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Berliner Friedhöfe : Audio-Tour zu den Toten

  • -Aktualisiert am

Ein Mahnmal für HIV-Opfer auf dem Berliner Friedhof St. Matthäus Bild: F.A.Z. / Christian Thiel

Berlin braucht weniger Friedhofsfläche, weil die Bevölkerung schrumpft und Feuerbestattungen im Trend liegen. Dennoch tut sich viel auf den Friedhöfen. So kann man etwa beim Rundgang „Kreuz und Queer“ die Gräber Homosexueller aufsuchen.

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          Im Herbst ist auf Friedhöfen viel los. Doch in Berlin sind Friedhöfe immer ein heißes Pflaster, man staunt, was sich auf ihnen tut und wer dort aktiv ist. Neulich wurde in der Kapelle des Alten St.-Matthäus-Friedhofs zum Beispiel ausgiebig des 175. Geburtstags von Gustav Langenscheidt gedacht.

          Der im Sommer gegründete Verein Efeu - das steht für Erhalten, Fördern, Entwickeln und Unterstützen - hatte die Autorin der Verlagsgeschichte, Maria Ebert, gebeten, einen Lichtbildervortrag zu halten, und bot dazu einen Rundgang über den Friedhof und Informationen über die Vorhaben des Vereins an. Fünfzig Personen saßen in der durchaus kühlen Kapelle und lauschten geduldig. Dabei steht das Langenscheidtsche Mausoleum gar nicht mehr auf diesem Friedhof, sondern es wurde 1939 auf den Südwestfriedhof Stahnsdorf gebracht, weil der Friedhof von St. Matthäus zum Teil den Stadtumbauplänen von Albert Speer weichen musste.

          Friedhofrundgang „Kreuz und Queer“

          Enthusiasten sind großzügig mit ihrer Zeit; und so war man am Ende froh, dass inzwischen im alten Verwaltungsgebäude von St. Matthäus ein kleines Café arbeitet, in dem man sich bei gutem Kaffee und hausgemachten Kuchen wärmen kann. Nebenan liegt ein Blumenladen, den Raum über dem Café hat die Kirchengemeinde Efeu als Vereinslokal überlassen. Auf dem St.-Matthäus-Friedhof erkennt man ein gedeihliches Miteinander zwischen Denkmalschutz, Kirchengemeinde - und einer neuen Gruppe von Friedhofsnutzern, die sich als äußerst engagiert erweist.

          In St. Matthäus liegen inzwischen 80 Homosexuelle

          Seit in den achtziger Jahren Aids auftrat, stehen Schwule und ihre Freunde häufig an den Gräbern ihrer früh verstorbenen Lieben. In St. Matthäus liegen - und beim Rundgang „Kreuz und Queer“ kann man ihre Gräber besuchen - inzwischen 80 Homosexuelle. Einige von ihnen liegen in einem ehrwürdigen alten Erbbegräbnis, das nun ein Sammelgrab ist. Getragen und gepflegt wird es von einem Verein: „Denk mal positHIV“.

          20.000 Euro zur Wiederherstellung eines Grabes

          Die jungen Leute scharrten mit den Füßen, als der Gartendenkmalpfleger Klaus von Krosigk kürzlich an einem schönen Sonntagvormittag vor den Nachfahren des preußischen Aufklärers Moses Mendelssohn vortrug, wie aufwendig die Wiederherstellung eines historischen Grabes ist. Sie kostet in der Regel 20.000 Euro.

          Bei Max Liebermann und für das Grab der Mendelssohns auf dem alten jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg fanden sich Sponsoren. Sonst, berichtet von Krosigk, müsse man sich damit begnügen, Grabsteine wiederaufzurichten und die Infrastruktur - Wege, Hinweisschulder - zu erhalten. Selbst gemeinsam könnten die staatliche Denkmalpflege und die jüdische Gemeinde nicht alle alten Friedhöfe wiederherrichen.

          Weißensee wird nicht Weltkulturerbe

          Im größten jüdischen Friedhof Berlins in Weißensee - er umfasst 42 Hektar Fläche - habe man sich bei der letzten Sanierung in den neunziger Jahren darauf beschränkt, die Wegeanzeiger aus Email zu erneuern, berichtet von Krosigk. Das ist allerdings recht nützlich, denn die großen Wege und Alleen sind frei, und mit Hilfe der Schilder findet man leicht das Grab „Abt. E 4 Reihe 9“. Vorläufig gescheitert ist allerdings das Vorhaben des Senats, Weißensee bei der Unesco als Weltkulturerbe anzumelden.

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