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Bellevue : Das Schloss von innen

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Ein Mal im Jahr wird das Schloss für einen größeren Teil der Gesellschaft geöffnet, dann bittet der Bundespräsident zum Sommerfest
Ein Mal im Jahr wird das Schloss für einen größeren Teil der Gesellschaft geöffnet, dann bittet der Bundespräsident zum Sommerfest : Bild: ddp images/dapd/Johannes Eisele

Sie sind aber nicht in London, und das Schloss Bellevue ist - auch wenn der „protokollarische Durchbruch“, wie jetzt notiert wurde, 1987 mit einem Tee Richard von Weizsäckers mit der britischen Königin gekommen sei - auch nicht die kleinere Ausgabe des Buckingham-Palastes. Am Sitz des deutschen Staatsoberhauptes weht die Fahne immer. Seine Wohnung hat es ohnehin nicht mehr im Schloss. Einst tagte hier, zu Bismarcks Zeiten, die Oberste Heeresleitung. Später war es ein Museum und zur Zeit des Nationalsozialismus „Gästehaus der Reichsregierung“. Zerstörung im zweiten Weltkrieg. Wiederaufbau zum Amtssitz des Bundespräsidenten. Nach dem Umzug des politischen Betriebs von Bonn nach Berlin wurde von Johannes Rau die Erfahrung gemacht, dass das Schloss zum Wohnen nicht recht geeignet sei. Draußen in Dahlem, im alten Westen Berlins, ist das Wohnhaus der Bundespräsidentenfamilie.

Gebaut für einen preußischen Prinzen

Ein Mal im Jahr wird das Schloss - gebaut für einen preußischen Prinzen des ausgehenden 18. Jahrhunderts - für einen größeren Teil der Gesellschaft geöffnet. Anfang Juli geschieht das, wenn der Bundespräsident „zum Sommerfest in den Park von Schloss Bellevue“ nicht „einlädt“, sondern „bittet“. Prominente und weniger Prominente aus Politik, Diplomatie, Kultur, Medien, Verbänden, Sport und der Wirtschaft sind dabei - und viele noch, die sich in ihrem Berufsleben abseits des Berliner Betriebs verdient gemacht haben: Krankenschwestern und Altenpfleger, Feuerwehrleute und Bundeswehrangehörige. Es ist das einzige Mal im Jahr, an dem die Gäste von Bellevue Schlange zu stehen haben, ehe sie durch das Schloss hindurch in den Park gehen, dorthin, wo auch regelmäßig der „große Zapfenstreich“ abgehalten wird, jenes staatlich-repräsentative Ereignis, mit dem der Bundespräsident in den Ruhestand verabschiedet wird.

Die wahre Pracht entfaltet das Protokoll bei Staatsbesuchen, wie dem von Papst Benedikt XVI. im September 2011
Die wahre Pracht entfaltet das Protokoll bei Staatsbesuchen, wie dem von Papst Benedikt XVI. im September 2011 : Bild: dapd

Bekannte Musiker - mal die Bläck Föös, mal Peter Maffay, mal Kurt Masur - pflegen vor den Tausenden Gästen dann aufzuspielen. Bislang wurde das Fest über Sponsoren finanziert: Wein- und Bierstände, Eisdielen und Imbissstände. Doch es ist kein Fest mit „open end“. Weit vor Mitternacht ein Feuerwerk. Alsbald dann wird im Beisein der Unentwegten abgebaut. Wie vom Erdboden verschluckt sind plötzlich Speis und Trank. Alle aber werden verwöhnt - mit einem Regenschirm. Gold auf blau steht darauf, wo man zu Gast gewesen sei: beim Bundespräsidenten. Die Schirme scheinen beliebte Sammelobjekte zu sein. Auch wenn es nicht regnet, sieht man die Leute mit ihnen in die Dunkelheit von dannen ziehen. Gern werden auch zwei genommen.

Sekt, Saft und Plaudereien

Die wahre Pracht aber entfaltet das Protokoll bei Staatsbesuchen und den dann fälligen Abendessen. Dunkler Anzug oder Uniform. Eine kurze Kontrolle an der Pforte. Limousinen stehen bereit, die Gäste mit dem leichtem Schuhwerk vors Schloss zu fahren, vorbei an Fackelträgern. Der Schlag wird geöffnet. Der rote Teppich ist ausgebreitet. Wer Glück hat, verlässt den Wagen genau dann, wenn die Musikkapelle zackig zu spielen beginnt. Der Weg wird gewiesen. Aus dem Mantel wird geholfen. Hinauf die Treppe. Gemälde aus dem Preußenland. Die Schar versammelt sich im Langhanssaal: Sekt und Saft und Plaudereien.

Gehört mit zum Programm: der Eintrag ins Gästebuch
Gehört mit zum Programm: der Eintrag ins Gästebuch : Bild: REUTERS

Zum Defilee wird die Tür geöffnet. Eine Schlange wird gebildet. Dem Helfer ist die Namenskarte zu geben. Der reicht sie weiter an Herrn Wokalek, welcher wiederum - laut und deutlich - den Namen ausruft, damit das Staatsoberhaupt, sein Gast sowie die Ehefrauen wissen können, mit wem sie es zu tun haben. Handschlag, je nach Lage ein paar Worte. Im „Großen Saal“ sind die Tische bereitet. Eheleute sind grundsätzlich nicht am selben Tisch plaziert. Die Plazierungsregeln scheinen ausgetüftelt. Einerseits: die Wichtigsten am Präsidententisch, nach Bedeutung abgestuft die übrigen an den Tischen ringsum. Andererseits: Niemand soll sich beschweren können, dass ein Gleichrangiger oder dessen Begleitung bevorzugt behandelt worden wäre. Kammermusik und Tischreden sodann, zwei Toasts auf die Völkerfreundschaft. Zum späteren Kaffee und Digestif treffen sich die Gäste in den Vorräumen. Abgang nach guten drei Stunden. Draußen am Spreeweg warten die Taxen. Hier endet sogar das Protokoll des Bundespräsidenten.

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