfer Modemesse so etwas wie die Wacht am Rhein, an die Spree. Ausgerechnet im Café Moskau findet der kalte Krieg zwischen Düsseldorf und Berlin sein Ende: Unter dem Titel „The Gallery“ zeigt die Igedo dort 70 Mode-Kollektionen. Sie reiht sich also in die vielen Designer-Events der Hauptstadt ein – und ist das letzte Eingeständnis der einst größten Modemesse der Welt, dass die Trends jetzt tief im Osten der Republik gesetzt werden.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Dort weiß man das schon längst, nämlich seit vor fünf Jahren neben die vom Rhein stammenden Messen „Bread & Butter“ und „Premium“ auch die amerikanische Eventagentur IMG trat. Sie gründete die zunächst belächelte und seitdem stetig an Größe und Gewicht gewinnende „Mercedes-Benz Fashion Week“. Wenn man auch in Düsseldorf, München oder Hamburg noch nicht weiß, dass die spannendste kontinentaleuropäische Modestadt nach Paris nun Berlin ist – in New York, von wo IMG all ihre Modewochen von Manhattan bis Melbourne steuert, weiß man es längst. In Tokio ebenfalls: Dort verkaufen viele Berliner Designer mehr Kleidungsstücke als in den Boutiquen im Westen Deutschlands.

          Dabei schreitet die modische Modernisierung in Deutschland voran – nicht nur bei Modekunden, sondern auch bei Designern. „Früher haben noch viele Modemacher am Markt vorbeigearbeitet“, meint Johanna Kühl, die mit Alexandra Fischer-Roehler das Label Kaviar Gauche betreibt. „Oft gab es Schwierigkeiten mit Produktion, Auslieferung, Passform. Aber das ist jetzt weitgehend vorbei. Die Szene ist viel professioneller geworden.“

          Am Donnerstag zeigen die beiden Designerinnen ihre Kollektion für Herbst und Winter auf dem Laufsteg. „In der letzten Saison hatten wir ausgesetzt“, sagt Johanna Kühl, „jetzt kann man sich wieder richtig drauf freuen.“ Neben Lala Berlin und Mongrels in Common gehört Kaviar Gauche zu den äußerst erfolgreich arbeitenden jungen Etablierten. Die Modemacherinnen haben schon gut ein Dutzend Mitarbeiter, ein zweiter Laden ist konkret in Planung. In ihrem ersten Laden in der Linienstraße, erst vor anderthalb Jahren eröffnet, bieten sie neben Designermode auch Brautkleider an, die sich bei Preisen zwischen 1500 und 3800 pro Kleid wunderbar verkaufen. „Und eine Tasche nehmen die meisten auch noch dazu.“ Macht noch einmal 500 Euro.

          Die jungen Etablierten verkaufen von Berlin in alle Welt

          Auch Leyla Piedayesh ist gut im Geschäft. Die Designerin, die vor knapp acht Jahren „mit 6000 Euro aus dem Ersparten“ begann und mit nimmermüdem Furor an ihrer Marke „Lala Berlin“ arbeitet, verkauft an rund 80 Läden in Deutschland und 120 weiteren in aller Welt. Vor einem halben Jahr hat sie ihren zweiten Laden aufgemacht – in Kopenhagen. Der Druck wächst also. Oder, um es mit den stets ungeschönten Worten „Lalas“ zu sagen: „Das Geld für meine 15 festen Mitarbeiter muss ich mir alleine aus meinem Arsch ziehen.“

          Für die 41 Jahre alte Designerin kommt es jetzt eher darauf an, auf dem Boden zu bleiben: „Ich bin nicht Gott und will´s auch nicht werden“, sagt sie. Auf dem Weg nach oben probiert sie es nun dennoch mit einer kleinen Schmuck-Kollektion. Ihr Motto: „Keep it real! Mach weniger! Komm mal zur Ruhe!“ Das musste auch ihre dreieinhalb Jahre alte Tochter zu Weihnachten erfahren: „Aus der Kita kam sie mit tausend Ideen für Geschenke.“ Aber es gab nur ein Fahrrad. „Das muss reichen.“

          Auch Berlin muss sich in diesen Tagen mühen, auf dem Boden zu bleiben. Am Dienstagabend begann die Woche mit der großen Eröffnungsparty der „Bread & Butter“. Jeden Abend sind nun mindestens fünf Parallel-Feiern vorhergesagt. Das Party-Hopping wird dadurch erschwert, dass kaum ein Taxi zu bekommen ist – denn mehr als 100.000 Menschen kommen allein der Mode wegen tagelang in die Stadt. Die Hotels sind weitgehend ausgebucht. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und die neue Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz haben schon an diesem Mittwoch ein Feuerwerk an Terminen durchzustehen.

          120 Millionen Euro Wirtschaftsleistung pro Saison

          Sie machen das vermutlich gern. Denn die zusätzliche Wirtschaftsleistung durch die Modewoche liegt für die Stadt laut einer Studie der Investitionsbank Berlin bei mehr als 120 Millionen Euro pro Saison – im Juli wurden sage und schreibe 240.000 Fachbesucher bei den mehr als 120 Veranstaltungen gezählt. Tanja Mühlhans, Referentin für Kreativwirtschaft beim Wirtschaftssenat, rechnet vor, dass sich die öffentlichen Einnahmen Berlins aufgrund der zusätzlichen Wertschöpfungskette durch die Modewoche pro Jahr um 33 Millionen Euro erhöhen.

          Und im Sommer soll alles sogar noch besser werden. Dann kommt nämlich noch eine Messe hinzu, die „Panorama“, „für das preislich attraktive Volumensegment“, wie Tanja Mühlhans vornehm sagt. Auf gut Deutsch: Nach der Designer- und der Sportswear kommt bald auch die Massenmode nach Berlin. Es wird aber wohl noch lange dauern, bis Berlin so massenmodisch aussieht wie Düsseldorf.

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