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Jubelnde Fans : „Beim Autokorso feiert man sich selbst“

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Es ist ein Jugendphänomen; die älteren Herrschaften sitzen noch zusammen und trinken ihr Bier fertig. Da sieht man dann auch, dass die Freude nach einer Weile auch verpufft. Man weiß ja, am nächsten Tag muss man wieder zur Arbeit. Dann muss ich wenigstens jetzt noch mal leben, jetzt noch mal hupen. Tiefenpsychologisch: Die Masse, die die Gefahr spürt, wieder zu vereinsamen, will dieses Gefühl noch eine Zeitlang fortsetzen - eben etwa im Autokorso.

Zeigt sich beim Autokorso nicht auch, dass der Mensch in Momenten hoher Emotionalität den echten Kontakt mit seinen Mitmenschen will? „Social Media“ reicht da nicht.

Ich glaube nicht, dass es um den echten Kontakt geht. Ich glaube, es geht darum, zu zeigen, wer man ist. Deswegen fahren die Leute ja stundenlang durch die Gegend. Auch im Stau zu stehen ist da kein Problem mehr.

Die Fußballbegeisterung des Fans ist in der Regel komplett anstrengungslos: Die Spieler müssen in der Hitze und Schwüle rennen, der Fan muss nur mitfiebern, mehr nicht. Aber gerade nach einem Sieg muss die Energie irgendwo hin, oder?

Das Faszinierende ist ja erst einmal die Bindung an eine Mannschaft und an das Nationale. Man bangt und fiebert mit, als ob man wirklich was zu verlieren hätte. Das ist auch das, was mir persönlich so gegen den Strich geht: dieses Parasoziale. Dass alle meinen, indem sie bei dem Spiel zusehen, hätten sie irgendwas mit diesen elf Millionären zu tun. Es ist fast ein magisches Weltbild: Die Leute glauben, dass sie in Frankfurt vor dem Fernseher sitzen, hätte in Brasilien irgendeinen Effekt. Deshalb sagt man ja auch: „Wir“ werden Weltmeister.

Hat das nicht auch eine Schönheit: Man begeistert sich für eine Sache, die - anders als zu anderen Zeiten in der deutschen Geschichte - auch noch völlig harmlos ist?

Finde ich gar nicht. Die Abwertung des anderen ist dem Spiel inhärent; es fördert den Nationalismus. Die Leute feiern ja nicht mit einer Fifa-Fahne. Diese Volksgemeinschaft im Medienraum führt dazu, dass das, was der Mannschaft hilft, was die Mannschaft braucht, alles andere verdrängt. Durch die stundenlange Vor- und die Spiel- und die Nachberichterstattung wird jeder eingenordet: Dieses Fußballspektakel muss jetzt das Allerwichtigste sein. Dieser Medial-Sport-Komplex erfasst alle.

Kann man dann überhaupt noch guten Gewissens in so einem Autokorso mitfahren?

Ich könnte das nicht. Man feiert ja nur sich selbst.

Muss man das nicht gelegentlich?

Da gibt es Tausende andere Möglichkeiten. Auch dass es unbedingt das Auto sein muss – diese Verbindung von Potenz und PS und Raumeroberung ist mir suspekt.

Ab wie vielen Autos kann man überhaupt von einem Korso sprechen? Ab zwei?

Das ist wie bei der Hochzeit: sobald der Pulk so ist, dass man ihn als zusammenhängend wahrnehmen kann.

Also ein Auto ist noch kein Korso?

Natürlich nicht. Aber ich kann auch meinen einsamen Korso fahren, indem ich die Fahne raushänge, weil ich ja weiß: Irgendwo in meiner Stadt fahren auch noch andere Leute.

Durch das Hupen findet man sich ja auch gegenseitig.

Genau. Dieser gefürchtete Moment, in dem man wieder im Unbedeutenden verschwindet, wird durch den Korso hinausgeschoben.

Woher weiß man, wann Schluss ist mit dem Korso?

Das hört einfach irgendwann auf. Man denkt sich: Diese eine Runde fahre ich noch mit.

Ist das wie beim Klatschen: Man schaut, wie begeistert die anderen noch dabei sind, und dann hört man allmählich auf?

Ich glaube, die Leute haben eine Vorstellung, wie lange sie in etwa mitfahren wollen. Danach dräut ja auch wieder das nächste Ereignis; man ist noch verabredet. Dann ist der Spuk auch schnell vorbei. So schnell, wie er gekommen ist.

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