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Buchautor Bernd Brunner : „Wir sehnen uns nach einem authentischen Winter“

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Besinnlicher Winter: Wie steht es um das Ideal der kalten Jahreszeit? Bild: dpa

Früher gab es mehr Schnee. Doch die idealtypische kalte Jahreszeit gibt es schon lange nicht mehr. Das findet zumindest Buchautor Bernd Brunner und spricht über Werteverlust und Verklärung.

          Herr Brunner, Sie sitzen in Ihrer Berliner Wohnung, auf welchem Zähler steht die Heizung?

          Auf Position eins, es ist recht kühl, 18 Grad etwa. Ich trage auch nur einen dünnen Baumwollpulli; wenn ich nachher rausgehe, ziehe ich meine Daunenjacke an. Wie kalt ist es denn draußen?

          Nicht so sehr - das, was vom Himmel fällt, ist eindeutig Regen.

          Dann ist die Daunenjacke wohl zu viel. Ich habe Funktionsunterwäsche an, die wärmt gut, ich bin großer Fan dieser modernen Erfindung.

          Winter ohne Frieren also. Ihr neues Buch heißt: „Als die Winter noch Winter waren“. Wann fielen denn Winter als Jahreszeit und Winter als Wetter auseinander?

          Ich würde sagen, als wir Kulturtechniken entwickelten, uns gegen den Winter abzuschotten: sei es die Heizung oder eine Errungenschaft wie die Thermowäsche. Der Titel ist natürlich ironisch. Eigentlich sollte das Buch „Früher war mehr Schnee“ heißen, aber das war schon vergeben. Wir haben ein bestimmtes Bild von einem idealtypischen Winterwetter, die Mythologie des Winters ist sehr mitteleuropäisch geprägt. Und der Klimawandel beraubt uns nun dieses Winters, schrittweise. Wir verklären diese Jahreszeit, filtern unsere Erinnerungen - da bleiben die harten eben besonders im Gedächtnis.

          Wenn Sie an einen typischen Winter denken, welcher aus Ihrem Leben kommt Ihnen da in den Sinn?

          Der allererste, an den ich mich erinnern kann. Es war ein Winterurlaub mit meinen Eltern in Oberbayern. Die Bilder in meinem Kopf vermischen sich natürlich längst mit Fotos, ich sehe mich auf Skiern, überall riesige Eiszapfen, es riecht nach verbranntem Holz. Wir lebten im Wedding direkt an der Mauer, für mich stank der Winter dagegen sonst nach der Braunkohle, die vom Ostteil rüberwehte. Überhaupt: Winter in der Stadt ist immer nur trübselig. Wenn da Schnee fällt, geht es nur darum, ihn schnell wegzuräumen, damit nicht alles zum Erliegen kommt.

          Sie haben Teile des Buchs vergangenen Winter in der Pampa von Upstate New York geschrieben. Wie hat sich dadurch Ihre Perspektive auf Ihr Sujet verändert?

          Das war wirklich richtig auf dem Land, wir hatten manchmal bis zu minus 30 Grad. Jeden Tag bin ich zum zugefrorenen See, das war meine Routine. Ich hatte spezielle Stiefel dabei, vor Ort kaufte ich mir Spikes zum Drunterschnallen und eine Gesichtsmaske, damit mir die Nase nicht abfriert. In den zwei Monaten wurde mir erstmals klar, wie es sich anfühlt, wenn Winter zur Bedrohung werden können. Und wie hart sie früher waren.

          Dabei hatten Sie sogar Thermowäsche an. Einst brachte Winter im Schwarzwald und der Schweiz sogar die Uhrenindustrie hervor, weil man nicht vor die Tür kam. Woher kommt die Diskrepanz, vom Wetter genervt zu sein, dieses Früher aber nostalgisch zu verklären?

          Das ist eine neuere Erscheinung. Es spitzt sich gerade zu, dank des Klimawandels. Das hat mich auch dazu bewogen, das Buch zu schreiben: Die Verlusterfahrung macht sich nun bemerkbar, unser Wunsch nach einem authentischen Winter ist so groß, dass wir diese Erfahrungen nun sogar woanders suchen. Wir ziehen uns dafür gezielt an Orte zurück, wo wir Winter noch so erleben können, in Eishotels etwa oder nach Skandinavien.

          Wozu brauchen wir den Winter denn heute noch?

          Ich persönlich brauche ihn nicht. Unsere Konstitution ist nicht mal darauf ausgerichtet, wir haben ja kein Fell. Aber er ist eben Teil unserer Imagination, der Geschichten, die wir uns erzählen. Dieses Bild ist geprägt von Eislandschaften der Brueghel-Brüder, vom Zauberberg und von Bing Crosbys „White Christmas“. Dabei war bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf Weihnachtspostkarten hier nicht mal Schnee zu sehen. Aber dann kam der Coca-Cola-Mann, der durch weiße Landschaften fliegt: Die Populärkultur hat unser Bild stark verändert. Sie hat uns darin bestärkt, dass das so sein muss: Schnee im Winter als Soll-Vorschrift.

          O.k., wenn wir den Winter nicht brauchen - warum brauchen wir den Schnee?

          Er macht Tabula rasa. Er schluckt Geräusche, schafft eine Art von Ausnahmezustand, wir nehmen die Welt auf einmal ganz anders wahr. Alle Reize sind abwesend, es ist die Zeit der Kontemplation, wir lenken unsere Aufmerksamkeit auf andere Dinge. So wie Wilson Bentley, ein amerikanischer Amateur, der über Jahrzehnte 5300 verschiedene Schneekristalle fotografierte und kartographierte.

          Haben Sie’s auch versucht?

          Nein, nie. Als ich in den Vereinigten Staaten war vergangenen Winter, war es so kalt, dass man die Hände nach jedem Foto schnell wieder in die Handschuhe stecken musste. Ich habe eher den Bäumen zugehört, die in der Kälte auf besondere Weise ächzten, und die Eiskristalle verfolgt, die im Sonnenlicht um mich herum flogen und glitzerten.

          Wenn wir schon draußen sind: Fallen Ihnen Orte ein, die es nur im Winter gibt?

          Sie meinen Weihnachtsmärkte oder Plätze, an denen man Schlittschuh läuft? Sonst bleibt man ja gerne drinnen.

          Für uns Mittel- und Nordeuropäer fällt der Winter, der alles auf null setzt, zusammen mit Ereignissen wie Weihnachten und Silvester, alles Neuanfänge. Wir haben Glück.

          Das ist ja kein Zufall, zur Wintersonnenwende werden die Tage länger.

          Ja, aber das Christentum wurde schließlich in wärmeren Gefilden erfunden.

          Das schon, dennoch: Diese Feiern haben eine gesellschaftliche Funktion - sie sollen uns über die Härte hinwegtrösten, Hoffnung auf Veränderung machen.

          Wärme wiederum assoziieren wir nicht ohne Grund mit Positivem.

          Wenn wir „warm“ und „kalt“ als Metaphern nutzen, beziehen wir uns damit noch auf die alte Zeit, als Winter ganz existentiell waren. Das bleibt erhalten, auch wenn wir auf die Nivellierung der Jahreszeiten hinarbeiten.

          Sie meinen, weil man selbst an der Obst- und Gemüsetheke im Supermarkt vergessen kann, dass der Sommer vorbei ist?

          Auch. Das geht bis hin zu den Tageslichtlampen, die sich immer weiter verbreiten, um die Abwesenheit des Winters zu simulieren und bloß keinen Vitamin-D-Mangel aufkommen zu lassen. Ich habe sie selbst aber noch nicht ausprobiert. Es geht nur noch um die Optimierung von Abläufen, damit wir ganzjährig gleich fit sind. Als ich neulich in der Kantine der Berliner Stadtreinigung aß, schaufelten sich die Mitarbeiter riesige Berge an Eisbein rein - sie brauchen das noch, sie arbeiten hart, draußen, bei dem Wetter. Die meisten von uns aber nicht.

          Wie überwintern Sie denn?

          Das ist ein anachronistischer Begriff, der ist obsolet geworden. Ich habe keine Rituale, ich bin kein Winterpurist. Aber ich zünde mir Räucherkerzen an.

          Bernd Brunner

          „Als die Winter noch Winter waren. Geschichte einer Jahreszeit“, Galiani 2016, 240 Seiten, 18 Euro.

           

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