https://www.faz.net/-gum-8637i

Baden-Baden : Zwei Schlossruinen sind eine zu viel

Schutthalde: Blick in den Innenhof des eingerüsteten Schlosses Bild: Rüdiger Soldt

Vor 13 Jahren verkaufte das Haus Baden seinen alten Stammsitz an eine kuweitische Familie. Seither verrottet die Anlage in der Altstadt von Baden-Baden – und niemand will etwas daran ändern.

          Für den Preis von zwei Doppelhaushälften hätte sich das Problem der kleinen Weltstadt im Schwarzwald lösen lassen. 2,7 Millionen Euro hätte es gekostet, den Stammsitz des badischen Herrscherhauses dem Markgrafen abzukaufen. Ein Kleckerles-Betrag eigentlich. So viel kostet allein der Unterhalt von Schloss Salem, das vor sechs Jahren von den ewig klammen Badenern an das Land Baden-Württemberg verkauft wurde. Für 58 Millionen Euro allerdings. Das Schloss in Baden-Baden rottet seit Jahren vor sich hin. Es gehört der kuweitischen Immobilienhändlerin Fawzia Al-Hassawi. Vor 13 Jahren wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. „Danke Allah“, schrieb damals ein Magazin. Für die „Erfüllung der Aufgaben“ des Landes, hieß es von der damaligen Landesregierung in Stuttgart, brauche man das Schloss nicht.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Für die Verfechter des badischen Sonderbewusstseins und der gelb-roten Sache an und für sich handelt es sich um einen Sündenfall von nationaler Größenordnung. Das Renaissanceschloss der Markgrafenfamilie, das über der Altstadt thront, sei das „einzige namensgebende Schloss“ einer Herrscherfamilie, das in Deutschland an Privatinvestoren verkauft worden sei. So formuliert es jedenfalls die Organisation „Baden in Europa“.

          Die historische Bedeutung des Schlosses überschätzen die Berufsbadener möglicherweise ein wenig, schließlich verlegte Markgraf Ludwig Wilhelm seine Residenz 1705 nach Rastatt, nachdem das Schloss von den Franzosen im Spanischen Erbfolgekrieg zerstört worden war. Später wurde es wieder aufgebaut und diente als Sommerresidenz. Zuletzt war es dann nur noch Museum, bis die Bestände und das Inventar vor 20 Jahren von Sotheby’s als Teil der „Markgrafenauktion“ versteigert wurden und das Schloss schließlich selbst zum Verkauf stand.

          Der Verfall des Schlosses ist weithin sichtbar.

          Von dem immer wieder angekündigten Luxushotel auf dem Florentinerberg ist allerdings bis heute nichts zu sehen. In 13 Jahren wurde nicht mehr erreicht, als den völligen Verfall abzuwenden. Und das gelang auch nur mit Geldern der staatlichen Denkmalförderung. Wieder einmal ist das Schloss derzeit eingerüstet. Von allen Mauern bröckelt der Putz, im Schlosshof wächst Gras auf einem Schutthügel. Das Mauerwerk hat schwarze Flecken. Hölzerne Stützen stabilisieren einige Sandsteinquader. Wenigstens plätschert aus dem Brunnen an der Westseite noch ein spärlicher Wasserstrahl. „Privatweg. Benutzung auf eigene Gefahr“, steht vor dem Hauptportal.

          Initiative: „Rettet das Neue Schloss“

          Drei Jahrzehnte völlig ergebnislose Debatten über die Zukunft des „Neuen Schlosses“ können politisch nicht ohne Folgen bleiben. Die Kommunalpolitiker haben allesamt versagt. Die Landespolitik interessiert sich bis heute wenig für die Kurstadt, die in der Welt bekannter ist als Stuttgart und Mannheim zusammen. Die Berichte und Meldungen, nach denen das Schloss demnächst mal wieder von einem Investor aus dem „Dornröschenschlaf“ geküsst werde, glaubt in der Kurstadt niemand mehr. Deshalb gründete sich erst eine Initiative „Rettet das Neue Schloss“ und Anfang vergangenen Jahres entstand daraus sogar eine kommunale Wählervereinigung namens „Freie Bürger für Baden-Baden“ (FBB), die mit den Farben des Hauses Baden – Gelb und Rot – ihre Flyer schmückt und nunmehr seit einem Jahr im Gemeinderat sitzt.

          Es gibt zahlreiche umstrittene Bauprojekte in der Kleinstadt und noch viel mehr Bausünden aus der Vergangenheit, die der Verein „Stadtbild“ hübsch dokumentiert hat. Fast immer zählten die Interessen der Investoren mehr als der Erhalt des historischen Stadtbildes. Die Sanierung des Schlosses und vor allem der Plan, dort Luxus-Appartements zu bauen und damit den luxuriösen Hotelumbau zu finanzieren, ging gründlich schief. Ein Vorgehen, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Vor Gericht gescheitert ist auch der übermütige Plan der Stadt, auf dem Gelände eines katholischen Pflegeheims („Vincentius-Areal“) Luxuswohnungen zu bauen und damit dringend benötigte Sozialwohnungen zu finanzieren. Der Verwaltungsgerichtshof sah darin einen Verstoß gegen das Gemeindewirtschaftsrecht.

          Für Unruhe sorgen auch Pläne des amerikanischen Architekten Daniel Libeskind, ein „Sieben-Sterne-Luxushotel“ zu bauen, sowie das Vorhaben des SWR, das Gelände der Hörfunkdirektion zu verkaufen oder dort auf dem Tannenhof-Areal weitere Luxuswohnungen zu errichten. „Die Bürger“, sagt ein Stadtrat der FDP, „haben hier viele Jahre das Gefühl gehabt, dass es nicht sehr transparent zugeht.“

          Die Politik hat versagt: In 13 Jahren ist nicht mehr gelungen, als den vollständigen Zerfall abzuwenden.

          Seit einem knappen Jahr ist Margret Mergen (CDU) Oberbürgermeisterin der Kurstadt. In ihrem Büro hat sie einen kleinen Prospekt mit einer Zeitachse über die ruhmreiche Geschichte Baden-Badens hängen, von der Siedlung der Römer über die Markgrafen und Iwan Turgenjew bis zu Barack Obamas Aufenthalt während des Nato-Gipfels. Sie ist froh, mal über die Zukunft der Stadt reden zu können und nicht immer nur über die Russen, die jahrelang den Großteil der Touristen in Baden-Baden ausmachten.

          Durchgerechnet: Dort wird nie ein Hotel entstehen

          Das Mineralwasser, das Festspielhaus, die neuen Hotels, die Ruhe und Gelassenheit, das seien die Schätze der Stadt. Für das Schloss gebe es jetzt einen Management-Vertrag mit der Firma Hyatt und auch ein Finanzierungskonzept. „Jetzt fehlt leider immer noch eine Bank, die eine solche Investition finanziert.“ Darauf aber wird die Stadt wohl noch eine Weile warten müssen, denn jeder Fachmann weiß, dass sich ein Hotel auf dem Florentinerberg nicht rechnen kann. Die einzig vernünftige Lösung wäre es gewesen, wenn das Land damals das Schloss gekauft hätte, daraus eine Akademie oder ein Tagungszentrum gemacht und einen Teil des Schlosses vielleicht als Restaurant verpachtet hätte.

          Richard Schmitz, der erfahrenste Hotel-Manager der Stadt, über Jahrzehnte Direktor von Brenners Parkhotel, macht der Stadt wenig Hoffnung, dass sich am Schloss bald etwas ändern könnte: „Wenn jemand kommt, der nicht rechnen muss, dann wird es ein sehr schönes Hotel. Doch wenn jemand kommt, der rechnet, dann wird dort nie ein Hotel entstehen.“ Die meisten Hoteliers können ja rechnen. Die Sanierung eines Hotelzimmers kostet schätzungsweise 1,2 Millionen Euro, ein Hotelier müsste nach Schmitz’ Berechnungen pro Zimmer und pro Nacht 1200 Euro bei einer Auslastung von 60 Prozent einnehmen, um wirtschaftlich zu arbeiten.

          „Das kann nicht funktionieren, das habe ich schon vor 13 Jahren gesagt.“ Insofern wird das Neue Schloss vorerst wohl eine Ruine bleiben. Ruinen hat die Stadt Baden-Baden aber eigentlich genug. Das Schloss Hohenbaden, das im Mittelalter Sitz der Markgrafen von Baden war und sich oberhalb der Stadt am Westhang des Bergs Battert befindet, liegt seit den Bränden von 1584 und 1597 in Trümmern.

          Weitere Themen

          71-Jährige mit Pikrinsäure am Umweltmobil Video-Seite öffnen

          Explosionsgefahr : 71-Jährige mit Pikrinsäure am Umweltmobil

          Das hätte auch gefährlich ins Auge gehen können. Eine 71-Jährige findet im Keller einen Behälter mit Pikrinsäure und bringt ihn zu einem Umweltmobil. Die Säure kann hochexplosiv sein - eine Sperrzone muss eingerichtet werden.

          Topmeldungen

          AKK im Kabinett : Auf dem Marsch ins Kanzleramt

          Wer wie Annegret Kramp-Karrenbauer Regierungschefin werden will, darf sich vor dem Verteidigungsministerium nicht fürchten. Auch in der Politik gilt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

          Mexikanischer Drogenboss : „El Chapo“ muss lebenslang ins Gefängnis

          Der mexikanische Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán muss lebenslang ins Gefängnis. Das Strafmaß wurde am Mittwoch in New York verkündet. Zuvor hatte „El Chapo“ das Gericht mit einer Beschwerde überrascht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.