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Bergsteigen im Himalaja : Neue Regeln für das große Gipfelabenteuer

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Vorschriften für Giganten: Durch neue Regeln soll die Rekordjagd unter Bergsteigern eingedämmt werden, auch am Mount Everest (im Bild links). Bild: Stephanie Geiger

Für das Bergsteigen im Himalaja will Nepal neue Regeln aufstellen. Ang Tshering Sherpa ist ein Mitglied der Kommission, die der Regierung Richtlinien vorschlägt. Im F.A.Z.-Interview spricht er über die kommenden Veränderungen und die Unfälle von Kletterern.

          Ang Tshering Sherpa, in Nepal soll es neue Regeln für das Bergsteigen geben. Wie weit ist die Kommission, der Sie angehören, mit ihrer Arbeit?

          Vor kurzem haben wir ein Papier an die Regierung übergeben. Was zum Beispiel den Mount Everest betrifft, soll sich für Ausländer nichts ändern. Für Nepalesen haben wir die Voraussetzungen aber verschärft. Sie sollen in Zukunft mindestens einen Sechstausender bestiegen haben, bevor sie ein Permit für den Everest bekommen. Und wenn jemand am Mount Everest einen Rekordversuch unternehmen will, dann – so schlagen wir vor – muss er sich das vorher vom Tourismusministerium genehmigen lassen.

          Immer mehr Leute wollen auf den höchsten Berg der Welt. Da kommt es schon zu Stauungen. Bis in die achtziger Jahre durfte vor und nach der Monsunzeit jeweils nur eine Expedition von Nepal aus auf den Berg. Denken Sie wieder über Kontingentierungen nach?

          Nein. Der Andrang ist kein Problem. Als ich vor einigen Jahren auf den Mont Blanc stieg, waren an dem Tag 250 andere Bergsteiger mit mir auf dem Gipfel. Die Route über den Südsattel auf den Everest haben im ganzen vergangenen Jahr 325 Ausländer genommen, begleitet von 359 Sherpas.

          Aber 2012 sind die meisten im Everest-Basislager versammelten Bergsteiger gleichzeitig zum Gipfel aufgebrochen. In der Lhotse-Flanke hingen sie wie auf einer Perlenkette an einem Seil.

          Das haben wir 2013 besser gemacht. Da wurden die Seile bis Anfang Mai fixiert. Und dann haben sich die Expeditionen abgesprochen, wer wann geht und welches Wetterfenster nutzt. Es wurde auch genau geschaut, wer überhaupt in der Lage ist, den Gipfel zu erreichen. Im Mai gab es dann diese Fotos aus der Lhotse-Flanke schon nicht mehr.

          Dafür aber Meldungen über Schlägereien zwischen drei europäischen Extrembergsteigern und nepalesischen Sherpas in der Lhotse-Flanke. Simone Moro, Ueli Steck und Jonathan Griffith brachen ihre Expedition auf den Everest ab.

          Grundsätzlich ist Mount Everest für jeden da. Aber: Die besten Bergsteiger in den Alpen sind nicht die besten im Himalaja. Was das bedeutet, wissen die Einheimischen einfach besser.

          Simone Moro und Ueli Steck gehören doch aber auch an den Achttausendern zu den besten.

          Aber beide Seiten müssen besser zusammenarbeiten. Das bedeutet Trainings für die Sherpas und Briefings für die Ausländer. Ausländer unterschätzen den Himalaja oft. Sie wollen einfach nur auf die Gipfel. Die Folge dieser Mentalität sind Unfälle von Kletterern, die allein ohne Sherpas unterwegs sind. Bei Unfällen ist schwer, ihnen zu Hilfe zu kommen, denn oft wissen wir nicht einmal, wo sie sind und was sie vorhaben. Es dauert Tage, bis wir sie finden. Zu spät.

          Ang Tshering Sherpa

          Bei der letzten Vollversammlung der Internationalen Union der Alpinismusvereinigungen (UIAA) haben Sie beantragt, weitere Berge als Achttausender anzuerkennen.

          Wir wollen keine neuen Berge erfinden, sondern die Achttausender herausstellen, die jetzt nur Nebengipfel gelten. Wir haben der UIAA vorgeschlagen, in Nepal am Kangchendzönga (8586 Meter) den Westgipfel (8505 Meter), den Mittelgipfel (8473 Meter) und den Südgipfel (8476 Meter) zu eigenständigen Achttausendern zu erklären, ebenso am Lhotse den Mittelgipfel (8413 Meter) und den Lhotse Shar (8382 Meter) und in Pakistan den Zentralgipfel des Broad Peak (8011 Meter).

          Wenn es nach neuen Regeln plötzlich sechs Achttausender mehr gibt, müssen dann Gerlinde Kaltenbrunner, Reinhold Messner und alle anderen, alle 14 Achttausender bestiegen haben, jetzt noch einmal loslegen?

          Nein. Wir wollen diese kolossalen Leistungen nicht schmälern. Da wird man weiter unterscheiden müssen zwischen den Achttausendern, die traditionell als solche gelten, und denen, die neu dazu kommen.

          Was bezwecken Sie mit Ihrem Vorstoß?

          In Nepal gibt es mehr als 3000 Gipfel, die höher als 5500 Meter sind. Davon dürfen 310 bestiegen werden. Insgesamt sind es aber fast 2000, die sich für das Bergsteigen eignen, die aber vielfach nicht einmal einen Namen haben. Diesen Schatz wollen wir heben. Wieder andere Berge gelten den Einheimischen als heilig. An die wollen wir nicht ran. Die fünf Gipfel, von denen jetzt in Nepal die Rede ist, wurden alle schon bestiegen. Sie würden sich für kommerzielle Expeditionen eignen und sollen künftig dafür freigegeben werden. Wir wollen Bergsteigern neue Ziele eröffnen, vor allen auch dem Nachwuchs.

          Ihnen geht es also darum, mehr Menschen zum Bergsteigen nach Nepal zu locken?

          Der Tourismus ist für uns eine wichtige Einnahmequelle. Viele Menschen finden Arbeit in der Branche. Und schließlich nehmen wir mit den Permits für die Gipfel auch Geld ein.

          Bis zu 100.000 Dollar kostet der Everest mittlerweile bei manchen Expeditionsveranstaltern.

          Das Schlimme ist, dass davon nur der kleinste Teil in Nepal bleibt. Wie viel ein Sherpa verdient, hängt davon ab, wie viel er arbeitet. Ein Sherpa kommt in einer Saison vielleicht auf 3000 Dollar. Wenn er mit dem Expeditionsteilnehmer den Gipfel erreicht, kommen noch einmal 800 Dollar dazu. Wenn er nicht so hoch steigt, ist das viel weniger.

          Mehr Touristen sind aber auch eine Belastung für die Natur, Stichwort wilde Müllkippen an den Gipfeln und andere Hinterlassenschaften. Hat die Kommission sich damit auch befasst?

          Gerade die Gletscher, von deren Wasser wir ja leben, wollen wir schützen. Im Everest-Basislager werden die Fäkalien in Tonnen gesammelt und weit weg vom Gletscher entsorgt. Wir haben vorgeschlagen, dass die Bergsteiger biologisch abbaubare Plastiksäcke für die Ausscheidungen mitnehmen. Am Mount McKinley (6194 Meter) in Alaska wird das schon lange praktiziert. Aber das sind bislang alles nur Vorschläge. Die Regierung muss entscheiden, welche unserer Vorschläge sie in die Tat umsetzen will.

          Die Fragen stellte Stephanie Geiger.

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