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Bergmann Ernst Blut : Glück auf die alten Tage

  • -Aktualisiert am

Dass Ernst Blut noch einmal als Bergmann arbeiten würde, hätte er nicht gedacht Bild: Felix Seuffert

In der „Historischen Silbergrube Lautenthals Glück“ im Harz arbeitet ein Museumsführer wieder in seinem alten Beruf. Wenn es seine Zeit zulässt, gräbt Ernst Blut einen Schacht, der ihn auch zurück in seine Jugend führt.

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          Zwanzig Meter unter der Erde steht Herr Blut hinter dem Tresen, kocht Kaffee und setzt Heißwürstchen auf. Das Bergbaumuseum „Historische Silbergrube Lautenthals Glück“ kämpft um seinen Fortbestand, Ernst Blut kämpft als Hausmeister mit: Würstchen erhitzen, Besuchergruppen führen, Schächte instand halten. Zwischendurch spült er Tassen und schenkt einem der wenigen Touristen, die an diesem Tag an der Untertage-Bar bestellen, eine Fanta aus. Der Tresen ist eine uralte Holzbohle, die in einem Schacht lang unter Wasser lag. Herr Blut liebt das Detail und kennt die Details. Er ist eigentlich weder Hausmeister noch Barmann. Er ist Bergmann.

          Seit einigen Monaten arbeitet er auch wieder als Bergmann, und damit war wirklich nicht zu rechnen. Denn vor 17 Jahren schloss das letzte Erzbergwerk im Oberharz. Wenn wenig zu tun ist, setzt er sich seinen Helm und eine Grubenlampe auf, nimmt die alten Geräte, fährt in den Stollen herab und macht sich in seinem alten Lehrberuf nützlich. Es geht darum, einen jahrhundertealten Silberschacht wieder zugänglich zu machen, das verschüttete Schachtsystem „Güte des Herrn“. Irgendwann im Winter oder Frühling werden sie den neuen Schacht vollendet haben und durch ihn hineingehen in den alten, der seit 80 Jahren von niemandem betreten wurde. Liegen da noch alte Geräte? Ist das Schachtsystem touristisch nutzbar?

          Der Zug rollt scheppernd in den Berg

          Vor 40 Jahren, im Jahr 1969, ging Ernst Blut im Harzer Erzbergwerk „Hilfe Gottes“ in die Lehre. Er arbeitete dort bis ins Jahr 1985, als der tausendjährige niedersächsische Bergbau - im Jahr 968 ließ Kaiser Otto Erzadern erschließen - keine Zukunft mehr hatte. Morgens um sechs fuhr er mit 200 Kumpeln den Schacht hinab. Um sieben Uhr waren alle unten. In 850 Metern Tiefe presste er Dreh- und Schlaghammer ins Gestein und fuhr Ladewagen durch den Schacht. Wenn er heute Besuchern erklärt, wie es hier früher zuging, spricht er nicht wie ein Museumsführer, sondern so, als bilde er gerade Lehrlinge aus: „Wenn er voll ist der Wagen, abkoppeln, nächsten Wagen hinten.“

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          Die Erzgruben sind hier in Lautenthal bis zu 600 Meter tief, doch unten stehen längst alle Gruben unter Wasser. Ernst Blut fährt mit dem „Bandscheibenexpress“ ratternd die Grube „Lautenthals Glück“ nur 25 Meter herab, der verschüttete Silberschacht liegt nicht tief. „Fahrzeuge fahren, das ist mein Leben“, sagt er. Der Zug rollt scheppernd in den Berg. „Ein Berchmann fährt immer“, erläutert Blut mit seinem niedersächsischem Zungenschlag. „Ein Berchmann läuft nicht, der geht nicht, der fährt.“

          Sechsmal brach sein Kiefer

          Blut stoppt den Zug an der neuen Bohrstelle, steigt aus und stellt sich neben ein grün-gelb lackiertes Grubenrelikt. „Das ist der Lader, den wir wieder zum Leben erweckt haben.“ Unter Tage weht Zugluft. Es ist kalt. „Ein Berchmann friert nicht“, sagt der Bergmann. Die Arbeiten begannen vor gut einem Jahr. Zehn Meter sind die Kumpel schon in den Berg vorgedrungen. Auch der Museumsdirektor Gerhard Menzel, der früher auf der DDR-Seite des Harzes Bergmann war, packt mit an. Und als Dritter auch Wolfgang Dittmann, bis 1991 Bergarbeiter. Die drei sind nicht mehr im Alter für harte körperliche Arbeit, aber jetzt sprengen sie wieder und schaufeln.

          Am 9. September 1970 hatte Ernst Blut einen schweren Unfall. Steine lösten sich von der Decke und fielen auf seinen Kopf. Sechsmal brach sein Kiefer, einmal sein Schulterblatt. Danach musste er lang pausieren. Er ging danach gleich wieder in den Berg, um der Angst keine Chance zu geben. Man setzte ihn fortan in der Vermessung ein. Als es mit dem Erzabbau bergab ging, nahm er verschiedene Jobs in anderen Fabriken an, 1995 wurde er arbeitslos. Das Museum in Lautenthal suchte einen Hausmeister, Blut unterschrieb und machte schon bald nebenbei Besucherführungen.

          Einige Steinchen lösen sich von oben

          Jetzt steht er freiwillig wieder am Lader. Jahrzehntelang rostete die Lore draußen vor dem Museum, nun haben die drei Männer sie wieder fitgemacht. Ernst Blut schiebt den Lader langsam vor, das Gerät schiebt seine Schaufel in einen Schieferhaufen, röhrt, rattert, pfeift und hebt einige Ladungen zersprengtes Gestein in den Wagen. Einige Steine fliegen daneben, es staubt. Plötzlich streikt das Gerät. „Zu wenig Luftdruck“, sagt Blut und ruft enttäuscht den Techniker von der Hydraulik an.

          Weil der Lader nun nicht mehr funktioniert, klettert Blut, der mit seinem furchigen Gesicht und seinem dynamischen Blick zugleich älter und jünger aussieht als seine 57 Jahre, über den Schutthaufen nach oben bis zur Grenze der neuen Sprengungen und stochert mit einer Holzstange am Gestein über seinem Kopf herum. Einige Steinchen lösen sich von oben. Als er unverletzt wieder vom Schutthaufen herabgestiegen ist, ist auch er außer Atem, so wie sein Gerät, der Lader, und sagt: „Das ist ein Erlebnis hoch drei, das kann man gar nicht rüberbringen. Man lebt wieder auf.“

          Er ging immer gern zur Arbeit, auch seine Brüder und sein Vater waren schon Bergleute. „Wenn sie noch mal einen Bergbau aufmachen würden, würde ich da hingehen und mitmachen.“ Der Berg hat ihn als jungen Mann fast getötet, doch es scheint nicht klar, ob für Ernst Blut die Jugend im Stollen oder die vielen Jahre in irgendwelchen Jobs, als unten sein Beruf starb, härter waren. Draußen dreht sich ein altes Wasserrad, die Backsteinhäuser des Ortes haben noch gemeißelte Bergmannssymbole über den Eingangstüren. Es riecht schon nach Kamin. Zum Abschied sagt Ernst Blut „Glück auf“: „Unter Berchleuten sagt man nicht ,Morgen' oder so, immer nur ,Glück auf'.“ Auch wenn der letzte Stollen fertig ist.

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