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Fastfood in der Kirche : Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Burgers

  • Aktualisiert am

Bild: McMass

Die Kirche verliert auch in den Vereinigten Staaten Gottesdienstbesucher. Ein Berater glaubt zu wissen, wie sich die Entwicklung aufhalten lässt: Er will Fastfood-Filialen in Kirchen eröffnen.

          Schon klar, mit Oblaten und Rotwein allein macht man aus Gottesdienstmuffeln keine überzeugten Kirchgänger. Aber was ist mit Burger und Pommes? Lassen sich mit dem Versprechen auf gebratenes Rinderhack im Brötchen die Bänke schlecht besuchter Gotteshäuser füllen? Ein amerikanischer Unternehmensberater ist davon überzeugt und möchte es beweisen. Paul Di Lucca von Lux Dei Design, einer Agentur, die Kirchen berät, will gemeinsam mit einigen Unterstützern eine Million Dollar sammeln und eine McDonald’s-Filiale in einer Kirche eröffnen. Und das sei kein Scherz, versicherte Di Lucca gegenüber NBC.

          Das große gelbe M auf der Fassade einer Kirche ist kein völlig unbekannter Anblick. In manchen Städten haben sich Fastfood-Ketten längst in Gotteshäuser eingemietet, allerdings in solche, die von der Kirche zuvor aufgegeben wurden. Schon damit ist für viele Gläubige die Grenze des guten Geschmacks überschritten. Paul Di Lucca aber will Burger in einer Kirche verkaufen, in der das Wort Gottes noch verkündet wird. „Wir hauchen Kirchen als Zentren für Konversation und kulturelles Engagement neues Leben ein“, versprechen die Initiatoren von „The McMass Project“ auf der Crowdfunding-Seite Indiegogo, wo sie um finanzielle Unterstützung werben.

          Di Lucca setzt auf Synergieffekte

          Zusammengefasst setzen Paul Di Lucca und seine Mitstreiter auf, um im Beratersprech zu bleiben: Synergieeffekte. Der Kirche läuft mehr und mehr das Publikum davon, und mit dem Publikum schwindet auch die Finanzkraft; dafür hat die Kirche traumhafte Immobilien in bester Innenstadtlage. McDonald’s hingegen hat Publikum und Geld zuhauf, würde sich aber über mehr traumhafte Immobilien freuen. Ganz klar, schließen die Berater: Eine Fusion wäre eine klassische Win-Win-Situation. Sie schreiben: „Indem wir eine Kirche und ein McDonald’s vereinen, schaffen wir eine sich selbst erhaltende, von der Gemeinschaft getragene, volksnahe Kirche.“

          Was haben sich kluge Leute in vielen Ländern ihren Kopf darüber zerbrochen, wie die Kirche auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren muss, über Individualisierung und nachlassende Bindekraft gesellschaftlicher Großorganisationen debattiert. Doch auf der Internetseite von „The McMass Project“ sehen die Welt und ihre Probleme auf einmal so einfach aus: ein nettes Erklär-Video, Infografiken, die vermutlich der neuesten in Beraterseminaren gelehrten Mode entsprechen, ein Hashtag, der die Idee zum Virus machen soll (#Feast4Jesus), und Incentives für die Geldgeber (Sticker, T-Shirts, Kappen). Und dann die Losung, vorgetragen mit einem Selbstbewusstsein, das so wohl auch nur in Beraterseminaren zu erlernen ist: „Wir können all diese Probleme lösen.“

          Sogar auf etwaige Vorbehalte von Gläubigen, Di Luccas Idee zur Rettung der Religion könnte mit der Religion selbst schlecht zu vereinbaren sein, geht das Vermarktungskonzept ein. Im Video heiß es: „Trappisten haben Bier verkauft, um ihr Kloster zu finanzieren.“ Dennoch machten die Berater von „The McMass Project“ den Fehler, den schon mancher Berater vor ihnen gemacht haben soll: Beim Malen bunter Flipcharts vergaßen sie, den Geist der zu beratenden Institution zu ergründen. Denn wie reagierte Jesus, als er all die Händler und Geldwechsler im Vorhof des Jerusalemer Tempels sah?  Richtig: Er wurde grantig. Wohl auch, weil das die Mehrheit der Christenheit weiß, hat „The McMass Project“ in zweieinhalb Wochen erst 242 Dollar gesammelt.

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