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Babyklappe : Findelkinder aus der Grauzone

  • -Aktualisiert am

Prinzipiell anonym werden Säuglinge in Babyklappen abgelegt Bild: Rainer Wohlfahrt

Anonyme Babyklappen sollen verhüten, dass Mütter ihre Säuglinge töten. Das Angebot sorgt wieder einmal für Streit zwischen Behörden und Betreibern. Im Mittelpunkt steht der rührige Hamburger Verein SterniPark.

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          Solch eine Geschichte hat man vermutlich im piekfeinen Notariat am Hamburger Alstertor noch nie zuvor protokolliert: „Ich bin trotz Pille schwanger geworden“, berichtet eine zwanzig Jahre alte Frau, „und habe dies erst im fünften Monat bemerkt. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit dem Vater bereits nicht mehr zusammen.“ Die Schwangerschaft habe sie wegen ihrer Ausbildung als Bankkauffrau in Hamburg und aus Angst vor der Enttäuschung der Mutter verheimlicht.

          „Die Bank - einschließlich des Betriebsrats - drängte mich Ende April 2008 zu einem Aufhebungsvertrag . . . Anschließend tat ich gegenüber meiner Mutter, die noch nichts bemerkt hatte, so, als gehe ich unverändert in die Bank . . . Ich habe mein Kind am 9. Juni 2008 im Krankenhaus in Hamburg - nicht anonym - zur Welt gebracht. Am 14. Juni wurden mein Sohn und ich aus stationärer Behandlung entlassen; unmittelbar anschließend gab ich ihn in der Babyklappe von SterniPark in der Goethestraße 27 in Altona ab.“

          Hinweise auf Kinderhandel?

          So steht es, zusammen mit ähnlich lautenden Berichten dreier anderer Frauen, in einer „Tatsachenbescheinigung“, die Henning Voscherau, früher Erster Bürgermeister von Hamburg und heute als Notar tätig, am 16. Juli ausstellte und feierlich besiegelte. Die protokollierten anonymen Gespräche sollten klären, wo vier Kinder geblieben waren, die 2008 in Hamburger Babyklappen aufgefunden worden waren - Kinder, die dem Hamburger Jugendamt nicht gemeldet worden waren.

          Inzwischen gibt es mehr als 80 davon

          Daran hatte der Sozialsenator Dietrich Wersich (CDU) öffentlich Anstoß genommen. Man werde prüfen, ob sich ein „Anfangsverdacht für strafrechtliche Ermittlungen“ gegen den Betreiber SterniPark e.V. ergebe. Mancher verstand das als versteckten Hinweis darauf, dass SterniPark möglicherweise Kinderhandel betreibe.

          Vertraulichkeit und Anonymität wird zugesichert

          Der Rechtsanwalt des rührigen Vereins, der in der Hansestadt vor allem Kindertagesstätten betreibt, sprach daraufhin von einer „Rufmordkampagne“. Als Erster hatte SterniPark vor neun Jahren in Deutschland Babyklappen eingerichtet. Mittlerweile gibt es mehr als achtzig davon, die meisten sind einer Klinik angeschlossen. Alle funktionieren auf ähnliche Art: Nach Druck auf einen roten Knopf öffnet sich die Glastür, dahinter wartet ein auf 36,9 Grad geheiztes Wärmebettchen, wie es auf Frühchenstationen von Geburtskliniken eingesetzt wird. Die vordere Glaswand fehlt, um das Bündel einfacher hineinreichen zu können.

          Reichlich Infomaterial liegt in der Klappe aus: „Achtung, unbedingt mitnehmen“, versehen mit beruhigenden Appellen: „Wir sichern Ihnen Vertraulichkeit und Anonymität zu“ - auf Deutsch, Englisch, Russisch, Türkisch. Telefonnummern anonymer Beratungs- und Adoptionsvermittlungsstellen fehlen ebenso wenig wie ein Stempelkissen, mit dem die Mutter einen Fuß- oder Händeabdruck ihres Kindes als späteres Beweismittel nehmen kann. „Das wurde bei uns allerdings noch nie benutzt“, erklärt Schwester Kunigunde, die im Hanauer St.-Vinzenz-Krankenhaus für die Babyklappe zuständig ist.

          Findelkinder werden medizinisch versorgt

          Das nüchterne Ambiente der Nische steht in scharfem Kontrast zu der Anspannung und den widersprüchlichsten Gefühlen, die sich vor dieser Glastür schon abgespielt haben. Keineswegs nämlich werden in den Wärmebettchen kleine Wonneproppen vorgefunden, im Gegenteil: Meist sind die Winzlinge allenfalls provisorisch abgenabelt und in Tücher gewickelt, oft noch blutverklebt - was auf einen gefährlichen, spontanen Geburtsverlauf schließen lässt. Erst wenn sich die zusätzlich mit einer Sichtblende ausgerüstete Glastür schließt, wird Alarm ausgelöst. Drinnen öffnet dann eine herbeigeeilte Krankenschwester der chirurgischen Ambulanz die Klappe. Im Kreißsaal wird das Findelkind medizinisch untersucht und versorgt.

          Man mag argumentieren, jedes Kind, das seine Rettung dieser Einrichtung verdankt, rechtfertige den Aufwand. Doch Tatsache ist auch, dass sich ursprünglich damit verbundene Hoffnungen nicht erfüllt haben. Fälle von ausgesetzten und getöteten Neugeborenen gibt es nach wie vor. Und das, obwohl sich die Möglichkeit der anonymen Abgabe inzwischen herumgesprochen haben dürfte - nicht zuletzt dank der unermüdlichen Medienarbeit von SterniPark.

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