https://www.faz.net/-gum-1bf

Ausflug nach Israel : Jesus und Petrus in Badeshorts

Naor erzählt den Oberammergauern an einem sonnigen Morgen in einem Hotel hinter Palmen in Netanya am Strand des Mittelmeers, wie er das Getto von Kaunas, die Lager Stutthof bei Danzig, Utting am Ammersee und einen Todesmarsch überlebte. Wie er über dem Morden seinen Glauben verlor, wie er die Religiösen in der Politik in Israel und den palästinensischen Gebieten als Extremisten sieht, „und der Anführer von denen ist Gott“. Einer der älteren Darsteller sagt, er sei ja Oberammergauer, dort gebe es „ähnliche Dinge wie zwischen Palästina und Israel“ – Grabenkämpfe in Oberbayern, Streit im Heiligen Land. Naor sagt, er habe immer geglaubt, in Oberammergau sei Gott den Menschen näher. Dann lächelt er.

„Ein extrem wichtiger Platz“

Die geballte Wucht geteilter Heiligkeit schlägt den Oberammergauern in Jerusalem entgegen. Israelische Polizisten kontrollieren sie am einzigen von acht Zugängen zum Heiligen Bezirk der Muslime, dem Tempelberg der Juden, der Nichtmuslimen offensteht. Von einer überdachten Brücke aus Brettern blicken die Passionsspieler auf den Platz vor der Klagemauer, wo orthodoxe Juden mit schwarzen Hüten zum Gebet vor und zurück wippen; rechts daneben, vor einem mit einem Zaun abgetrennten Teil der Mauer, beten die Frauen. Wenige Meter weiter sammelt sich die Gruppe im Schatten eines Baumes vor dem Felsendom, dessen goldene Kuppel in der Sonne glänzt. Stückl sagt, für Jesus sei hier, am einstigen Standort des Tempels der Juden, „persönlich ein extrem wichtiger Platz“, dem er „emotional wahnsinnig verbunden“ gewesen sei. Der 29 Jahre alte Frederik Mayet, der Pressesprecher der Passionsspiele und Jesus-Darsteller in Personalunion ist, meint, „wir können froh sein, dass er für uns Christen nicht so wichtig ist – dann würden wir auch noch Ansprüche erheben“.

Wie auch Andreas Richter beantwortet Mayet die Fragen einer im Laufe der Reise wachsenden Schar von Journalisten, wie er den Jesus zu spielen gedenke, mit selbstbewusster Gelassenheit, die 375 Jahren Passionstradition würdig ist: Die Proben fingen ja erst Ende November an; es sei noch Zeit, die Erfahrungen dieser Reise auf sich wirken zu lassen; es sei eine große Ehre, für die Rolle ausgewählt worden zu sein.

Schreiende Kinder, bewaffnete Soldaten

Am Sabbat bahnen sich die Oberammergauer einen Weg durch die Gassen der Jerusalemer Altstadt, den Kreuzweg entlang, vorbei an einigen Spaniern, die gemeinsam eifrig ein großes hölzernes Kreuz schleppen und das Vaterunser murmeln. Ein Kind schreit unter dem Rasierer eines Frisörs, arabische Kinder fuchteln mit Plastikgewehren herum, an der Ecke wachen junge israelische Soldaten mit Maschinengewehren. Es riecht nach süßem, arabischem Kaffee. Mit Oberammergauer Ironie wird die dritte Station des Kreuzwegs kommentiert, wo Jesus das erste Mal unter seiner Last zusammenbrach: „Ganz klar, Kapselriss.“

Dann, im Dämmerlicht der Grabeskirche, wo Weihrauch wabert, wo sich etliche christliche Konfessionen um ihren Anteil an den heiligsten Stätten ihrer Religion balgen, wo ein finsterer koptischer Priester die Kerzen wegräumt, die ein Oberammergauer eben erst aufgestellt hatte, und spärlich bekleidete Russinnen Amulette und Rosenkränze auf dem roten Stein reiben, auf dem Christus nach der Abnahme vom Kreuz gesalbt worden sein soll, spricht Andreas-Jesus Richter mit gedämpfter Stimme von der „überwältigenden Energie“ an diesem Ort. Leute aus aller Welt kämen hierher, „um ihren Glauben fassen zu können“. Genauso sei es doch auch wieder im kommenden Jahr – in der Passion, zu Hause in Oberammergau.

Weitere Themen

Hilfe durch streng strukturierte Tage

Suchthilfe : Hilfe durch streng strukturierte Tage

Ein neues Leben aufbauen fern von Suchtmitteln. Cleantime im Eifelort Mayen versucht, kranken Menschen eine Perspektive zu zeigen.

Topmeldungen

„Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

„Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.