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Beileidstourismus : Trauer auf Schildern

Und wieder war da die Frage nach dem „Warum“. So wie sie zahllose Male auf den Schildern im Keller prangt. Auf den Schildern, von denen Tasche sich nicht trennen kann. Dort, in seinem „Schilder-Archiv“. Wo geschrieben steht „Kleiner Tim, was wurde Dir nur angetan?“, „Gegen Hass und gegen Gewalt“, „Mosi, wir sagen leise servus“ und „Freiheit für die Irak-Geiseln“. Umgeben von alten Familienfotos, Altkleidern, Hanteln und Müll liegen sie dort chaotisch durcheinander geworfen: seine innersten Gedanken. Das, was er nicht begreifen kann. Das, an dem er verzweifelt.

Als Tasche drei Jahre alt war, starb sein Vater an einem Herzinfarkt. Wochenlang wartete der kleine Junge im Hinterhof auf die Rückkehr seines Vaters. Glaubte den Worten seiner Mutter, die gesagt hatte, sein Vater sei nur verreist. Doch daran liege es nicht, die Suche nach dem „Warum“, die selbst auferlegte Trauer, sagt Tasche. Eine wunderschöne Kindheit habe er gehabt. Alles geregelt. Bis zu seinen Abschluss an der Gesamtschule. Dann folgte die Odyssee, die Suche nach einem Sinn im Leben, nach einer Berufung, die er nun in seinen Schildern und den Fragen gefunden hat.

Er sucht nach Aufmerksamkeit

So viel hat er versucht. Praktika beim Radio und bei der Zeitung. Taxifahrer war er, auf der Kirmes jobbte er in einer Geisterbahn, als Beerdigungshelfer bahrte er Tote auf und bei der Universität in Bochum präparierte er Leichen. Doch immer kam etwas dazwischen, ging irgend etwas schief. Formaldehydallergie, Menschen, mit denen er nicht umgehen konnte, weil er nicht so schnell „per Du“ sein kann, weil sie ihn behandelten wie Dreck. Vielleicht trägt er deshalb die Plakate vor sich her, schreibt auf ihnen seine Gedanken nieder und sucht nach Aufmerksamkeit.

Auf seinem Computer hat er die veröffentlichten Fotos von sich und seinen Plakaten gesammelt. Es sind Hunderte, von ebenso vielen Demonstrationen, Mahnwachen und Anteilnahmen. Der Unterschied ist Tasche wichtig. Und doch kennt niemand ihn, Timo Tasche. Und wieder ist da die Frage nach dem „Warum“.

Ein wenig die Welt verbessern

Er versteht sie nicht, die Welt, die ihn dazu treibt, dass er jeden Monat wieder aufbricht, sein Geld für die Fahrten ausgibt, oft in seinem Auto übernachtet, manchmal kaum Geld für Essen hat. Nur für eine Dose eingelegte Sardinen. Dass er statt Toilettenpapier alte Zeitungen benutzen muss und im Sperrmüll nach neuen Schildern sucht, um mit roter Farbe seine Gedanken aufzumalen. „Ein wenig die Welt verbessern“, sagt er zur Begründung. Und dass er die Gesellschaft verändern wolle. Verhindern wolle, dass die Toten in Vergessenheit geraten. Dann hat er wieder Tränen in den Augen, das Gesicht voller Trauer.

„Ich suche keinen Kontakt“, sagt Tasche. Er möchte den Angehörigen helfen, ihnen beistehen. Manchmal denkt er darüber nach, ob sein Handeln Sinn hat, ob er wirklich etwas bewirken kann. Auf den Rückfahrten, wenn er weint. Früher hat er sich auch die Frage gestellt, was wohl die Opfer sagen würden, wenn sie ihn sehen könnten, den Fremden, der um sie trauert. Manchmal war er dann kurz davor aufzuhören. Bis er die Eltern von Stephanie kennenlernte, die sich bei ihm bedankten. Nachdem er tagelang in Dresden gewesen war, nach dem „Warum“ gefragt hatte und gehofft hatte, dass es diesmal ein „Happy End“ geben würde.

Angst vor dem Tod und vor Verlust

„Ich würde lieber einmal mehr auf eine politische Demonstration gehen“, sagt er. Doch er könne nichts für die Gesellschaft. Als der Entführer von Stephanie verurteilt wurde, da weinte Tasche nicht. Er trank ein paar Bier, machte seine Discolightshow an und tanzte. Und vergaß kurz seine Angst vor dem Tod und vor Verlust. Vielleicht macht er es für diese kleinen Momente, die er für Glück hält. Dann, wenn er denkt, dass er etwas bewirken, jemanden helfen konnte. Vielleicht ist das die Antwort auf sein „Warum“. Die Erklärung dafür, dass er auch an diesem Samstag wieder losfahren wird. Nach Hopsten, wo er um die Toten des Busunglücks trauern will. Dann wird er wieder ein Schild hochhalten, und wahrscheinlich wird sie dort wieder in roter Farbe leuchten. Die Frage nach dem „Warum“.

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