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Augenheilkunde : Mediziner auf Bergtour

Hoch oben drohen die Höhenkrankheit und einige andere Ungelegenheiten - und daraus lässt sich auch einiges lernen: eine Seilschaft in den Walliser Alpen Bild: Sonja Kastilan

Was passiert im Auge, wenn es an Sauerstoff mangelt? Um das zu verstehen, richten Mediziner ihr Labor weit oben auf einer Berghütte ein. Nicht um sich einem Luxusproblem zu widmen, sondern um für den Klinikalltag zu lernen.

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          Sonntagmorgen, kurz nach 9 Uhr, Anfang September. Noch ist es ruhig im Aufenthaltsraum der Capanna Margherita. In ein, zwei Stunden werden sich hier die Bergsteiger an den Tischen drängen. Neben vielen Schweizern und Italienern auch eine Tübinger Seilschaft, die sich gerade durch den schneidend kalten Wind vorwärtskämpfen muss. Ihr Aufstieg über den Lysgletscher dient der Wissenschaft, sie führt neue Studienteilnehmer zur Berghütte, die in den Hochalpen nicht nur Schweiß, sondern auch ein paar Tropfen Blut lassen werden.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Florian Gekeler, Ophthalmologe an der Universität Tübingen, trinkt Tee in seiner Pause, während im Stockwerk darüber Probanden zur letzten Untersuchung antreten. Zwischen Etagenbetten und allerlei Kisten stehen die Instrumente: Einmal mehr den Augeninnendruck messen, dann ist ihre Mission vorerst erfüllt - nach Ankunft der nächsten Gruppe werden sich diese vier auf den Heimweg machen. "Wir haben hier oben eine kleine Augenklinik aufgebaut", erklärt Gekeler das untypische Mobiliar. Mit dem Hubschrauber wurde mehr als eine Tonne Material zur Hütte geflogen - Geräte im Wert von rund einer Million Euro, die einerseits ein breites Spektrum an Standardtests ermöglichen, andererseits den direkten Vergleich mit Daten aus Vor- und Nachuntersuchungen im Universitätsklinikum. Das Thao-Projekt (das Akronym steht für "Tübingen High Altitude Ophthamology") konzentriert sich auf die Reaktionen des visuellen Systems bei Stauerstoffmangel in großer Höhe. Es ist ein Forschungsansatz, den nur wenige Wissenschaftler verfolgen.

          Fenster zum Gehirn

          Zwei Wochen lang tauschen Gekeler und drei seiner Klinikkollegen dafür die weißen Kittel gegen grellrote Fleecejacken, um sich in der Capanna Margherita praktisch rund um die Uhr der Forschung zu widmen. Der Heidelberger Internist Kai Schommer ergänzt das Team, dem wenig Zeit für den Zauber der Berge bleibt: Die Ärzte prüfen, ob sich bei den Studienteilnehmern - und ihnen selbst - das Gesichtsfeld, die Pupillenreaktion, die Sehschärfe, das Farb- oder das Kontrastsehen verändern. Von Interesse sind auch Sehnerv, Netzhaut und Blutgefäße, deren Zustand mit bildgebenden Verfahren dokumentiert wird.

          Bild: F.A.Z.

          "Das Auge ist unser Fenster zum Gehirn, die Retina ist genau genommen ein Bestandteil davon", sagt Gekeler. Er hofft, dass die Studie dazu beitragen kann, mehr über die Folgen spezifischer Sauerstoffprobleme bei Diabetes oder anderen Erkrankungen zu erfahren. Und über das lebensgefährliche Höhen-Hirnödem, dem immer wieder Bergsteiger erliegen. Dass auch das Auge messbar anschwillt, konnten Schweizer Mediziner bereits zeigen, ebenso Durchblutungsstörungen, die das Thao-Team jetzt detailliert erfassen möchte. Zudem sollen Genaktivitäten bestimmt werden - unter anderem dafür sind die Blutproben nötig.

          Der Höhenmedizin wird heute große Bedeutung zugemessen. Projekte wie Thao werden nicht erfunden, um die Abenteuerlust junger Mediziner zu stillen. Sie widmen sich auch nicht einem Luxusproblem, weil etwa irgendwelche Jubilare ihren 50. oder 60. Geburtstag auf dem Kilimandscharo feiern möchten. "Die kommen zwar in unsere Sprechstunde und werden beraten, doch unsere Forschung ist viel weiter gefasst", sagt Urs Scherrer vom Universitätsklinikum in Lausanne. "Aus den Beobachtungen in Höhenstudien lernen wir für den Klinikalltag." Überall dort, wo Sauerstoffmangel in der Medizin eine Rolle spielt. So habe man Mechanismen erkennen können, die den Salz- und Wassertransport der Lunge regulieren. An Ödemen würden schließlich viele Patienten leiden, nicht nur Extrembergsteiger, und von den Erkenntnissen zum Lungenkreislauf profitiere jeder Hausarzt. "Zumal wir nicht vergessen dürfen, dass Millionen von Menschen in recht hochgelegenen Regionen leben", sagt Scherrer. Und nicht alle sind genetisch dafür so gut gerüstet wie die Tibeter (Tibeter und Höhenluft: Als Highlander geboren).

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