https://www.faz.net/-gum-xt3c

„Bäckerei-Cafés“ : Das Comeback der Stulle

  • -Aktualisiert am

Das klappt wie geschmiert: Mittagssnacks bei „Unser täglich Brot” in der Frankfurter City Bild: Dieter Rüchel

Ausgerechnet Graubrot - was gibt es noch Langweiligeres? Dachte man lange Zeit. Dank neuer „Bäckerei-Cafés“ werden Brotsnacks plötzlich hip, nicht nur für Lunchkundschaft. Der Grat zwischen „trendig attraktiv“ und „völlig überteuert“ ist schmal.

          4 Min.

          London, King's Road, ein Sonntagmorgen im Spätsommer. Man könnte glauben, in Großbritannien seien Wasserkocher und Toaster noch nicht erfunden und Familien deswegen gezwungen, auswärts zu frühstücken. Das jedenfalls suggeriert das Bild in „Le Pain Quotidien“, einem trendigen „Bakery Café“, wo sich die erste Mahlzeit des Tages schon mal bis in den Nachmittag hineinziehen kann. Buggys versperren den Eingang, am langen Tisch in der Mitte, der „table communale“, herrscht Hochbetrieb. Paare schnäbeln und füttern einander mit Croissantbröckchen, Kinder krabbeln über die Holzdielen, Sonntagszeitungen werden studiert, an fast jedem Platz dampft eine „Bol“ mit Café au lait. Und über allem schwebt eine Wolke Backaroma - warm, würzig, mit leichter Kräuternote. Denn alles, was mit Gebackenem zu tun hat, stellt den Schwerpunkt der Speisekarte dar, und jeder, der eintritt, begreift sofort: Die Nase isst mit. „Geruchsmarketing“ ist ein stehender Begriff in der Branche geworden.

          „Le Pain Quotidien“ - das ist für Angelsachsen ein Zungenbrecher. Dass das Franchisekonzept von „LPQ“ sich dennoch erfolgreich etablieren konnte, hat einen Grund: Gerade erst nämlich dämmert den Briten, dass Brot nicht nur in Form quadratischer Pappscheiben existiert, die allenfalls Spuren von Geschmack dem Toaster verdanken. Zurzeit konkurrieren in der britischen Hauptstadt hauptsächlich zwei dieser „Bakery Cafés“, nämlich „LPQ“ und „Paul“. Ständig herrscht Betrieb vor den in warmes Licht getauchten Theken, man hat die Wahl zwischen Ciabatta, hellen und dunklen Baguettestangen, Roggenlaiben mit Oliven oder Kürbiskernen. Nach der Mahlzeit im Café nimmt sich mancher noch eine Minitarte oder bunte Macarons mit als Dessert für daheim. Frankophon geben sich beide Läden, „Paul“ hat jedoch das differenziertere „Take away“-Angebot, während „LPQ“ das bessere Brot biete, heißt es.

          Mittags stehen Kantinenboykotteure Schlange

          Ein Restaurant, dessen Karte sich in erster Linie um Gebackenes, speziell Brot dreht - kann sich das auch in Deutschland durchsetzen? Zumindest in Großstädten ist das Experiment gestartet (siehe Kasten). Die erste Niederlassung von „Le Pain Quotidien“ hat vor vier Wochen in Düsseldorf (am Carlsplatz) eröffnet, zwei weitere sollen noch in diesem Jahr folgen, und zwar im Terminal 2 des Frankfurter Flughafens und in München. Gut angenommen werden am Main bereits die drei Filialen von „La Maison du Pain“. Morgens ordern Headhunter schwerbeladene Tabletts mit Frühstückskombinationen (von „Express“, 3,90 Euro, bis „Aux champs“, 10,50 Euro), mittags treffen sich Frauen für ein geröstetes Tartine mit Räucherlachs und Meerrettich (neun Euro). Im Schatten der Bankentürme bietet sich den Pausengängern der Snackladen „Unser täglich Brot“ an. Das klappt wie geschmiert: Mittags stehen Kantinenboykotteure Schlange, um sich Steinofen- oder Roggenschrotbrot (angeliefert aus einer stadtbekannten Bäckerei) mit Frischkäsezubereitungen, Sprossen, Schnittlauch oder Paprikawürfeln dekorativ gestalten zu lassen. Offenbar erlebt das einst als extrem uncool geltende gute deutsche Brot ein Comeback, und Oldies wie Klappschnitte, Knifte, Stulle oder Karo sind plötzlich hip.

          Hummus, Avocado, geröstete Paprika, Tomate oder Stachelbeere gibt es auf die Stulle
          Hummus, Avocado, geröstete Paprika, Tomate oder Stachelbeere gibt es auf die Stulle : Bild: Dieter Rüchel

          Für die Qualität der Sattmacher ist die Unterlage ziemlich entscheidend. Wer sich bei „Le Pain Quotidien“ erkundigt, woher die Grundlage der Tartines stamme, die mit verschiedenen Belägen (etwa Hummus, Avocado, geröstete Paprika, Tomate und Kap-Stachelbeere) zwischen sieben und acht Euro kosten, erfährt: „Aus Belgien.“ Nicht etwa an Ort und Stelle wird das Mischbrot gebacken, sondern als Rohling am Rhein lediglich fertiggestellt. Dabei legt die Einrichtung - blonde Holztäfelung, gescheuertes Mobiliar, Lochsitze von alten Traktoren als Dekoelement - die Vermutung nahe, gleich hinter dem Haus woge ein Gerstenfeld und klappere die Mühle am rauschenden Bach. Arbeitsökonomie und Ambiente gehorchen heutzutage eben unterschiedlichen Prinzipien.

          Weitere Themen

          Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 63,1

          RKI-Zahlen : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 63,1

          Die Richtung stimmt: 10.696 Corona-Neuinfektionen sind weniger als vor einer Woche, und die Inzidenz geht weiter zurück. Die USA machen mit einer ersten Zulassung nun den Weg frei für Auffrischungs-Impfungen.

          Topmeldungen

          Die AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel und Tino Chrupalla im August in Schwerin.

          Machtkampf in der AfD : Geht Weidel, kommt Höcke?

          Um die AfD war es im Wahlkampf ziemlich still. Der Machtkampf in der Partei ist ausgesetzt. Welche Richtung sie nimmt, entscheidet sich kurz nach der Bundestagswahl.
          Eine Projektionsfigur: Saskia Esken

          Der Fall Saskia Esken : Was diese Frau so alles betreibt

          Wenn sie nicht im Fernsehen redet, versteckt sie sich. Wenn sie redet, verstellt sie sich. Saskia Esken dient ihren Gegnern im Wahlkampf als Unperson, die für jede Projektion gut ist.
          Die Banken wollen sie nicht mehr: Jede Menge liquide Mittel

          Kolumne: „Frag den Mohr“ : Sollte ich auf Strafzinsen reagieren?

          Viele Banken zahlen keine Zinsen auf die Geldanlage mehr, sie verlangen sogar Geld dafür. Höchste Zeit, um über die Qualität der Bank und die Geldanlage nachzudenken. Ein schneller Rat in zwei Minuten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.