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Autogeschichten : Fast gekauft ist auch vorbei

Das wär’s gewesen: Vom Steuer eines 1970er Buick Electra Convertible hätte das Leben ganz anders ausgesehen. Bild: Niklas Maas

Man sieht ein Auto, will es haben – und kauft es doch nicht. Ein kleine Geschichte verpasster Gelegenheiten.

          Es gibt Menschen, die sich irgendwann in ihrem Leben das Auto kaufen, das sie immer schon haben wollten, und dann sind sie zufrieden und fahren es, bis sie umfallen. Sie werden mit ihren Autos alt, so wie Inspektor Columbo mit seinem Peugeot 403. Das sind die einen. Die anderen werden die Unruhe nie los beim Nachdenken darüber, welches Auto zu einem passt, welches Auto dem Leben eine andere Wendung geben würde. Sie finden, dass man für jede Jahreszeit, jedes Wetter, jede Stimmungslage ein Auto haben müsste, so wie man verschiedene Hosen besitzt und unterschiedliche Musik hört und unterschiedliche Sachen isst. Sie finden, dass es Porsche-Nächte und Maserati-Momente und Renault-4-Tage gibt. Aber selbst wenn sie sich zehn Autos leisten könnten, würde es nicht reichen, denn die Unruhe sitzt tiefer, weil das Auto eben kein Statussymbol ist, sondern ein Vehikel, das zu einem anderen Leben ermutigt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Es gibt Dinge, die tut man nicht, wenn man einen neuen Opel Corsa fährt, aber man tut sie, wenn man sich für das gleiche Geld einen Mercedes 450 SL von 1978 kauft (oder für mehr Geld einen neuen 911er) – nachts mit offenem Dach nach Rom fahren und morgens in Mailand anhalten und einen Caffè trinken, zum Beispiel. Mit einem VW Touran Turbodiesel fährt man nicht mit allen vier Kindern nachts noch mal zum Eisessen ins Nachbardorf, obwohl sie schlafen sollen – mit dem 1970er Buick Electra Convertible schon. Die Suche nach einem neuen Vehikel ist eine Suche nach dem gelingenden Leben. Umso schmerzhafter die „Roads Not Taken“, die der Dichter Robert Frost beklagt: die Erinnerung an Autos, die man sich hätte kaufen sollen, weil sie etwas verändert hätten.

          Alfasud

          Als ich in Rom studierte, sah ich jeden Morgen vor dem Haus an der Via Tiburtina, in der ich mir ein Zimmer gemietet hatte, einen dunkelbraunen Alfasud, an dessen Beifahrerseite das Schild „Vendesi“ klebte. Der Lack war in zahlreichen römischen Sommern ausgeblichen, die Stahlfelgen waren rostig, das Nummernschild, auf dem in orange-farbenen Buchstaben „Roma“ stand, war offenbar von einem von hinten auffahrenden Wagen ins Blech gepresst worden, der Beifahrersitz vollkommen zerschlissen. Mit dem Alfa, dachte ich, würde ich nach Bomarzo und ans Meer nach Sperlonga fahren, wo die Speluncae-Höhlen sind, nach denen wiederum die deutschen Spelunken benannt wurden, und nach Sabaudia, in die moderne Idealstadt – aber ich hatte keine Lust auf den Anmelde- und Versicherungskram.

          Bei Neapel gebaut: Der Alfasud führt schon im Namen die Verheißung von südlichen Sommern mit sich.

          So ging ich in Rom wochenlang jeden Tag an dem Alfasud vorbei, auf dem die Studenten aus der „Bar dei Belli“ nachts ihre Bierflaschen abstellten, und stellte mir vor, wie es wäre, mit ihm durch Rom zu fahren, und rätselte, warum in aller Welt der Beifahrersitz so aussah: Transportierte der Fahrer dort gestohlene Fernseher? War der Beifahrer sehr dick? Irgendwann, als das Wetter so heiß wurde, dass nicht einmal mehr die Möwen über dem Vittoriano kreisten und ich dringend ein Auto haben wollte, um aus der Stadt zu fliehen, war der Alfasud verschwunden. Ein paar Wochen später sah ich ihn an der Piazza Bologna wieder; eine ältere Person saß am Steuer – und neben ihr auf dem Beifahrersitz eine große deutsche Dogge, die offenbar der Grund für den Zustand des Sitzes war. Danach sah ich weder Dogge noch Auto wieder, aber wann immer ich in Rom durch die Via Tiburtina fahre, denke ich an die Reisen, die ich mit dem Alfasud bestimmt gemacht hätte.

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