https://www.faz.net/-gum-8ohpi

Buchautor Bernd Brunner : „Wir sehnen uns nach einem authentischen Winter“

  • -Aktualisiert am

Ich persönlich brauche ihn nicht. Unsere Konstitution ist nicht mal darauf ausgerichtet, wir haben ja kein Fell. Aber er ist eben Teil unserer Imagination, der Geschichten, die wir uns erzählen. Dieses Bild ist geprägt von Eislandschaften der Brueghel-Brüder, vom Zauberberg und von Bing Crosbys „White Christmas“. Dabei war bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf Weihnachtspostkarten hier nicht mal Schnee zu sehen. Aber dann kam der Coca-Cola-Mann, der durch weiße Landschaften fliegt: Die Populärkultur hat unser Bild stark verändert. Sie hat uns darin bestärkt, dass das so sein muss: Schnee im Winter als Soll-Vorschrift.

O.k., wenn wir den Winter nicht brauchen - warum brauchen wir den Schnee?

Er macht Tabula rasa. Er schluckt Geräusche, schafft eine Art von Ausnahmezustand, wir nehmen die Welt auf einmal ganz anders wahr. Alle Reize sind abwesend, es ist die Zeit der Kontemplation, wir lenken unsere Aufmerksamkeit auf andere Dinge. So wie Wilson Bentley, ein amerikanischer Amateur, der über Jahrzehnte 5300 verschiedene Schneekristalle fotografierte und kartographierte.

Haben Sie’s auch versucht?

Nein, nie. Als ich in den Vereinigten Staaten war vergangenen Winter, war es so kalt, dass man die Hände nach jedem Foto schnell wieder in die Handschuhe stecken musste. Ich habe eher den Bäumen zugehört, die in der Kälte auf besondere Weise ächzten, und die Eiskristalle verfolgt, die im Sonnenlicht um mich herum flogen und glitzerten.

Wenn wir schon draußen sind: Fallen Ihnen Orte ein, die es nur im Winter gibt?

Sie meinen Weihnachtsmärkte oder Plätze, an denen man Schlittschuh läuft? Sonst bleibt man ja gerne drinnen.

Für uns Mittel- und Nordeuropäer fällt der Winter, der alles auf null setzt, zusammen mit Ereignissen wie Weihnachten und Silvester, alles Neuanfänge. Wir haben Glück.

Das ist ja kein Zufall, zur Wintersonnenwende werden die Tage länger.

Ja, aber das Christentum wurde schließlich in wärmeren Gefilden erfunden.

Das schon, dennoch: Diese Feiern haben eine gesellschaftliche Funktion - sie sollen uns über die Härte hinwegtrösten, Hoffnung auf Veränderung machen.

Wärme wiederum assoziieren wir nicht ohne Grund mit Positivem.

Wenn wir „warm“ und „kalt“ als Metaphern nutzen, beziehen wir uns damit noch auf die alte Zeit, als Winter ganz existentiell waren. Das bleibt erhalten, auch wenn wir auf die Nivellierung der Jahreszeiten hinarbeiten.

Sie meinen, weil man selbst an der Obst- und Gemüsetheke im Supermarkt vergessen kann, dass der Sommer vorbei ist?

Auch. Das geht bis hin zu den Tageslichtlampen, die sich immer weiter verbreiten, um die Abwesenheit des Winters zu simulieren und bloß keinen Vitamin-D-Mangel aufkommen zu lassen. Ich habe sie selbst aber noch nicht ausprobiert. Es geht nur noch um die Optimierung von Abläufen, damit wir ganzjährig gleich fit sind. Als ich neulich in der Kantine der Berliner Stadtreinigung aß, schaufelten sich die Mitarbeiter riesige Berge an Eisbein rein - sie brauchen das noch, sie arbeiten hart, draußen, bei dem Wetter. Die meisten von uns aber nicht.

Wie überwintern Sie denn?

Das ist ein anachronistischer Begriff, der ist obsolet geworden. Ich habe keine Rituale, ich bin kein Winterpurist. Aber ich zünde mir Räucherkerzen an.

Bernd Brunner

„Als die Winter noch Winter waren. Geschichte einer Jahreszeit“, Galiani 2016, 240 Seiten, 18 Euro.

 

Weitere Themen

Topmeldungen

Die Zahl der Internet-Attacken nimmt zu.

Cyber-Kriminalität : Im Netz der kaltblütigen Erpresser

Hacker dringen mit ihren Angriffen in immer sensiblere Bereiche vor. Sie nehmen Daten als Geisel und Tote in Kauf. Treffen kann es jeden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.