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Leihmutterschaft : Verbotener Babymarkt

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Informationsmesse für den internationalen Keimzellen-Handel

In Deutschland will Gesundheitsminister Hermann Gröhe diese Möglichkeit im Falle der Samenspende mit einem Gesetz verbieten, wie es im Koalitionsvertrag vereinbart worden war. Jeder Mensch habe das Recht zu erfahren, von wem er abstammt. Vor einigen Wochen hat der Entwurf das Kabinett passiert. Die Namen aller Samenspender und Empfängerinnen werden dann für 110 Jahre zentral gespeichert. Paare und alleinstehende Frauen, die Europas anonyme Samen- und Eizellenbanken durchshoppen und meinen, es gäbe kein schlimmeres Leid als ihren unerfüllten Kinderwunsch, müssten doch verstehen, wie belastend sich eine Wunde wie die unbekannte eigene Herkunft anfühlen muss: nicht zu wissen, von wem man diese Nase hat, diese Aggression, diese Zähne, dieses Talent. Nicht zu wissen, wieso man so behaart ist. Nicht zu wissen, wie der eigene Vater lebte, und niemals die Chance zu bekommen, ihn zur Rede zu stellen und zu fragen, was er sich dabei dachte, ein Kind in die Welt zu bringen, um das er sich nie vorhatte zu kümmern. Sich alleine zu fühlen, weil jemand fehlt.

Flexible Ethik für den Kinderwunsch: Für einige Paare ist die gesetzliche Lage unbedeutend.
Flexible Ethik für den Kinderwunsch: Für einige Paare ist die gesetzliche Lage unbedeutend. : Bild: dpa

Es geht bei den „Kinderwunsch Tagen“ um Leid und darum, wie sich allmählich ein Markt auf dieses Leid konzentriert. Die Messe ist in Wirklichkeit eine Informationsmesse darüber, wie sich deutsche Gesetze umgehen lassen. Es gibt zwar auch einige hiesige Kinderwunschkliniken, die in Berlin vertreten sein werden, und genauso deutsche Samenbanken. Außerdem einige abgefahrene Sachen wie Kinderwunsch-Yoga oder Kinderwunsch-Ernährungstipps. Aber all das wird niemanden dazu bringen, zwanzig Euro für eine Tageskarte zu bezahlen. Jedes Paar, das nach einer gewissen Zeit ungewollt kinderlos ist, wird von seinem Frauenarzt ohnehin den Tipp für eine Klinik in der Nähe erhalten, die ausführlich über das berät, was in Deutschland erlaubt und was für das Paar sinnvoll ist. Völlig kostenlos. Die Messe in Berlin ist dazu da, dass ein internationaler Keimzellen-Handel entsteht, bei dem einzelne Länder miteinander um die billigsten Waren konkurrieren.

Ökonomisiertes Verhalten in der Reproduktionsmedizin

Deshalb hat sich die Messe extra einen juristischen Experten mit ins Boot geholt, damit alles auch wirklich legal ist. Und eine Frau, die dem Ganzen einen moralischen Anstrich verleiht: Petra Thorn, Familientherapeutin und Mitglied im Deutschen Ethikrat. Thorn coacht beruflich Familien bei Themen wie: „Können wir mit Freunden und Verwandten über die Zeugung mit Samenspende, Eizellspende, Embryonenspende oder Leihmutterschaft sprechen?“ Thorn sagt, sie habe zunächst nicht gewusst, welche anderen Aussteller auf der Messe anwesend sein werden. Aber jetzt, da klar ist, wer da kommt und wirbt, springt sie auch nicht ab. Ihr sei es darum gegangen, dass „die psychosoziale Kinderwunschberatung“ vertreten sei. Denn eine umfassende Auseinandersetzung mit den psychologischen Fragestellungen im Vorfeld seien wichtig, damit „Paare für sich entscheiden können, ob eine Familienbildung mit Samen oder Eizellen anderer Personen für sie der richtige Weg ist.“

Das ist eine eigentümliche Auffassung von der menschlichen Entscheidungsfreiheit, ohne gesellschaftlichen oder moralischen Aspekt. Denn es kann nicht jedem freistehen, „für sich zu entscheiden“, wie er sich verhält. Man mag sich nicht strafbar machen. Aber man handelt ethisch fragwürdig. Leider scheint sich aber im Bereich der Reproduktionsmedizin ein ökonomisiertes Verhalten durchzusetzen, das darauf keinen Wert mehr legt. Jeder ist sich selbst der Nächste. Irres Verhalten irgendwie, es geht ja immerhin um Familien.

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