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Ausstellung in Karlsruhe : Oh, du lieber Weihnachtsbaum

„Weinachten”, 2006: Tina Kaja Gerken stapelt Gläser - und hat schon Silvester im Sinn Bild: Schludi

Ohne den grünen Klassiker im Wohnzimmer geht es nicht. Oder doch? Zwei Produktdesigner treten den Gegenbeweis an und laden jedes Jahr Kollegen ein, sich kreative Gedanken zum so beliebten Nadelbaum zu machen.

          3 Min.

          Ein Weihnachtsbaum ist eine einfache Sache: Er ist irgendwie grün und läuft nach oben hin spitz zu. Wer also auf das nadelnde Etwas in seinem Wohnzimmer verzichten möchte, kann seinen Gedanken freien Lauf lassen. Wie wäre es etwa mit einem grün angemalten Eiffelturm-Modell? Das ließe sich in der Adventszeit problemlos als Mini-Weihnachtsbaum verkaufen, erst recht, wenn man es noch mit kleinen roten Kugeln behängen würde. Auch eine grüne Vuvuzela aus Südafrika (Mundstück nach oben) ginge im Fußball-WM-Jahr 2010 gewiss als Weihnachtsbaum-Ersatz durch.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dass in dem Jahresendzeit-Produkt allerdings mehr steckt, davon waren zwei Studenten der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG) schon im Jahr 2004 überzeugt. Und so riefen sie zunächst ihre Kommilitonen auf, sich mal intensiver mit dem geschmückten Baum zu beschäftigen. Inzwischen lädt die HfG jedes Jahr zu einer Ausstellung ein, und längst beteiligen sich nicht mehr nur Karlsruher Studenten. Sogar unverlangte und anonyme Entwürfe werden bei Johannes Marmon und Johannes Müller abgegeben, die die "Oh, Tannenbaum" genannte Aktion noch immer selbst organisieren, obwohl sie mittlerweile ihr eigenes, gemeinsames Studio in Karlsruhe (jjoo design) eröffnet haben.

          Verschiedenste Positionen und Blickwinkeln

          "Freut euch über ihn, hasst ihn, zerstört ihn und belebt ihn wieder - so könnte unser Anliegen von 2004 in einen Satz gefasst heißen", sagen die beiden über ihre Idee. Das Thema "Weihnachtsbaum" erschien ihnen passend, weil jeder sofort gewusst habe, worum es ging. "Jeder hat doch eine Vorstellung von, Erinnerungen an und Assoziationen zu Weihnachtsbäumen." Zugleich schien das Bild abstrakt genug, um es in beliebiger Manier und in verschiedenen Medien bearbeiten zu können. "Wir konnten Grafiker, Medienkünstler, Produktdesigner, Kunstwissenschaftler oder Szenografen einladen, da das Feld genug Raum für Texte, Bilder, Plakate, Klänge, Objekte und sonstiges Schaffen bot."

          „Weihnachtsarmee”, 2007: Masa Busic' Schokoladennikolausbaum schmilzt schnell dahin
          „Weihnachtsarmee”, 2007: Masa Busic' Schokoladennikolausbaum schmilzt schnell dahin : Bild: Benedikt Achatz

          Wie gut die Thematik tatsächlich sein sollte, wurde Marmon und Müller erst mit den Jahren klar: "Es findet sich schwerlich ein anderes Objekt, das das Nebeneinander des einerseits so Speziellen, des eindeutigen und verbreiteten Bildes - ein in grüne Nadeln, (rote) Kugeln und (weiße) Kerzen gewandeter Kegel - und des andererseits so viel Allgemeines implizierenden Symbols so treffend verkörpert wie der Weihnachtsbaum: Er ist heidnisch und christlich, er steht im Super- und auf dem Weihnachtsmarkt, steht für Fruchtbarkeit und Kommerz, im Wohnzimmer und auf dem Marktplatz - in Stockholm und Kapstadt, Miami und Peking - und bietet aus verschiedensten Positionen und Blickwinkeln entsprechend unterschiedliche Gesichter."

          Nahrungsmittel als Material sind beliebt - und sehr vergänglich

          Manche unterscheiden sich sogar so sehr von der herkömmlichen Vorstellung vom Weihnachtsbaum, dass man ihn gar nicht mehr erkennt. Darum sollen die Teilnehmer nicht nur eine Erläuterung zu ihrem "Produkt" abliefern; das Objekt muss sich auch in der Ausstellung an der HfG beweisen. Manche Idee fällt dabei durch, eine andere wird schnell als nicht besonders kreativ erkannt. Zu den eher "simplen Bäumen" zählt oft die "Stapelware" - wie etwa grüne Gießkannen, aufgetürmt in Pyramidenform. Dass Gestapeltes aber durchaus auch wohlwollende Beachtung finden kann, beweist die Arbeit von Tina Kaja Gerken aus dem Jahr 2006. Die Gläser ihrer Pyramide, in der einige gefüllte Rotweinschalen die Christbaumkugeln ersetzen, können im Laufe des Heiligen Abends geleert werden. Ähnlich verlockend: die auf Stufen strammstehende "Weihnachtsarmee" aus Schokoladennikoläusen von Masa Busic (2007). Nahrungsmittel als Material sind überhaupt beliebt - und sehr vergänglich. Max Kosoric hatte 2006 mühevoll mit fünf Freunden in fünf Stunden seinen "Baum" aus Hundekuchen ("Jingle Bells") zusammengeklebt - zum Verdruss seines Hundes. Bei der Ausstellung kam der dann doch auf seine Kosten, wie Bissspuren unverkennbar verrieten.

          Von großem handwerklichen Geschick zeugen einige der herausragenden Arbeiten - etwa der Autoreifen von Cornelia Sieg ("Driving Home For Christmas", 2007). Sein Gummiprofil hinterlässt eine nicht enden wollende Weihnachtsbaum-Spurrille im Schnee. Auch Lambert Kamps hat seinen Schokoladenbrunnen (2010) handwerklich sorgfältig nachbearbeitet. Der niederländische Designer schnitt Zacken ins Blech des Brunnens, bevor er grünen Schleim sprudeln ließ. Hübsch auch die Idee von Volker Albus, einem der namhaftesten deutschen Designer und zugleich Produktdesign-Professor und Prorektor der HfG. Die weißen, waagerecht an Drähten befestigten Kerzen an seinem Frühwerk (2004) brennen zwar schnell ab, ihr Wachs aber bildet eine herrliche Schneelandschaft zu Füßen des Baums.

          Wem das zu weihnachtlich süß ist, dem gefallen vielleicht die konsumkritischen Arbeiten. Design als Kunstprojekt: Rosa Pfeil und Yannik Nuss kochten für diese Weihnachten einen "Eintopf" aus dem Baum des vergangenen Jahres. Der so Wiederverwertete taugt nun gar nicht als Wohnzimmerdekoration - und ist auch sonst kaum genießbar. Renata Joy Fields wiederum war eine der wenigen, die einen echten Baum verarbeiteten: Im Einkaufswagen aber und mit dem Titel "Kapitalismus" (2004) ist auch er wohl ein Hassobjekt für Weihnachtsfans.

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