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Atompolitik nach Fukushima : Die nukleare Selbstdemontage

Auf gemeinsame verbindliche Sicherheitsstandards konnte man sich in Wien nicht einigen: Beleuchtetes Reaktorbecken während einer Inspektion. Bild: ddp

Fukushima ist ein Menetekel atomaren Missmanagements und falscher Informationspolitik. Doch auf der Wiener Konferenz der Internationalen Atomenergiebehörde war die Atombranche immer noch mit Verschweigen, Aussitzen, Zurechtbiegen beschäftigt.

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          Wie schlimm eine Atomkatastrophe ist, ob es überhaupt eine ist, lässt sich nicht an der Zahl der Toten festmachen - das ist eine, vielleicht die wichtigste Lehre der Havarie des japanischen Atomkraftwerks Fukushima. Anfangs, kurz nach dem 11. März, war eines der gängigen Argumente gegen die Benutzung des Begriffs Nuklearkatastrophe der Vergleich mit jenen Tausenden Toten, die in der doppelten Naturkatastrophe Erdbeben und Tsunami in Japan ihr Leben ließen. Eine törichte Gegenüberstellung. Wie absurd sie ist, zeigt ein Vergleich, der inzwischen in diversen Internetforen kursiert: In Deutschland seien in kürzerer Zeit mehr Menschen an dem Darmkeim Ehec gestorben als Kraftwerksarbeiter in Fukushima verstrahlt wurden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          So kann man mit dem historischen Versagen, für das Fukushima mittlerweile steht, nicht umgehen. Millionen Menschen evakuiert, fast tausend Quadratkilometer Land auf unabsehbare Zeit unbewohnbar und eine Nation, die sich erfreulich konsequent, aber auch gelegentlich argloser als jedes andere Land als Hort wissenschaftlicher Rationalität gesehen hat, ist in den Sog diffuser Strahlenängste geraten. Mit dieser Beschreibung kommt man der nuklearen Tragödie Japans schon näher. Und nur so versteht man vielleicht auch, weshalb während der Wiener Konferenz der Internationalen Atomenergiebehörde zu Fukushima in dieser Woche viele der alten Strukturprobleme der Atombranche immer noch nicht gelöst worden sind. Die Branche fürchtet die Wahrheit. Und was daraus gemacht wird.

          Verschweigen, aussitzen, zurechtbiegen

          In Wien sind die Atomexperten oft wieder unter sich geblieben, jedenfalls wenn es ans Eingemachte ging. Auf gemeinsame verbindliche Sicherheitsstandards hat man sich trotzdem nicht geeinigt. Fukushima zeigt deshalb: Ein echtes Interesse an Transparenz, an einem demokratischen Prozess, der geeignet ist, die verunsicherten Menschen glaubwürdig aufzuklären, und der die Ängste mit in die eigene Bewertung aufnimmt, ist immer noch nicht erkennbar. Stattdessen wird ein Sprecher vorgeschickt, der das Lob der internen Aufklärungsarbeit zu singen hat. Auch so kann man mit der Atomkatastrophe nicht länger umgehen. Jedenfalls nicht, wenn man das Vertrauen in die Beherrschung von Risikotechniken nicht vollends verspielen will.

          Der Leiter des „Fact-finding-teams” der IAEA, Mike Wightman, Ende Mai vor dem Reaktor Nr. 3 in Fukushima.
          Der Leiter des „Fact-finding-teams” der IAEA, Mike Wightman, Ende Mai vor dem Reaktor Nr. 3 in Fukushima. : Bild: Reuters

          Was die Stunde geschlagen hat, ist vielen offenbar immer noch nicht klar. Verschweigen, aussitzen, zurechtbiegen - was soll das für eine Kommunikationsstrategie sein, deren Grundlage ein fragwürdiger Schulterschluss der Regierung mit dem japanischen Kraftwerksbetreiber ist. Eine Strategie, die offensichtlich nicht anerkennen will, in welcher Zeit der Informationsverdichtung, vor allem aber der Offenheit die Welt sich fortzuentwickeln gedenkt - auch zum Preis gelegentlicher massenmedialer Hysterien, gewiss. Die nukleare Selbstdemontage droht sich damit fortzusetzen, auch jenseits des deutschen Atomausstiegs. Fukushima ist längst zu einem der traurigsten Kapitel der Industriegeschichte geworden, gerade weil die Katastrophe vermeidbar gewesen wäre und teilweise so erbärmlich verwaltet wird. Bezeichnend der subtile Satz von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon in Wien: Wenn es um die Kernkraft gehe, sagte er, müssten die Nationen dieser Welt zusammenhalten.

          Die Zweifel werden genährt, nicht ausgeräumt

          Wer darin den Aufruf gelesen hat, zusammen zur Atomkraft zu stehen, hat die Botschaft sicher missverstanden. Nein, Fukushima ist ein Menetekel nuklearen Missmanagements. Tschernobyl haben Industrie und Politik noch mit Hinweisen auf veraltete Sowjettechnik, auf verkrustete Instanzen, auf Leichtgläubigkeit und auf staatlich organisierte Geheimniskrämerei schlüssig abfedern können. Inzwischen hat die Welt erfahren, wie leicht es eine moderne Nation den mächtigen Energieversorgern gemacht hat, einige simple Sicherheitsvorgaben zu umgehen. Und das, obwohl es seit Jahrzehnten weltweit gültige Sicherheitskonventionen für die Kernkraft gibt. Sie sind kaum das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind.

          In einer offiziellen Analyse des Fukushima-Desasters sind Versäumnisse der Betreiber und der Sicherheitsbehörden klar aufgezeigt. Der Ruf nach einer Art supranationaler Atompolizei ist da nur konsequent. Japan hätte etwa auf Tsunamis wie den im März vorbereitet sein können. Auch dass drei Reaktoren noch Stunden nach der Katastrophe stundenlang nicht gekühlt wurden, die Brennstäbe trockenfielen und Kernschmelzen damit fast unvermeidlich waren, erfuhr die Welt erst Monate später. Über die radiologische Situation wird lückenhaft und in Salamitaktik aufgeklärt. Wo und wie stark radioaktive Kontamination vorliegt, wie die Meeresküste und die Umgebung verstrahlt werden - über all das hat sich ein Schleier der Ungewissheit gelegt. Ein Unbehagen, das noch dadurch verstärkt wird, dass Japan von vornherein die Probleme quasi mit Bordmitteln und ohne Unterstützung durch andere Länder unter Kontrolle zu bringen gedachte.

          Damit hat man erreicht, was vermeidbar gewesen wäre: Es wurden Zweifel gesät an der Fähigkeit der Atombranche generell und einer technologischen Führungsnation überhaupt, Krisen wie diese zu bewältigen. Was bleibt, ist das Bild einer waghalsigen Selbstüberschätzung.

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