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Beileidstourismus : Trauer auf Schildern

Er stellt in ganz Deutschland Schilder und Kerzen auf Bild: ddp

Timo Tasche reist von Prozess zu Prozess und von Tatort zu Tatort. Immer stellt er Schilder auf, auf denen er sein Mitgefühl zum Ausdruck bringt. Doch warum tut er das? Philip Eppelsheim auf den Spuren eines Mannes, der darauf keine Antwort weiß.

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          Als am Donnerstag im Landgericht Hagen das Urteil gegen den Mörder von Nadine verkündet wurde, stand Timo Tasche wie so oft vor dem Eingang zum Gerichtsgebäude. „Warum? Warum begeht jemand so eine grausame Tat? Nadine wurde hier ermordet“, hatte er auf ein Schild geschrieben. Auf ein anderes „Für Opfer gibt es nie den Schlussstrich“. Tasche hatte ein ewiges Licht entzündet, ein kleines Blumengesteck niedergelegt und vor dem Eingang ausgeharrt, bis das Urteil gesprochen war. In einen schwarzen Mantel gehüllt, die schwarzen Haare von einem weißen Stirnband gebändigt und das Gesicht sorgsam gepudert. Timo Tasche ist fast immer da, wenn ein Mord geschehen ist oder ein großer Prozess stattfindet. Dann kommt er mit seinen Schildern und meistens steht dort „Warum?“. Denn Tasche mag keine Ausrufezeichen. Er will fragen, will auf den Schildern seine Gedanken zeigen.

          Philip Eppelsheim
          (phil.), Politik

          Warum? Tasche weiß selbst keine Antwort auf die Frage, was ihn zu den Tatorten und den Gerichtsverhandlungen zieht. Zu Levke, Felix, Nadine. Nach Attendorn oder Hagen. Er sagt, dass er sich manchmal als Rächer und ein bisschen auch als Held fühle. Dann, wenn er mit seinem silbernen Honda unterwegs ist zu den Tatorten, die Musik laut aufgedreht. Xavier Naidoo, Silbermond und Juli hört er dann. Weil die Lieder ihm Mut machen. Meist fährt er allein. Wer sollte auch mitkommen? Mal ein Nachbar, wenn er nichts Besseres zu tun hat. Doch fast immer hat er es.

          In seinem Leben ging immer alles schief

          Vielleicht ist das die Antwort auf das „Warum“. Vielleicht fährt Tasche deshalb von Tatort zu Tatort, von Gerichtsverhandlung zu Gerichtsverhandlung, von Demonstration zu Demonstration und von Beerdigung zu Beerdigung. Stellt die Schilder mit Fragen und Anklagen auf, legt Blumen und Plüschtiere nieder. Weil er niemanden hat, weil in seinem Leben immer alles schief ging.

          Timo Tasche...
          Timo Tasche... : Bild: REUTERS

          27 Jahre ist er alt. Hartz IV-Empfänger. „Einfach Demonstrant“, sagt er. In seiner Wohnung in Marl hat er einen alten Computer auf dem Fußboden stehen, eine abgewetztes Sofa, ein Sideboard vom Trödel - Gelsenkirchener Barock. Mehr nicht. Nur noch eine Discoanlage, um ab und an zu tanzen, die schlimmen Gedanken zu verdrängen, keine Angst vor dem eigenen Tod mehr zu haben. Davor, dass er Opfer eines Verbrechens werde könnte. Zu vergessen, dass alles in seinem Leben schief gegangen ist, es mit anderen Menschen nie so richtig geklappt hat. Keiner ihn braucht, manche ihn sogar hassen.

          „Schämst du dich nicht!“

          Wie jene Frau in Hagen, die ihn anschrie: „Schämst du dich nicht, dich im Leid anderer Menschen zu suhlen.“ Oder wie jener Unbekannte, der vor einem Jahr in seine Wohnung eindrang und ein Feuer legte. Tasche das wenige nahm, was er hatte. All das kann Tasche vergessen, wenn er sich morgens auf den Fußboden vor seinen Computer setzt und die neuesten Meldungen durchforstet. Jeden Tag das gleiche Ritual. Immer die Angst - wenn es denn Angst ist -, dass wieder etwas passiert sein könnte. Ein getötetes Kind, eine eingestürzte Halle, ein Busunglück. Dann ist Tasche wieder da. In Hamburg, nachdem Jessica verhungert war, beim Mitja-Prozess in Leipzig, bei Stephanie in Dresden, in Bad Reichenhall, beim Mannesmann- und beim Hartz-Prozess.

          Seit sechs Jahren macht Tasche das nun schon. Seit er im Fernsehen vom Fall Ulrike hörte. Das Gefühl hatte, er müsse dorthin fahren. Noch immer weint Tasche, wenn er daran denkt. An die Grableuchten, die den nächtlichen Fundort in ein diffuses Licht tauchten. „Der finsterste Ort auf der ganzen Welt“, sagt Tasche. Damals wollte er Blumen niederlegen. Doch er hatte kein Geld, besorgte sich eine Sperrholzplatte und schrieb „Ulrike, Du bleibst in unserem Herzen“.

          Die Frage nach dem „Warum“

          Und wieder war da die Frage nach dem „Warum“. So wie sie zahllose Male auf den Schildern im Keller prangt. Auf den Schildern, von denen Tasche sich nicht trennen kann. Dort, in seinem „Schilder-Archiv“. Wo geschrieben steht „Kleiner Tim, was wurde Dir nur angetan?“, „Gegen Hass und gegen Gewalt“, „Mosi, wir sagen leise servus“ und „Freiheit für die Irak-Geiseln“. Umgeben von alten Familienfotos, Altkleidern, Hanteln und Müll liegen sie dort chaotisch durcheinander geworfen: seine innersten Gedanken. Das, was er nicht begreifen kann. Das, an dem er verzweifelt.

          Als Tasche drei Jahre alt war, starb sein Vater an einem Herzinfarkt. Wochenlang wartete der kleine Junge im Hinterhof auf die Rückkehr seines Vaters. Glaubte den Worten seiner Mutter, die gesagt hatte, sein Vater sei nur verreist. Doch daran liege es nicht, die Suche nach dem „Warum“, die selbst auferlegte Trauer, sagt Tasche. Eine wunderschöne Kindheit habe er gehabt. Alles geregelt. Bis zu seinen Abschluss an der Gesamtschule. Dann folgte die Odyssee, die Suche nach einem Sinn im Leben, nach einer Berufung, die er nun in seinen Schildern und den Fragen gefunden hat.

          Er sucht nach Aufmerksamkeit

          So viel hat er versucht. Praktika beim Radio und bei der Zeitung. Taxifahrer war er, auf der Kirmes jobbte er in einer Geisterbahn, als Beerdigungshelfer bahrte er Tote auf und bei der Universität in Bochum präparierte er Leichen. Doch immer kam etwas dazwischen, ging irgend etwas schief. Formaldehydallergie, Menschen, mit denen er nicht umgehen konnte, weil er nicht so schnell „per Du“ sein kann, weil sie ihn behandelten wie Dreck. Vielleicht trägt er deshalb die Plakate vor sich her, schreibt auf ihnen seine Gedanken nieder und sucht nach Aufmerksamkeit.

          Auf seinem Computer hat er die veröffentlichten Fotos von sich und seinen Plakaten gesammelt. Es sind Hunderte, von ebenso vielen Demonstrationen, Mahnwachen und Anteilnahmen. Der Unterschied ist Tasche wichtig. Und doch kennt niemand ihn, Timo Tasche. Und wieder ist da die Frage nach dem „Warum“.

          Ein wenig die Welt verbessern

          Er versteht sie nicht, die Welt, die ihn dazu treibt, dass er jeden Monat wieder aufbricht, sein Geld für die Fahrten ausgibt, oft in seinem Auto übernachtet, manchmal kaum Geld für Essen hat. Nur für eine Dose eingelegte Sardinen. Dass er statt Toilettenpapier alte Zeitungen benutzen muss und im Sperrmüll nach neuen Schildern sucht, um mit roter Farbe seine Gedanken aufzumalen. „Ein wenig die Welt verbessern“, sagt er zur Begründung. Und dass er die Gesellschaft verändern wolle. Verhindern wolle, dass die Toten in Vergessenheit geraten. Dann hat er wieder Tränen in den Augen, das Gesicht voller Trauer.

          „Ich suche keinen Kontakt“, sagt Tasche. Er möchte den Angehörigen helfen, ihnen beistehen. Manchmal denkt er darüber nach, ob sein Handeln Sinn hat, ob er wirklich etwas bewirken kann. Auf den Rückfahrten, wenn er weint. Früher hat er sich auch die Frage gestellt, was wohl die Opfer sagen würden, wenn sie ihn sehen könnten, den Fremden, der um sie trauert. Manchmal war er dann kurz davor aufzuhören. Bis er die Eltern von Stephanie kennenlernte, die sich bei ihm bedankten. Nachdem er tagelang in Dresden gewesen war, nach dem „Warum“ gefragt hatte und gehofft hatte, dass es diesmal ein „Happy End“ geben würde.

          Angst vor dem Tod und vor Verlust

          „Ich würde lieber einmal mehr auf eine politische Demonstration gehen“, sagt er. Doch er könne nichts für die Gesellschaft. Als der Entführer von Stephanie verurteilt wurde, da weinte Tasche nicht. Er trank ein paar Bier, machte seine Discolightshow an und tanzte. Und vergaß kurz seine Angst vor dem Tod und vor Verlust. Vielleicht macht er es für diese kleinen Momente, die er für Glück hält. Dann, wenn er denkt, dass er etwas bewirken, jemanden helfen konnte. Vielleicht ist das die Antwort auf sein „Warum“. Die Erklärung dafür, dass er auch an diesem Samstag wieder losfahren wird. Nach Hopsten, wo er um die Toten des Busunglücks trauern will. Dann wird er wieder ein Schild hochhalten, und wahrscheinlich wird sie dort wieder in roter Farbe leuchten. Die Frage nach dem „Warum“.

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