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Berlin : Langer Samstag, kleine Wunder

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Länger offen Bild: AP

Dem "langen Samstag" ist in Berlin eine große Zukunft vorherzusagen, schließlich locken hier Veranstaltungen wie die "Lange Nacht des Shopping" Hunderttausende auf die Straßen und an die Buden.

          Dem "langen Samstag" ist in Berlin eine große Zukunft vorherzusagen, schließlich locken hier Veranstaltungen wie die "Lange Nacht des Shopping" Hunderttausende auf die Straßen und an die Buden. Der Berliner liebt es, einkaufen zu können, selbst wenn er es sich nicht recht leisten kann oder gar nicht einkaufen mag. Es wirkte daher plausibel, an diesem schönen Samstag nachmittag den Kurfürstendamm im feinen Halensee ausgestorben, mit vielleicht einigen Autos mehr als üblich, zu sehen, während sich von der Uhlandstraße an, wo die Läden billiger werden, die Leute nur so in die zum ersten Mal bis 20 Uhr geöffneten Geschäfte stürzten.

          Bei "Gap" probierten junge Frauen Hosen gleich vorn im Laden an; vor den Umkleidekabinen hinten standen Schlangen. Das KaDeWe war angenehm belebt. Nicht zu voll, das wäre beim Prüfen der "Kurland"-Teller (zu 24 Euro statt 30) von KPM gefährlich gewesen. Alle halbe Stunde wurde der Kundschaft mitgeteilt, daß sie an diesem Samstag länger bleiben durfte - bis sechs Uhr. Der Betriebsrat des Kadewe ziert sich bei jeder Ladenöffnung.

          Berliner kaufen gern ein

          Daß die Ost-Berliner gern einkaufen gehen, ist dreizehn Jahre nach dem Fall der Mauer vielleicht erklärungsbedürftig: In der "Hauptstadt der DDR" herrschte Knappheit. Und wer sich an Mauerzeiten in West-Berlin erinnert, denkt mit Schaudern daran, wie früh man am Samstag vor Pfingsten die Supermärkte stürmen mußte, wenn man noch alle Waren bekommen wollte, die man auf den Tisch bringen wollte. Zu Ladenschluß herrschte im freien West-Berlin vor Feiertagen regelrechte Blockade-Stimmung.

          Damit ist es vorbei. Selbst der Pankower Bio-Laden in der Wolfshagener Straße wird nun samstags bis acht Uhr abends geöffnet halten, und um die Ernsthaftigkeit des Bemühens zu demonstrieren, wurde eine "Happy hour" mit Rabatt von 18 bis 20 Uhr an allen Juni-Sonnabenden eingeführt. Die Versorgungslage ist im Osten Berlins unvergleichlich viel besser geworden, doch die Sache mit den Öffnungszeiten bleibt seltsam. Wie sehr gönnt man den kompetenten Herrschaften aus der Reinigung ihren freien Samstag und den freundlichen Verkäuferinnen des einzig guten Bäckers weit und breit ihren freien Montag und den Eisverkäufern ihre freien Vormittage.

          Konsument sein ist nicht leicht

          Seltsam kompliziert ist's dennoch, im Hauptstadt-Teil Berlins Konsument zu sein. Nur im Kaufhaus Lafayette ist es ganz einfach: Montag bis Samstag 10 bis 20 Uhr. Die großen Einkaufszentren an den wichtigsten S-Bahnhöfen nutzen seit langem jeden noch so lachhaften Vorwand, die Läden länger zu öffnen, und das Publikum scheint es zu goutieren. Blöd war nur, daß jedesmal, wenn sonntags geöffnet wurde, samstags schon um 14 Uhr geschlossen wurde. Bis man im Kopf hatte, wann welcher Laden öffnet und schließt, änderte die nächste Reform schon wieder alles.

          Zum Dienstleistungsparadies ist es auch in Berlin noch ein langer Weg. Unterwegs geschehen allerdings kleine Wunder. Die SPD beschloß kürzlich, den Ladenschluß alltags freizugeben, und der Einzelhandel - der im Winter das schlechteste Jahr seit Ende des Zweiten Weltkrieges beklagte - fordert gemeinsam mit SPD, CDU und FDP, Berlin solle im Bundesrat eine entsprechende Initiative starten.

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