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Jubelnde Fans : „Beim Autokorso feiert man sich selbst“

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Für den Korso gibt es nur wenige Regeln, aber eine ist wichtig: Das Auto muss geschmückt sein, mindestens mit einer Fahne Bild: dpa

Nach dem Sieg der deutschen Elf fahren Autos hupend durch die Innenstädte. Aber warum eigentlich? Ein Gespräch mit dem Soziologen Alfred Fuhr über kollektives Hupen und den Migrationshintergrund des Autokorsos.

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          Herr Fuhr, Sie sind Verkehrssoziologe und können uns erklären: Wieso setzen sich Deutsche nach WM-Siegen ihrer Elf ins Auto und fahren lärmend in Kolonne durch die Innenstädte?

          Na, der Autokorso ist ein typisches Beispiel dafür, dass eine Kultur etwas hervorbringt, das sich medial an eine andere vermittelt. Man kannte den Korso früher eher von den Südländern; im Zusammenhang mit dem Fußball erinnere ich mich an Autokorsos in Italien oder Spanien seit etwa den siebziger Jahren. In der „Sportschau“ wurde dann darüber berichtet, wenn zum Beispiel Real Madrid gewonnen hatte. Mit dem „Sommermärchen“ 2006 griff das auf Deutschland über. Vier Jahre vorher hatte es das auch schon gegeben, aber mit der WM im eigenen Land wurde es zum Phänomen.

          Der Autokorso hat also einen Migrationshintergrund?

          Ja, einen südländischen. Historisch ist der Korso ein Triumphmarsch oder -zug; seit der Renaissance ließen sich Herrscher nach militärischen Siegen auf Triumphwagen am Volk vorbeifahren.

          Ist der Korso nicht auch eine Unterform der Parade?

          1954, als die deutsche Mannschaft Fußballweltmeister geworden war, fuhr man die Spieler im offenen Käfer durch die Stadt. Inzwischen ist die Identifikation mit den Spielern so groß, dass man sich eigentlich selbst feiert. Man braucht die Anwesenheit der Helden gar nicht mehr. Es geht vor allem darum, zu sagen: Hier regiert jetzt Deutschland. Man erobert und okkupiert den Raum. Keinen Fußbreit dem Gegner. Das Volk erobert sich einen Raum zurück, an dem sonst alle sein dürfen.

          Hat der Autokorso etwas mit dem Karneval gemein, wo auch für eine gewisse Zeit Regeln des Wohlverhaltens gebrochen werden?

          Ja, zur Eroberung des Raums gehört auch die Regelverletzung - dass die Leute halb aus dem Auto raushängen, dass man Lärm macht, auch mal in eine Fußgängerzone fährt. Es ist eine Rebellion, ein Aufstand gegen das Normale, ein Ausbruch.

          Hat der Korso ein Ziel? Den Verkehr zum Erliegen zu bringen?

          Sicher. Einmal die Ordnung auszuhebeln. Die Leute müssen ja lange durch die Stadt fahren – allein bis sie sich jedes Mal gefunden haben. Zu Beginn gibt es erst einmal Korso-Suchverkehr. Viele Leute kommen von außerhalb, oder sie müssen erst mal aus dem Public Viewing raus.

          Folgt der Korso Regeln?

          Erlaubt ist, was gefällt. Wichtig ist, dass die Autos dekoriert sind, mindestens mal eine Fahne muss in den Wind gehalten werden. Hupen gehört dazu. Aus der Love Parade und ihrer Selbstinszenierung kommt, dass Mädchen auf der Pritsche tanzen. Es ist eine Synthese aus verschiedenen Formen, und der Ursprung ist nicht mehr richtig erkennbar – weil das Volk am Straßenrand fehlt, das mitjubelt. 

          Man ist sich selbst der Zuschauer, man feiert auch sich selbst. Das staunende Volk fehlt.

          Genau. Das Volk sitzt ja im Auto und fährt rum. Entscheidend ist, dass man gesehen wird. Mit einem Cabrio ist man weit vorne.

          Oder mit einem Schiebedach. Spielt die Automarke eine Rolle?

          Eigentlich nicht. Im Autokorso kommt es schon zu so etwas wie der Verbrüderung der Fans. Das wird ja gesucht, im Public Viewing schon: dass ich mir das Spiel nicht alleine ansehe, sondern mich aufgehoben fühle in einer großen Masse.

          Warum gibt es den Autokorso nur beim Fußball?

          Wegen der Masse, denke ich. In Deutschland gab es das auch mal für die Handballer, aber in viel geringerem Umfang. Es hat auch was damit zu tun, dass es Männer sind; Frauen kämen gar nicht auf die Idee, nach dem Spiel unbedingt noch rumfahren zu müssen. Meistens ist es ja so: Der Häuptling sitzt am Steuer, und das Mädel hat Spaß daran, mitzufahren.

          So ein Autokorso ist nix für ältere Herrschaften, sondern ein young people’s game, oder?

          Es ist ein Jugendphänomen; die älteren Herrschaften sitzen noch zusammen und trinken ihr Bier fertig. Da sieht man dann auch, dass die Freude nach einer Weile auch verpufft. Man weiß ja, am nächsten Tag muss man wieder zur Arbeit. Dann muss ich wenigstens jetzt noch mal leben, jetzt noch mal hupen. Tiefenpsychologisch: Die Masse, die die Gefahr spürt, wieder zu vereinsamen, will dieses Gefühl noch eine Zeitlang fortsetzen - eben etwa im Autokorso.

          Zeigt sich beim Autokorso nicht auch, dass der Mensch in Momenten hoher Emotionalität den echten Kontakt mit seinen Mitmenschen will? „Social Media“ reicht da nicht.

          Ich glaube nicht, dass es um den echten Kontakt geht. Ich glaube, es geht darum, zu zeigen, wer man ist. Deswegen fahren die Leute ja stundenlang durch die Gegend. Auch im Stau zu stehen ist da kein Problem mehr.

          Die Fußballbegeisterung des Fans ist in der Regel komplett anstrengungslos: Die Spieler müssen in der Hitze und Schwüle rennen, der Fan muss nur mitfiebern, mehr nicht. Aber gerade nach einem Sieg muss die Energie irgendwo hin, oder?

          Das Faszinierende ist ja erst einmal die Bindung an eine Mannschaft und an das Nationale. Man bangt und fiebert mit, als ob man wirklich was zu verlieren hätte. Das ist auch das, was mir persönlich so gegen den Strich geht: dieses Parasoziale. Dass alle meinen, indem sie bei dem Spiel zusehen, hätten sie irgendwas mit diesen elf Millionären zu tun. Es ist fast ein magisches Weltbild: Die Leute glauben, dass sie in Frankfurt vor dem Fernseher sitzen, hätte in Brasilien irgendeinen Effekt. Deshalb sagt man ja auch: „Wir“ werden Weltmeister.

          Hat das nicht auch eine Schönheit: Man begeistert sich für eine Sache, die - anders als zu anderen Zeiten in der deutschen Geschichte - auch noch völlig harmlos ist?

          Finde ich gar nicht. Die Abwertung des anderen ist dem Spiel inhärent; es fördert den Nationalismus. Die Leute feiern ja nicht mit einer Fifa-Fahne. Diese Volksgemeinschaft im Medienraum führt dazu, dass das, was der Mannschaft hilft, was die Mannschaft braucht, alles andere verdrängt. Durch die stundenlange Vor- und die Spiel- und die Nachberichterstattung wird jeder eingenordet: Dieses Fußballspektakel muss jetzt das Allerwichtigste sein. Dieser Medial-Sport-Komplex erfasst alle.

          Kann man dann überhaupt noch guten Gewissens in so einem Autokorso mitfahren?

          Ich könnte das nicht. Man feiert ja nur sich selbst.

          Muss man das nicht gelegentlich?

          Da gibt es Tausende andere Möglichkeiten. Auch dass es unbedingt das Auto sein muss – diese Verbindung von Potenz und PS und Raumeroberung ist mir suspekt.

          Ab wie vielen Autos kann man überhaupt von einem Korso sprechen? Ab zwei?

          Das ist wie bei der Hochzeit: sobald der Pulk so ist, dass man ihn als zusammenhängend wahrnehmen kann.

          Also ein Auto ist noch kein Korso?

          Natürlich nicht. Aber ich kann auch meinen einsamen Korso fahren, indem ich die Fahne raushänge, weil ich ja weiß: Irgendwo in meiner Stadt fahren auch noch andere Leute.

          Durch das Hupen findet man sich ja auch gegenseitig.

          Genau. Dieser gefürchtete Moment, in dem man wieder im Unbedeutenden verschwindet, wird durch den Korso hinausgeschoben.

          Woher weiß man, wann Schluss ist mit dem Korso?

          Das hört einfach irgendwann auf. Man denkt sich: Diese eine Runde fahre ich noch mit.

          Ist das wie beim Klatschen: Man schaut, wie begeistert die anderen noch dabei sind, und dann hört man allmählich auf?

          Ich glaube, die Leute haben eine Vorstellung, wie lange sie in etwa mitfahren wollen. Danach dräut ja auch wieder das nächste Ereignis; man ist noch verabredet. Dann ist der Spuk auch schnell vorbei. So schnell, wie er gekommen ist.

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