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Berlin : Der „Waldjunge“ ohne Erinnerung

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Der „Waldjunge“ nennt sich „Ray“, seine Identität ist bis heute nicht geklärt Bild: dpa

Trotz DNA-Analysen und internationaler Unterstützung hat die Polizei noch immer nicht die Identität des Jungen klären können, der im September 2011 in Berlin auftauchte. „Ray“ selbst kann sich angeblich nur an seinen Vornamen und sein Geburtsdatum erinnern.

          Er bleibt ein Mysterium. Dabei hat die Berliner Polizei alles getan, um herauszufinden, wer der „Waldjunge“ ist, der am 5. September 2011 im „Roten Rathaus“ erschien und sich selbst „Ray“ nennt. Sie hat Interpol eingeschaltet, ein Foto des Jungen an die ausländischen Kollegen geschickt, DNA und Fingerabdrücke verglichen. Nichts brachte sie weiter. „Die Möglichkeiten sind ausgeschöpft“, sagt eine Polizeisprecherin. Am Dienstag nun haben sich die Polizei und das Jugendamt an die Öffentlichkeit gewandt und um Hilfe gebeten. Sie veröffentlichten ein Foto des Siebzehnjährigen, der überwiegend Englisch und ein wenig Deutsch spricht. Wer kennt den dunkelblonden Jungen mit den blauen Augen, dessen Geschichte schier unglaublich klingt?

          Er erzählte sie dem Jugendnotdienst, an den er von den Mitarbeitern des Rathauses verwiesen wurde. Er wisse nur seinen Vornamen, nämlich „Ray“, und dass er am 20. Juni 1994 geboren sei. Seinen Nachnamen und seinen Herkunfts- und Geburtsort kann oder will er bis heute nicht nennen. Bevor er in Berlin ankam, sei er fünf Jahre mit seinem Vater durch die Natur gewandert und habe in Höhlen und Zelten geschlafen. Der Vater sei im August gestorben. Er habe ihn im Wald in einer Grube beerdigt und mit Steinen zugedeckt. Wo er seinen Vater beerdigt hat, kann oder will „Ray“ nicht sagen. Nach dem Tod des Vaters sei er fünf Tage nordwärts gelaufen, bis er nach Berlin kam. Über seine Mutter machte er nur vage Angaben. Sie habe Doreen geheißen und sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als er zwölf Jahre alt war. Einziges Indiz für ihre Existenz: eine Kette mit dem Buchstaben D, die der Junge bei sich trug. An den Unfall habe er keine Erinnerungen mehr. Womöglich stammen einige Narben in seinem Gesicht von diesem Unfall.

          Behörden hegen Zweifel an Geschichte

          Doch die Behörden hegen Zweifel an der Geschichte. Sie sei nicht schlüssig, sagt Heidi Vogt von der Berliner Polizei. Als „Ray“ in Berlin erschien, seien seine Haare geschnitten, die Fingernägel sauber, die Kleidung nicht verdreckt und seine Ausrüstung, Zelt, Schlafsack und Rucksack, in einem „hochwertigen Zustand“ gewesen. „Er hat kein großes Interesse daran, herauszufinden, wer er ist“, meint Vogt. Der junge Mann habe sich sehr schnell in der Stadt zurecht gefunden und sei geübt im Umgang mit dem Computer.

          Auch Stefan Koch von der Wildnisschule Allgäu hat von dem Fall gehört. „Fünf Jahre komplett draußen zu leben ist sehr anspruchsvoll“, sagt der erfahrene Überlebenstrainer. Dazu brauche man extrem gute körperliche Fähigkeiten und viel Wissen. Das hätten nur wenige. Sich für ein paar Wochen durch die freie Natur zu schlagen, sei das eine - aber jahrelang? „Es ist fraglich, wie es der Junge geschafft hat, über einen solchen Zeitraum Winter, Nässe und Kälte zu trotzen“, sagt Koch. Vor allem stelle sich die Frage nach der Ernährung.

          Wie es scheint, wird sich „Ray“ nicht mehr zu seinem Leben im Wald äußern. Er könne sich einfach nicht erinnern. Selbst sein Vormund wolle mit niemandem sprechen, sagt Ed Koch vom Jugendamt Tempelhof-Schöneberg. Wenig aufschlussreich sind bislang auch die Hinweise aus der Bevölkerung. Gut 70 Anrufe waren bis Donnerstagnachmittag bei der Polizei eingegangen. Eine „heiße Spur“ sei aber noch nicht dabei gewesen.

          „Ray“ will einen Schulabschluss machen

          Nun sind seit der Veröffentlichung des Fotos gerade einmal drei Tage vergangen. Erfahrungsgemäß könne es durchaus eine Weile dauern, bis sich jemand melde, der den Jungen gesehen habe, sagt der für das Jugendamt zuständige Bezirksstadtrat in Tempelhof-Schöneberg, Oliver Schworck. Gleichwohl kommt dem Stadtrat die Geschichte sehr rätselhaft vor: „Wenn wir alle Menschen in dieser Republik fragen und niemand meldet sich, ist das sehr mysteriös.“ Wenn in einem Monat immer noch keine heiße Spur gelegt sei, werde man „Ray“ wohl glauben müssen. „In dubio pro reo“, dieser Grundsatz gelte für ihn schließlich genauso. „Ray“ sei ein unauffälliger, durchschnittlicher Mensch, erzählt Schworck. In der U-Bahn würde man kaum Notiz von ihm nehmen.

          Offenbar will der Waise nicht mehr länger ein „Waldjunge“ sein. Er besucht seit geraumer Zeit einen Deutsch-Kurs und will danach einen Schulabschluss machen. Wenn er volljährig ist, wird er auf sich gestellt sein und „zunächst wohl von staatlicher Unterstützung leben“, wie der Stadtrat sagt. Er schließt nicht aus, dass doch noch Bruchstücke der Identität von „Ray“ bekannt werden.

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