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Bahnfahrt während des Streiks : Zu spät

  • -Aktualisiert am

Vom Bahnstreik verschont: Das Eisenbahnmuseum in Dresden. Bild: ZB

Eine Fahrt ins Herz des Bahnstreiks: Nach Dresden, und das mit dem Zug. Gar nicht so einfach, oder? Über einen Tag auf Schienen.

          In dieser Woche stehen die Räder still. Von Frankfurt nach Dresden? Nichts. Bei allen Verbindungen im Internet steht ein „X“. Und wenn man trotzdem hin will? Um sich zum Beispiel im Verkehrsmuseum die Modelleisenbahn anzusehen? 325 Quadratmeter, eine der bedeutendsten ihrer Art! Und außerdem wird dort einmal am Tag „ein fast vorbildgerechter Fahrbetrieb gezeigt“. Das wäre doch was!

          Die Vorbereitungen, abends

          Anruf bei der Streik-Hotline: Komme ich nicht doch irgendwie nach Dresden? „Nein, da sehe ich keine Verbindung.“ Abermaliger Versuch im Internet. Diesmal bei der Live-Auskunft zum Streik: Es geht! Die Verbindung führt über Berlin. Start um 7.13 Uhr, Ankunft um 15.56 Uhr. Ob das reicht? Um 16 Uhr beginnt die Modelleisenbahn ihre tägliche Fahrt. Aber früher geht es eh nicht. Und dank Streik werde ich so auch Berlin, den Spreewald und die Lausitz bereisen können. Ein Problem ist nur das Ticket: Bei der Live-Auskunft kann man es nicht kaufen. Anruf bei der Streik-Hotline: „Keine Ahnung. Versuchen Sie es am Automaten.“

          Am Frankfurter Hauptbahnhof, 6.50 Uhr

          Der Automat kennt meine Verbindung nicht. Ich lasse zwei Geschäftsreisende vor, die von einem Bahn-Mitarbeiter geführt werden. Der tippt auf dem Bildschirm rum. „So, da habe ich ja einen Zug für Sie! Um 7.20 Uhr!“ Kurz darauf: „Oh, nee. Der fährt ja nicht.“ Nachdem er für die beiden noch einen Zug gefunden hat, frage ich ihn nach meiner Verbindung. Er tippt. „Hier!“ – „Oh, nee. Der fährt ja nicht.“ Er schickt mich zum Schalter.

          Der Serviceschalter, 7.03 Uhr

          Hier ist alles kein Problem. Ich muss sogar nur für den direkten Weg nach Dresden bezahlen. „Sind Sie sicher“, frage ich, „dass das geht?“ In Gedanken sehe ich schon, wie mich ein sächselnder Schaffner in der Lausitz fluchend aus dem Zug wirft. „Klar“, sagt die Frau hinter dem Schalter, als wäre das Leben schön. „Sie können ja nichts dafür, dass Streik ist.“

          ICE nach Berlin Hauptbahnhof, 7.13 Uhr

          Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und: Werden wir heute noch ankommen? Das sind die Fragen, die Menschen im ICE umtreiben. Ich sitze neben einer Erzieherin, die unterwegs ist zu einem Termin mit Pflegekindern in Waren an der Müritz. Laut Bahn-Homepage wird sie dort aber nicht mehr ankommen. Obwohl wir Berlin schon um halb zwölf erreichen sollen und es dann nur noch 150 Kilometer sind. Sie will es trotzdem versuchen. Wenn man so früh losfährt, muss es doch klappen! Als die Schaffnerin kommt, zerplatzt der Traum. Endbahnhof wahrscheinlich: Neustrelitz oder Stralsund. „Alles so Orte“, sagt sie, „die ich gar nicht kenne.“

          ICE kurz vor Berlin Hauptbahnhof

          Warum lassen sich Menschen eigentlich zwischen zwei S-Bahn-Stationen erschöpft auf einen Klappsitz fallen, packen aber im ICE ihre Sachen schon zusammen, wenn der nächste Bahnhof noch gut zehn Minuten entfernt ist? Ein Dreijähriger, den seine Mutter mit seinem Bruder und drei Rollkoffern in den Gang gezerrt hat, fragt: „Warum stehen denn alle?“ Antwort: „Damit sie den Anschlusszug nicht verpassen.“ Im Gang wird in den letzten Minuten über die Ansage des Schaffners gerätselt: „Entfällt beim Regionalzug jetzt der Halt in Stralsund oder nicht?“ Im Internet stand es so, durchgesagt wurde es anders. „Das ist ja ein Verwirrspiel“, sagt eine Frau mit kurzen Haaren. Eine andere Frau meint: „Vielleicht hat er das nur aus Gewohnheit gesagt.“

          Berlin, 11.26 Uhr

          Der ICE ist pünktlich angekommen. Niemand hat seinen Anschlusszug verpasst. Auf dem Gleis sagt eine Mutter: „Wir haben es geschafft!“ Die halbwüchsigen Kinder applaudieren. Bis zum Zug nach Cottbus bleiben mir sieben Minuten laut Fahrplan plus einer Verspätung von fünf Minuten laut Anzeigetafel. Ich fahre mit der Rolltreppe ein Stockwerk tiefer, um zu schauen, ob der Bahnhof bei Streik irgendwie anders aussieht. Tut er nicht. Vom Gleis blicke ich kurz auf die Kuppel des Reichstags. Mehr Zeit fürs Sightseeing bleibt nicht.

          Ostdeutsche Eisenbahn nach Cottbus, 11.38 Uhr

          In den neuen Bundesländern sollen teilweise nur 15 Prozent der Regionalzüge unterwegs sein. Dementsprechend voll habe ich mir den Zug vorgestellt. Aber die Ostdeutsche Eisenbahn GmbH streikt nicht und fährt regelmäßig genug, dass es nicht voll wird. Auf Info-Monitoren wird dafür geworben, während des Streiks mit der Ostdeutschen Eisenbahn zum Hamburger Hafengeburtstag zu fahren. Warum nicht? Die Züge sind sauber und bequem, und unterwegs holen wir sogar die Verspätung auf. Jetzt aber erst mal nach Dresden. Die Fahrt dorthin soll an Städten vorbeiführen mit Namen wie Königs Wusterhausen, Raddusch und Brand (Niederlausitz). Lausitz? Da gab es ja schon Wölfe, als man sie im Westen noch für eine Erfindung der Brüder Grimm hielt. Mich fröstelt.

          Cottbus, 12.59 Uhr

          Im Jahr 1995 war die Bundesgartenschau zu Gast in Cottbus. Stichwort: blühende Landschaften. Damals wurde die Empfangshalle saniert. Nun sieht der Bahnhof aus wie ein West-Schwimmbad aus den Neunzigern. Drinnen gibt es ein Erotik-Fachgeschäft und einen Laden, in dem man Spreewaldgurken aus dem Fass kaufen kann. Ich will ein Foto machen. Ein ehemaliger DDR-Eisenbahner mit weißen Haaren und großer Brille sieht mich, und wir kommen ins Gespräch. „Frankfurt? Main oder Oder?“ Richtig, das ist hier ja eine Frage. Er meint: „Ich war auch mal in Frankfurt am Main!“ In den frühen Neunzigern. „Mensch, eine tolle Zeit!“ Als ich erzähle, dass ich wegen des Streiks über Berlin nach Dresden reise, legt sich Mitleid, aber auch Enttäuschung auf seine Stimme. „Na, dann fahren Sie mal nach Dresden...“ Er will mir eine Bootsfahrt auf der Spree schmackhaft machen, aber eigentlich habe ich mehr Lust auf Spreewaldgurken. Ich kann mich gerade rechtzeitig noch lösen, um meinen Zug nicht zu verpassen. Die Spreewaldgurken bleiben im Fass.

          Regional-Express nach Priestewitz, 13.15 Uhr

          Allein die Namen dieser Orte sind eine Reise wert: Sedlitz, Senftenberg, Ruhland. Und dann: Ortrand. Schon als ich den Fahrplan ausdruckte, habe ich mich darauf gefreut. Wie es dort wohl aussehen mag? Anfahrt auf Ortrand: Kiefernwald, dann Felder mit Birkenhainen. Erste Häuser am Ortsrand von Ortrand, die Straße dazwischen ist gepflastert. Der verklinkerte Bahnhof, der wohl renoviert wurde, ist von meinem Platz aus leider nur schwer zu sehen. Auf der anderen Seite steht eine Fabrikhalle mit Fenstern aus Glasbausteinen. Bis in Kopfhöhe sind sie eingeschlagen. Wie die Blasen einer Luftpolsterhülle, aus Langeweile zum Platzen gebracht. Der Zug leert sich zusehends. Alles Einheimische, die nur ein paar Orte weiter wollen. Bald bin ich im Abteil allein.

          Anfahrt auf Priestewitz, 14.34 Uhr

          Die letzten Meter nach Priestewitz. Hier werde ich aussteigen müssen. Nicht wegen des Streiks, sondern wegen Bauarbeiten geht es mit dem Bus weiter. Eine ältere Frau, die zurück nach Dresden fährt, behauptet, sie habe von dem Ort noch nie gehört. Dabei wurde hier Eisenbahngeschichte geschrieben. Am 7. April 1839 endete hier die Jungfernfahrt der Saxonia, der ersten deutschen Dampflokomotive. Wobei das Ende darin bestand, dass sie krachend in eine englische Lokomotive fuhr. Angeblich, weil die Engländer, in deren Hand bis dahin der Eisenbahnbau lag, aus Neid die Weichen falsch gestellt hatten.

          Ankunft in Priestewitz, 14.35 Uhr

          Sicher angekommen. Keine Weiche falsch gestellt. Am Endbahnhof steigt noch ein gutes Dutzend Leute aus. Ganz hinten am Gleis ein Mann in der blauen Uniform eines Reichsbahninspektors. Werden hier im Osten etwa immer noch alte Uniformen aufgetragen? Hat die Bahn die letzten Kräfte mobilisiert, um den Streik zu überstehen? Ach, Quatsch. Vermutlich bin ich nur schon viel zu lange unterwegs. Ich blinzele.

          Bus nach Coswig, 14.44 Uhr

          Der Mann in der blauen Uniform ist kein Schaffner. Er sei „preußischer Wachtmeister um 1900“, sagt er. Zumindest was die Jacke in Preußischblau mit der Doppelreihe Goldknöpfe und seine blau-rote Mütze betrifft. Die Hose ist eine schwarze Jeans. Ein Provisorium. Deswegen ist der Wachtmeister auf dem Weg nach Dresden-Neustadt, um dort eine neu geschneiderte Uniformhose anzuprobieren. Aha, zum Schneider, denke ich. Das ist also der Ort, wohin auch der Preuße zu Fuß geht. Beziehungsweise den Bus nimmt. Leider ist er etwas schweigsam. Was als Preuße in Sachsen aber vielleicht auch keine schlechte Idee ist. Während der Fahrt sitzt er sehr aufrecht. Der Bus fährt an Wäldchen und Feldern vorbei. In der Ferne leuchtet der Raps. Dann biegen wir von Ockvilla links ab nach Gröbern. Gröber wird auch die Straße: Es holpert und poltert, der Preuße vertippt sich auf seinem Smartphone.

          S-Bahn Coswig nach Dresden, 15.30 Uhr

          Waren in den vorigen Zügen schon kaum Fernreisende, sind sie jetzt ganz verschwunden. Zwei Männer machen sich ein Bier auf. Ein Hipster telefoniert mit seinem Headset. Streik ist hier gar kein Thema.

          S-Bahn nach Dresden, 15.56 Uhr

          Jetzt sollten wir ankommen. Jetzt sollte ich loslaufen, um es rechtzeitig zur Modelleisenbahn zu schaffen. Doch jetzt bin ich noch im Zug. Der ganze Tag lief reibungslos, und aus unerfindlichen Gründen haben wir nun Verspätung. Außer mir aber kümmert das niemanden.

          Verkehrsmuseum Dresden, zu spät

          Die Räder stehen still. Die 26 Lokomotiven fahren nicht. 785 Meter Modellgleise, 99 Weichen, fünf Bahnhöfe liegen ungenutzt in einer Landschaft, die dem Harz der achtziger Jahre nachempfunden sein soll. Nur eine Windmühle dreht sich in der Ferne. Alles umsonst? Ich entdecke einen silbernen Knopf: Es rumpelt und surrt, etwas bewegt sich. Wagen ruckeln! Aber nein, es sind keine Züge. Nur die Modelle von Straßenbahnen aus den Dreißigern. Es ist also wie oft beim Bahnstreik. Die Züge stehen, die Straßenbahnen fahren.

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