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Astronautenausbildung : Im Modell, unter Wasser und in der Zentrifuge

  • -Aktualisiert am

Sternenstädtchen, Moskau Bild: Cornelia Pretzer

Vor dem Start der nächsten Mission zur Internationalen Raumstation am 18. Oktober müssen die Astronauten für alle Eventualitäten trainieren. Das tun sie im Sternenstädtchen bei Moskau.

          5 Min.

          Der Countdown hat schon begonnen: Für den 18. Oktober ist der Start einer russischen Sojus-Kapsel zur Internationalen Raumstation ISS geplant. Damit im All alles klappt, jeder Griff sitzt und keine Notsituation ungeübt ist, proben die drei Astronauten - ein Russe, ein Amerikaner und ein Spanier - fortwährend. Auch ihre Ersatzleute sind rund um die Uhr beschäftigt, um für einen möglichen Flug gerüstet zu sein. Dazu durchlaufen die Astronauten im sogenannten Sternenstädtchen bei Moskau ein hartes Training. Der dreißig Jahre alte Pedro Duque soll für die europäische Raumfahrtbehörde Esa mitfliegen. Täglich führt ihn der Weg in das wirklichkeitsgetreue Modell der ISS, in dem alle Astronauten typische Tagesabläufe durchgehen und zur Übung mit allerlei Katastrophen konfrontiert werden.

          Die Ära der Raumstationen begann mit dem Start von Saljut 1 im Jahr 1971. Vor allem die Sowjetunion brachte eine ganze Reihe Stationen in die Erdumlaufbahn, während sich die Vereinigten Staaten auf einen Versuch - Skylab - beschränkten. 1984 erteilte dann der amerikanische Präsident Ronald Reagan der Nasa den Auftrag, die "Space Station Freedom" zu konstruieren. Vier Jahre später stießen die Weltraumbehörden der Kanadier (CSA) und der Europäer (Esa) zu dem Projekt. 1989 folgten die Japaner, 1994 schließlich auch die Russen, die sich eine Station Mir II allein nicht mehr leisten konnten. Fortan hieß das gemeinsame Ziel "International Space Station". Weitere vier Jahre später unterzeichneten Vertreter aus fünfzehn Staaten ein internationales Abkommen über den gemeinsamen Bau und Betrieb einer Raumstation.

          Alltag im All

          Im Sternenstädtchen bei Moskau stehen Modelle der beiden russischen Module "Swesda" (Stern) und "Sarja" (Morgenröte) in einer großen Halle. "Sarja" wurde am 20. November 1998 mit einer russischen Trägerrakete vom Typ Proton ins Weltall gebracht. Am 12. Juli 2000 folgte das Modul "Swesda", das die Wohnquartiere der Besatzung enthält. "Sarja" und "Swesda" waren der Beginn der ISS und sind ihr Kernstück geblieben - zusammen mit dem europäischen Computer, der die Station zentral steuert. Mittlerweile ist die ISS deutlich größer, aber die Astronauten machen sich im Sternenstädtchen nur mit den russischen Modulen vertraut. Lebenswichtig ist der sichere Umgang mit den Alarmsystemen, die jeden Druckabfall in der Station genau anzeigen, ebenso wie mit den Feuermeldern. Hinzu kommen Einrichtungen für wissenschaftliche Experimente und für die Kommunikation zur Erde. Aber auch so alltägliche Dinge wie das Bedienen der Toilette will bei Schwerelosigkeit gelernt sein. "Auch beim Eßtisch gibt es eine Besonderheit, die es im amerikanischen Teil der Raumstation nicht gibt", erklärt Pedro Duque. Ein Vakuum saugt die Brotkrümel durch ein Gitter ab. "Da Amerikaner kein Brot essen, das krümelt, brauchen sie für ihre Burritos und Hamburger offenbar einen solchen Staubsauger nicht."

          Astronaut Pedro Duque führt durchs Sternenstädtchen

          In den Trainingsmodulen üben alle Astronauten für Notfälle, unter ihnen auch Duques Ersatzmann, der Holländer André Kuipers: "Heute hatten wir ein Leck, das wir nicht stopfen konnten. Wir mußten die Station verlassen." Was eher eine Seltenheit sei, denn eigentlich seien Raumflüge zu 90 Prozent Routine. Weltraumspaziergänge üben die Astronauten unter Wasser. Und zwar in einem riesigen Schwimmbad, in dem ein weiteres Modul liegt. Der Zustand unter Wasser sei der Schwerelosigkeit besonders ähnlich, sagt Duque. Trotzdem seien die Tauchgänge, bei denen etliche Sicherheitstaucher den Astronauten unterstützen, ganz anders als ein tatsächlicher Aufenthalt außerhalb der Raumstation. "Der größte Unterschied ist, und das muß man wirklich immer im Sinn haben, daß man sich unter Wasser nicht mit einem unkontrollierten Abstoßen in die Weiten des Alls katapultieren kann, ohne jemals wieder zurück zur Station zu kommen." Deshalb müssen die Astronauten die Sicherheitsregel, immer an zwei Stellen mit der Station verbunden zu sein, besonders verinnerlichen. Ansonsten seien die Tauchgänge viel schwerer als das Arbeiten in Schwerelosigkeit. Die Gegenstände hätten unter Wasser natürlich eine Trägheit, sagt Duque. Und da sie mit Bleigewichten versehen sind, sei es geradezu Hanteltraining und physisch anstrengend, sie umherzuwuchten. "Deshalb sind die Übungen unter Wasser so gut: Ein härteres Training kann nicht schaden."

          Enge im Sojus-Modell

          Natürlich müssen auch die Wege von und zur ISS durchgespielt werden. Seit dem Columbia-Unglück starten keine amerikanischen Raumfähren mehr. Alle Astronauten, die zur Station wollen, werden derzeit mit russischen Sojus-Raumkapseln befördert. Deswegen drängen sich die Astronauten in einem wirklichkeitsgetreuen Modell des kleinen dreisitzigen Flugobjekts. Jeder Handgriff, jede Bewegung wird gefilmt und nachher mit Technikern und Trainern besprochen. Dabei ist von großer Bedeutung, wie gut sich die Astronauten vertragen. "Es gab schon ein Team, das am letzten Tag beschlossen hatte, nicht zu fliegen, weil es zwischen den Kosmonauten nicht klappte", erzählt Kuipers. Eine Ersatzmannschaft konnte in diesem Fall einspringen. Das war nicht immer möglich: Einmal redeten zwei Crew-Mitglieder in der Mir monatelang nur das nötigste miteinander, und ein Team Astronauten weigerte sich sogar, mit der Bodenstation Kontakt aufzunehmen. "Dabei werden wir ja auch deshalb ausgesucht, weil wir teamfähig sind", sagt Kuipers. "Einzelkämpfer sind nicht gefragt."

          Während aller Phasen des Flugs in der Sojus-Kapsel, in denen Druckverluste auftreten können, tragen die Astronauten einen Anzug, der Druck und Sauerstoffversorgung garantiert. Obwohl der Anzug voll verkabelt ist, kann er in fünf Minuten angezogen werden, auch, weil er bis ins letzte Detail optimiert ist. So sichert ein kleiner Spiegel an der Innenseite des rechten Handgelenks, daß der Astronaut sehen kann, ob der Helm richtig geschlossen ist, und daß er trotz der immens beengten Verhältnisse in der Kapsel alles im Blick hat. Die Notwendigkeit eines solchen Anzugs für die prekären Phasen eines Flugs wurde den Russen tragisch bewußt, als an Bord eines Raumschiffs alle drei Astronauten wegen eines Lecks starben.

          Im Griff der Zentrifugalkraft

          Um auch die extremen Beschleunigungsbedingungen in der landenden Kapsel kennenzulernen, trainieren die Astronauten im Sternenstädtchen mit einer riesigen Zentrifuge. Dort können in einer kleinen Kapsel am Ende eines sich schnell drehenden Arms Beschleunigungen von bis zu dreißig g (dreißigfache Erdbeschleunigung) erzeugt werden. "Schon fünf g sind in dieser Kapsel oder in einem Flugzeug sehr hart, wenn man aufrecht sitzt", sagt Duque. Liegend in der Landekapsel sei es aber zu ertragen. Bei einer Landung, bei der die automatischen Systeme ausfallen, können bis zu 8,5 g auftreten. In der Zentrifuge üben die Astronauten Landesituationen und wie sie unter den extremen Belastungen reagieren müssen, falls die automatischen Systeme ausfallen. Aber auch ihre medizinische Belastbarkeit wird gemessen. Denn die ist entscheidend und wird täglich trainiert. Damit die Astronauten allen Situationen, die auf sie zukommen können, körperlich, psychisch und technisch gewachsen sind.

          Natürlich gehört zu einer Tour durch das Sternenstädtchen ein Besuch im Museum. Dort werden Raumanzüge, Kapseln, Modelle von Satelliten sowie Erinnerungen an mehr als vierzig Jahre russische Raumfahrt gesammelt. Ein Mann ist allgegenwärtig - Juri Gagarin hat dem Ausbildungszentrum für Kosmonauten nicht nur den Namen gegeben, sondern auch seine Uniform sowie etliche Memorabilien. Auch die Originaleinrichtung des Büros des ersten Mannes im All ist erhalten. An diesen Ort, dem mystische Eigenschaften zugeschrieben werden, ziehen sich alle Astronauten vor einem Start zurück, um über die Mission nachzudenken und ihre Gedanken niederzuschreiben. Auch Pedro Duque wird vor seinem Start zwischen dem Erd- und dem Mondglobus vor der Weltkarte sitzen. Und nach der erfolgreichen Mission wird er zu Füßen der Statue von Gagarin sitzen, an der jeder Besucher des Sternenstädtchens vorbeigeht, mit seinen Ko-Astronauten einen Kranz niederlegen - und sich so in die Tradition der im Sternenstädtchen ausgebildeten Kosmonauten einreihen.

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