https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/barcelona-eine-stadt-wird-zur-buchhandlung-17980347.html

Sant Jordi in Barcelona : Eine Stadt wird zur Buchhandlung

Posieren wieder ohne Maske: Am Feiertag des heiligen Georg schenkt man sich in Katalonien ein Buch und eine Rose dazu – und manchmal noch ein Bild. Bild: Picture Alliance

In Barcelona feiern die Menschen den Sant-Jordi-Tag – zum ersten Mal wieder ganz ohne Maske. Auch Hagel und Sturmböen können ihnen das Fest der Bücher und Rosen nicht verderben.

          4 Min.

          Mit einem Schlag öffnen sich die schwarzen Wolken. Erst schüttet es, dann prasseln Hagelkörner auf die Zeltdächer der Stände nieder. Kurz darauf kämpft sich die Sonne wieder heraus. Auf dem Gràcia-Boulevard in Barcelona applaudieren einige den Strahlen. Die Menschen lassen sich den ersten Sant-Jordi-Tag nicht verderben, den sie nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie ohne Einschränkungen feiern: Am Feiertag des heiligen Georg schenkt man sich in Katalonien ein Buch und eine Rose dazu.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Für viele ist es ein erstes Wiedersehen mit offenem Gesicht; erst am Mittwoch war in Spanien die Maskenpflicht aufgehoben worden. Ohne Maske, dafür unter dem Regenschirm lassen sich die Besucher an diesem Samstag nicht bremsen. Die Schlangen vor den Ständen, an denen bekannte Schriftsteller ihre Werke signieren, wirken endlos, die Wartezeit zieht sich hin. Die Leser sind dankbar für die Bücher, die sie aus dem Lockdown in eine andere Welt trugen, die Autoren für die Treue in dunklen Zeiten. „Dieser direkte Kontakt mit meinen Lesern ist großartig. Wir mussten alle viel zu lange darauf verzichten. Das gibt mir neue Energie, denn Schreiben ist oft eine sehr einsame Angelegenheit“, sagt Santiago Posteguillo. Sein historischer Roman „Roma soy yo“, in dem es um Julius Cäsar geht, steht an der Spitze der Bestsellerliste in Spanien und war am Samstag auch in Barcelona das spanischsprachige Buch, das am meisten verkauft wurde.

          Im Lockdown haben die Spanier ihre Liebe zu Büchern wieder entdeckt

          Während der Pandemie haben viele Spanier ihre Liebe zu den Büchern wiederentdeckt, die bis heute nicht erkaltet ist. Für die Schriftstellerin Rosa Montero ist der Feiertag der „offizielle Abschluss“ von Covid. Sie ist überwältigt und dankbar für die Zuneigung der Leser, die den Autoren weiter die Treue halten. 170 kamen nach Barcelona, um ihre Bücher an einem der 300 Stände mit Widmungen zu versehen.

          Mehrere Passanten wurden verletzt, als Sturmböen einige Zelte durch die Luft wirbelten. Berge von Büchern durchweichte der Regen. Dennoch hoffen die Veranstalter am Ende auf ähnlich gute Zahlen wie beim letzten Büchertag vor der Pandemie. Im April 2019 wurden in der Woche vor Sant Jordi 1,6 Millionen Bücher im Wert von rund 22 Millionen Euro verkauft. Dazu kommen sechs Millionen Rosen, die bis zu fünf Euro kosten – auch für die Floristen ist das ein sehr wichtiger Tag. Geschützt durch eine Plastikhülle in den Farben der katalanischen Flagge, widerstehen sie Regen und Wind.

          Für Buch- und Blumenhändler ist der Feiertag des heiligen Georg, des Schutzpatrons Kataloniens, seit fast einem Jahrhundert eine ideale Kombination. Die Legende erzählt, wie der furchtlose Ritter Georg die Prinzessin aus den Fängen des Drachen rettete. Aus dem Blut des Untiers sei dann die röteste Rose gewachsen, die es jemals gab. Georg schenkte sie der Prinzessin, die er jedoch nicht heiratete. 1926 hatte ein Verleger den Büchertag ins Leben gerufen, der 1931 auf den traditionellen Georgstag verlegt wurde, der in Spanien zu dem Zeitpunkt auch als Todestag des Dichters Miguel de Cervantes galt.

          An einem Tag so viele Buchverkäufe wie sonst in einem Monat

          „Eine ganze Stadt verwandelt sich an dem Tag in eine Buchhandlung. Etwas Vergleichbares gibt es nirgendwo auf der Welt“, sagt Sergio Vila Sanjuán, der bei der katalanischen Zeitung „La Vanguardia“ für die Kulturbeilage verantwortlich und einer der besten Kenner des Buchmarktes ist, dessen Anfänge in Barcelona Hunderte Jahre zurückreichen. „An einem Tag verkaufen die Buchhändler so viel wie in einem Monat.“ Die Bücherkäufe nehmen meist schon in den Tagen zuvor zu und machen zum Teil ein Drittel des Jahresumsatzes aus – mehr als das Weihnachtsgeschäft. Umso härter traf Covid die Branche: 2020 fand der Sant Jordi während des Lockdowns nur virtuell statt, 2021 mit strengen Zugangsbeschränkungen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die britische Premierministerin Liz Truss in Prag

          Energiekrise in Großbritannien : Wäsche nur noch nachts waschen

          Den Briten drohen wohl doch Stromausfälle. Premierministerin Truss will das aber nicht aussprechen, eine Energiesparkampagne ließ sie stoppen. Kritiker sehen darin eine „idiotische Entscheidung“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.