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Ausflug nach Israel : Jesus und Petrus in Badeshorts

Stückl, der schon die Spiele 1990 und 2000 leitete und auch Intendant des Münchner Volkstheaters ist, stellt dagegen das politische Phänomen Jesus in den Mittelpunkt: „Ich geb’ den Leuten zu essen, ich tu’ ein paar Wunder, ich speise 5000 – ein guter Stratege!“ Er gestikuliert, seine Stimme überschlägt sich. Mit Zöllnern und Huren habe Jesus verkehrt, so die Mächtigen im Hohen Rat der Juden und die römischen Besatzer gegen sich aufgebracht. „Er hat sich in die Nesseln gesetzt!“

Dann geht es um die Rolle des Judas, der – anders als früher in Oberammergau dargestellt – mitnichten wegen schäbiger 30 Silberlinge seinen Herrn verriet. Er habe Jesus vielmehr unter Zugzwang setzen wollen: Dieser solle sich endlich als König zu erkennen geben. Dabei habe Judas schicksalhaft verkannt, das Jesu Reich doch „nicht von dieser Welt“ sei. Aus der Ferne, von einem Boot mitten auf dem See, schallt eine poppige Version von „Schalom Alechem“ herauf.

In Fleisch und Blut übergegangen

Beim Abstieg bleiben Frauenlob und Anton Burghart zurück und diskutieren darüber, wie lebensnah die Heilsgeschichte nachgespielt werden soll. „Je menschlicher man das macht, desto besser“, sagt Burghart. Zu Hause in Oberammergau verwaltet er den Bergwald. Auch seine Schwester ist als Maria dabei, sein Bruder als Pilatus. 2000 war Burghart ein (braunhaariger) Jesus, im kommenden Jahr wird er dessen Widersacher sein, der Hohepriester Kaiphas. Er erzählt Frauenlob, wie er vor neun Jahren in seiner Rolle unvermittelt geschlagen wurde, wie die Zuschauer zusammengezuckt seien. „Sie haben das vor Augen, und dann beschäftigen sie sich damit“, sagt Burkhart.

Das gilt nicht nur für die Zuschauer: Manch ein Oberammergauer berichtet davon, wie er durch die Auseinandersetzung mit der Rolle selbst zum Glauben gefunden habe. Eine Voraussetzung ist das nicht. Doch längst ist den Oberammergauern „die Passion“, wie sie sagen, in Fleisch und Blut übergegangen. Einer der beiden (nun blonden) Jesus-Darsteller, der 33 Jahre alte Andreas Richter, erzählt, dass er sich vor einem Jahr entschied, 2010 auf gar keinen Fall dabei zu sein. Als selbständiger Psychologe hatte er eigentlich keine Zeit dafür. Doch dann habe er Silvester im Dorf die alten Bekannten wiedergetroffen. Alle sprachen von den Spielen. „Wie ein physischer Schmerz“ habe ihn seine Enthaltsamkeit berührt, sagt Richter. Er nahm eine Stelle an, die es ihm ermöglicht, nur zu 50 Prozent zu arbeiten – und sagte dem Spielleiter, dass er auf jeden Fall dabei sein wolle. Andere schieben den Abschluss ihrer Doktorarbeit auf, nehmen unbezahlten Urlaub oder setzen ihr Studium aus.

Grabenkämpfe in Oberbayern, Streit im Heiligen Land

Die Spiele prägen auch das Gemeindeleben, spalten Oberammergau wie ein tiefer Graben. Viele lehnen Stückls Neuerungen ab; von ihnen ist hier keiner dabei. Mit seinem Rücktritt drohte Stückl 2007, sollten die Oberammergauer bei einem Volksentscheid dem Vorhaben, mit dem Spiel erstmals nachmittags zu beginnen und Jesus effektvoll in der Dunkelheit zu kreuzigen, die Mehrheit verweigern. Das taten sie nicht. Auch befreite Stückl das Spiel unter anderem von geldgierigen Juden und von der Vorstellung des Pilatus als edlem Römer, der seine Hände in Unschuld wäscht (wenn Politiker so etwas über sich sagen, meint Stückl, „dann denk ich mir, du bist kein Guter“). Auf dem Reiseprogramm stehen auch ein Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem und ein Vortrag von Abba Naor, der 1928 in Litauen als Jude geboren wurde.

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