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Ausflug nach Israel : Jesus und Petrus in Badeshorts

Inspiration im Heiligen Land: die Schauspieler hoch über dem in milchigem Blau schimmernden See Genezareth Bild: schmidt

Die Oberammergauer Passionsspieler besuchen das Heilige Land - und nehmen an den biblischen Stätten Energie auf für ihr Schauspiel im eigenen Heimatdorf. In Jerusalem schlägt ihnen die geballte Wucht geteilter Heiligkeit entgegen.

          Wer auf dem See Genezareth stehen möchte, muss Verbindungen nach ganz oben haben – oder findig sein wie ein Oberammergauer. Im Abendrot - von der Westseite des Sees funkeln schon Lichter aus der Stadt Tiberias herüber - scheinen die jungen Männer, die im nächsten Jahr bei den 41. Passionsspielen in dem oberbayerischen Dorf den Jesus und den Petrus spielen werden, den Gesetzen der Natur zu trotzen: Hoch aufgereckt auf dem Wasser, mit Badeshorts statt mit Leinenhemden bekleidet, winken Jesus und Petrus, jeweils zweimal, in Richtung Ufer. Zu ihren Füßen im Wasser scharen sich weitere Oberammergauer. Nur wenn die Wellen weichen, zeigt sich kurz der Tisch aus weißem Plastik, den die Passionsspieler im flachen Wasser in den Sand gestellt haben, um dem Wunder die nötige Grundlage zu geben.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Mit derlei Veranschaulichungen des Heilsgeschehens kennen sich die Oberammergauer bestens aus. 1633, als die Pest das Dorf bedrohte, gelobten sie, alle zehn Jahre die Geschichte von Wirken, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi nachzuspielen, wenn Gott sie verschone. Darauf ließ er sich ein. Seither erfüllen die Oberammergauer ihr Gelübde. Die nächsten Spiele finden zwischen Mai und Oktober 2010 statt, mit 102 Aufführungen und 2500 Mitwirkenden, fast jedem zweiten Dorfbewohner. Wer nicht von dort stammt, ist nur spielberechtigt, wenn er im Kindesalter zugezogen ist oder schon 20 Jahre im Ort lebt. Die meisten Darsteller der großen, doppelt besetzten Rollen, die Solo-Sänger und die Dirigenten sind nun zusammen mit dem Leiter der Spiele, Christian Stückl, und seinem Stellvertreter Otto Huber für eine Woche nach Israel gekommen, um sich im Heiligen Land ihrerseits durch eigene Anschauung auf die Aufgabe vorzubereiten.

          Nur wer einen Römer spielt, darf sich rasieren

          In der Mittagshitze, hoch über dem in milchigem Blau schimmernden See Genezareth, geht der gut 50 Leute starke Tross – der Jüngste ist 18, der Älteste 77 Jahre alt – einen staubigen Weg vom Berg der Seligpreisungen herab. Man spricht Bairisch. Braune, blonde, schwarze Bärte und lange Haare, bei vielen von Tüchern gebändigt, umrahmen die meisten männlichen Gesichter. Seit Aschermittwoch erlaubt der Oberammergauer Haar- und Barterlass Mitwirkenden nur noch gelegentliches Trimmen. Nur wer einen Römer spielt, darf sich rasieren, wie der Darsteller des Pilatus. Bartlos dabei sind auch der katholische und der evangelische Pfarrer Oberammergaus sowie Thomas Frauenlob von der Bildungskongregation des Vatikans, der an den biblischen Orten in das jeweilige Thema einführt.

          Passionspieler auf dem Ölberg in Jerusalem

          Die Oberammergauer versammeln sich bei einem Stein, der daran erinnert, dass Jesus laut Matthäus dort post mortem seinen Jüngern erschien. Einige finden unter den Zweigen eines Olivenbaums Schutz vor der sengenden Sonne, dann und wann weht ein kühlender Windhauch und biegt das ausgedörrte Gras. Frauenlob erzählt, Schweißtropfen auf der Stirn, wie die jüdische Elite in Jerusalem auf Jesus und seine Jünger als einfaches Landvolk herabsah. Auf Petrus etwa, einen einfachen, „aber bestimmt nicht lebensuntüchtigen“ Fischer aus Kapharnaum, das unweit dieser Anhöhe am Ufer des Sees liegt. Die Apostel seien nicht etwa „die Kampftruppe“ Jesu gewesen, sondern einfache Leute von hier, aus Galiläa.

          Er gestikuliert, seine Stimme überschlägt sich

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