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China : Die Dongba sterben aus

  • -Aktualisiert am

Xi Aniu, 93 Jahre, Schamane in Lijang Bild: Zhang Xu

In Südwestchina ist die Dongba-Kultur der Schamanen bei Touristen sehr beliebt. Aber die Kultur siecht dahin. Deshalb geben sie ihr Wissen nun an Ethnologen und Forscher weiter. Petra Kolonko zu Besuch bei den letzten Schamanen des Naxi-Volkes.

          5 Min.

          He Chengde kommt aus einer Familie von Schamanen. Er beherrscht die Kunst des Wahrsagens, er kennt die Gesänge und Legenden der Naxi, und er kann mehr als 360 Riten für alle Lebenslagen zelebrieren. Das Geheimwissen der Dongba, der Schamanen des Naxi-Volkes, wurde seit Generationen von Vater zu Sohn weitergegeben. Aber die Dongba sterben aus. Deshalb gibt He Chengde sein Wissen an Ethnologen und Forscher weiter.

          He Chengde ist einer der letzten Dongba-Schamanen des Bergvolkes der Naxi in Südwestchina. Nur noch insgesamt 20 Dongba gebe es in den Dörfern der Naxi, erzählt der blinde Mann. Die meisten Dongba sind jetzt alt, und ihre Söhne und Enkel haben an der alten Religion ihrer Vorfahren kein Interesse mehr. Sie wollen lieber in der Stadt Geld verdienen, als auf dem Land arme Schamanen sein.

          Mit jedem stirbt ein Stück der Naxi-Kultur

          Die wenigen jüngeren Dongba könnten die Texte und Gesänge nicht mehr richtig, klagt He im Museum von Lijiang, wo er seinen Lebensabend verbringt. Er hilft den Ethnologen dort dabei, das Wissen der Dongba aufzuzeichnen. Andere Dongba können sich dabei auf eine Sammlung klassischer Schriften beziehen, die in Dongba-Familien tradiert wurden.

          Auch sie gilt es vor dem Vergessen zu bewahren: Schrift des Naxi-Volkes
          Auch sie gilt es vor dem Vergessen zu bewahren: Schrift des Naxi-Volkes : Bild: Zhang Xu

          Die Naxi haben ihre eigene Bilderschrift und klassische Texte, deren Bedeutung nur die Dongba kannten. Da Dongba He Chengde sein Augenlicht verloren hat, rezitiert er die alten Texte aus dem Gedächtnis. Mit jedem Dongba stirbt ein Stück der Naxi-Kultur. Deshalb sind die Forscher bemüht, von den letzten Schamanen noch möglichst viel über die alte Kultur zu erfahren.

          „Dongba-Kultur“ ist ein Markenname geworden

          Nicht weit von dem Museum und Forschungsinstitut, das idyllisch im Park des Schwarzer-Drachen-Teichs gelegen ist, sieht es gar nicht danach aus, als ob die Dongba-Schamanen und das Erbe der Naxi in Vergessenheit geraten wären. Im Rummel der Altstadt von Lijiang sieht man das Wort „Dongba“ auf Schritt und Tritt.

          Kein Souvenir, das nicht mit der Bilderschrift der Dongba verziert wäre. Es gibt Dongba-T-Shirts, Dongba-Gemälde im alten Stil oder in moderner Verfremdung, Dongba-Notizbücher und Dongba-Uhren. Man kann den sternförmigen Kopfschmuck der Schamanen kaufen und sich ihre rituellen Tänze von Folkloregruppen vorführen lassen. Die „Dongba-Kultur“ ist zu einem Markennamen von Lijiang geworden.

          Titel „Weltkulturerbe“ lockte die Touristen

          In der Altstadt Lijiangs mit ihren windschiefen Holzhäuschen, plätschernden Bächen und überschatteten Gassen lebten noch vor zehn Jahren vornehmlich Naxi-Familien. Doch die Veränderungen brachen über Lijiang herein, als die Unesco die Altstadt im Jahr 1997 mit dem Titel „Weltkulturerbe“ auszeichnete.

          Das rettete die alte Architektur vor dem Abrisshammer. Und der Titel lockte die Touristen. Zehntausende strömen jeden Tag in die kleine Altstadt am Fuß des Jade-Drachen-Berges. Die Einwohner haben ihre Häuschen an Souvenirgeschäfte vermietet und sind aus dem Rummel geflohen. Jetzt ist die Altstadt voll mit Läden, Bars und Restaurants.

          Alles wird vermarktet

          Lijiang, noch vor zehn Jahren eine verschlafene Stadt, ist berühmt geworden. In der auf 2400 Meter Höhe am Rand des Himalaja gelegenen Ortschaft sind große Anlagen mit luxuriösen Einfamilienhäusern entstanden. Reiche Städter aus Peking, Schanghai und anderen chinesischen Städten kaufen sich hier ein und genießen die frische Luft und die Aussicht auf die Berge. Künstler aus ganz China treffen sich hier. Chinas Starregisseur Zhang Yimou inszeniert hier in diesem Sommer ein gigantisches Freilichtspektakel.

          Die Touristen kommen nicht nur wegen der malerischen Landschaft und des verheißungsvollen Titels „Weltkulturerbe“. Auch in China ist das Interesse an anderen Kulturen gewachsen. Man beginnt zu schätzen, dass es hier anders aussieht als in den zentralen Regionen Chinas, dass die Volksgruppe der Naxi etwas anderes darstellt. Die Naxi selbst sehen den Zustrom der Touristen aus ganz China und Übersee mit gemischten Gefühlen.

          „Der Tourismus bringt Einnahmen und macht unsere Kultur bekannt“, sagt Naxi-Lehrerin Yang. „Doch sehen Sie mal, was sie mit unserer Schrift machen! Oft sind die Piktogramme auf den Souvenirs ganz falsch geschrieben!“ Alles wird eben möglichst gut vermarktet: die ureigene Kunst der Schamanen, die Bilderschrift, die Schnitzereien, die Keramik und die Malereien.

          „Wegen Rückständigkeit gehänselt“

          „Der Tourismus ist gut“, sagt Naxi-Forscher Li Xi, der Leiter des Dongba-Museums von Lijiang. Er bringe der armen Region Einnahmen. Tatsächlich wurden Straßen und ein Flughafen gebaut. Hotels entstanden, und die Sehenswürdigkeiten der Umgebung wurden erschlossen.

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