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Bischof Müller : Der Wächter

„Kleider machen Leute“ - das Doppelporträt des Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller von der Fotografin Herlinde Koelbl. Bild: dpa

Als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre wird der Regensburger Bischof Müller künftig im Auftrag des Papstes über die Reinheit der Glaubens- und Sittenlehre der katholischen Kirche wachen. Ihn als vielseitig zu beschreiben, ist noch zurückhaltend.

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          Gerhard Ludwig Müller hängt noch bis Ende Juli im Dresdner Hygienemuseum. Nicht nur einmal, sondern doppelt. Der eine Müller zeigte sich der Fotografin Herlinde Koelbl in Uniform aus Birett, Mozetta, Rochett und Soutane. In Verbindung mit Blick und Körpersprache wirkt die schreiend rote Chorkleidung des Bischofs wie ein Panzer im Kampf gegen die Feinde des Glaubens und der Kirche. Der andere Müller trägt Sandalen und schaut in seinem blau-weißen Trainingsanzug den Betrachter so freundlich an wie der Nachbar, der am Samstag früh die Brötchen vom Bäcker mitgebracht hat.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Schon vor dieser phänomenalen fotografischen Doppelinszenierung hatte sich vielen, die dem Bischof von Regensburg und vormaligen Dogmatik-Professor in München begegnet waren, die Frage aufgedrängt, wie viele Körper Müller eigentlich besitzt. Denn nicht nur dem Augenschein nach ist es ein- und derselbe Mann, der die Laien in der katholischen Kirche in Deutschland im Namen des göttlichen Rechts Mores lehrt, den Deutschen Katholikentag nach Regensburg ein- und dessen langjährigen Präsidenten Hans Maier wegen dessen Sympathie für „Donum vitae“ auslädt.

          Es sind augenscheinlich auch nicht zwei namensgleiche Müllers, von denen sich der eine Joseph Kardinal Ratzingers Dokument „Dominus Iesus“ so anverwandelt, dass er die Eingangsworte zu seinem bischöflichen Wahlspruch wählt, der andere aber einst bei Professor Karl Lehmann eine Dissertation über die Sakramente im Denken des protestantischen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer verfasst hat und als Vorsitzender der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz mit Sachkenntnis glänzt.

          Und es ist wirklich derselbe Mann, der 1995 eine „Katholische Dogmatik“ veröffentlicht, die das einzige Lehrbuch auf dem Markt ist, das (um Papst Benedikt XVI. höchstselbst zu zitieren) „das große Gefüge der Welt des katholischen Glaubens in seiner inneren Einheit sichtbar macht“ - und der zusammen mit seinem von der vatikanischen Kongregation für Glaubenslehre immer argwöhnisch beäugten Freund und Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez ein Buch schreibt, in dem eben jene Befreiungstheologie als „im regionalen Kontext und für die weltweite theologische Kommunikation unaufgebbar“ bezeichnet wird?

          Diesem als vielseitig noch zurückhaltend charakterisierten Mann, der am Silvestertag des Jahres 1947 in Mainz geboren und für das Bistum Mainz im Februar 1978 zum Priester geweiht wurde, hat Papst Benedikt nun eine der wichtigsten Aufgaben in der Kirche zugedacht: Als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre hat Müller künftig über die Reinheit der Glaubens- und Sittenlehre der katholischen Kirche zu wachen. Dafür bedarf es aber weniger der Fähigkeit, die Farben und die Haltung zu wechseln, als einer Synthese von Klarheit im Urteil und Klugheit im Umgang. Sollten gar die vielen Körper des einen Mannes unter der Last der neuen, mit dem Kardinalspurpur einhergehende Aufgabe endlich zu einem verschmelzen?

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