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Ausmalen gegen Stress : Eskapismus für Fortgeschrittene

Wie jedes Kind weiß, malt es sich mit der Zunge zwischen den Zähnen am besten. Auch dieser Herr macht von der Methode Gebrauch. Bild: Picture-Alliance

Yoga, Floating, autogenes Training? Alles gestrig. Der moderne Mensch greift in stressigen Situationen zum Ausmalbuch. Der Absatz ist enorm gestiegen, seit Erwachsene die Beschäftigung für sich entdeckt haben.

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          Ein harter Tag im Büro, dann hat auch noch das Auto einen Platten, und die Schwiegermutter fordert mit frostiger Stimme auf der Mailbox einen Rückruf. Was läge da näher, als zu bunten Stiften zu greifen, um der Gesamtsituation wieder Herr zu werden? Wie der „Telegraph“ berichtet, steigen die Absatzzahlen von Malbüchern von Jahr zu Jahr um 300 Prozent. Lange fragten sich Buchhändler, was mit den Kindern heutzutage los sei, die plötzlich wie die Besessenen Tierbilder ausmalen wollten und dafür darauf verzichteten, sich mit technischem Spielzeug zu beschäftigen. Schließlich gab es nicht mehr Kinder als zuvor, die diese Unmengen an Büchern hätten ausmalen können.

          Julia Bähr

          Audience Managerin bei FAZ.NET.

          Dann aber stellte sich heraus, dass die Erwachsenen die Bücher für sich selbst kauften. Entsprechend sind auch nicht Feen und Piraten die Bestseller, sondern Werke wie „Secret Garden“ und „Animal Kingdom“. Dort sind die Bilder bereits teilweise koloriert, so dass der gestresste Erwachsene sich nicht groß damit befassen muss, ob die Eule nun braun oder blau werden soll. Und welche Farben haben eigentlich Eulenschnäbel? Ach, ein Glück, der ist auch schon eingefärbt.

          Die Lösung für Telefonkonferenzen

          Wir haben es hier mit einem Phänomen zu tun, bei dem die Ereignislosigkeit das Ereignis ausmacht. Das kennt man in diesem Ausmaß bisher nur aus dem diesjährigen Dschungelcamp. Offenbar sehnen sich zahlreiche Menschen danach, keine Entscheidungen treffen zu müssen. Und wenn sie mal eine treffen, soll sie bitte keinerlei Tragweite haben. Ob die Früchte des Baumes orange oder lila eingefärbt sind, spielt erstens keine Rolle und hat zweitens niemanden zu interessieren. Nachdenken ist nicht nötig – das ist praktisch, da viele ihrem neuen Hobby nach Informationen der Buchhändler während geschäftlicher Telefonate frönen. Endlich eine Lösung für langweilige Telefonkonferenzen: Essen macht Geräusche, Lesen lenkt zu sehr ab, und ein Nickerchen fliegt ja doch meist irgendwann auf.

          Außerdem bieten die Malbücher Erwachsenen einen Anreiz, den man in modernen Berufen selten erlebt: Am Abend können sie sehen, was sie tagsüber geschafft haben. Ganz eindeutig, Bunt auf Weiß. Sie können mit dem zutiefst befriedigenden Gefühl nach Hause gehen, heute drei Seiten ausgemalt zu haben. Richtig sorgfältig. Und kein einziges Mal über den Rand.

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