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Großbritannien : Fluggast ahoi!

Eine waghalsige Aktion: Schon nach dem ersten Versuch untersagten die französischen Hafenbehörden Dan Snows Unternehmung Bild: AP

Großbritannien besinnt sich seiner Geschichte als Seemacht. Schiffe der Royal Navy sollen in Nordfrankreich gestrandete Reisende nach Hause holen. Eine private Schlauchboot-Flotte vom Sonntag ist daran nicht ganz unbeteiligt.

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          Am vierten Tag der Flugstille über Europa ist Großbritannien wieder bewusst geworden, dass es eigentlich eine Seemacht ist. Als Premierminister Gordon Brown am Montag endlich ankündigte, die drei größten Schiffe der Royal Navy seien unterwegs an die Küsten des Kontinents, um Zehntausende gestrandeter Briten heimzuholen - da waren er und seine Regierung schon fast selbst überrollt worden von der Woge privater Hilfsbereitschaft, die am Wochenende erste amphibische Operationen startete, um „unsere Leute“ nach Hause zu holen.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Das Flaggschiff der Flotte - der Flugzeugträger Ark Royal - lief am Montag in den Ärmelkanal aus, um in den französischen Häfen britische Heimkehrer an Bord zu nehmen. Die „königliche Arche“ ist das fünfte Schiff der britischen Kriegsmarine, das diesen Namen trägt. Ihre Vorgängerin hatte einst die Flotte Elisabeths I. in jener Seeschlacht des Jahres 1588 angeführt, in der die Armada in der Straße von Dover in die Flucht geschlagen wurde. Die Boulevardzeitung „Sun“ erinnerte am Montag auf ihrer Titelseite jubelnd daran: „Spanische Armada“. Die Schlagzeile bezog sich darauf, dass Her Majesty’s Ship Albion, ein Hubschrauberträger (und gegenwärtig das modernste Expeditionsschiff der Flotte) schon auf dem Weg nach Spanien durch die Biskaya dampft, um dort erstens ein britisches Regiment abzuholen, das auf dem Rückweg von Afghanistan notgedrungen auf einem spanischen Flugplatz zwischenlanden musste, und um zweitens auch möglichst viele britische Urlauber mit zurückzunehmen.

          Schlauchboote von Dover nach Calais

          Doch bei allen Reminiszenzen an den größten britischen Seesieg - die beste Metapher für die laufende Operation bietet eine andere Aktion der Flotte, jene dramatische Heimholung der britischen Armee von der französischen Kanalküste im Frühsommer 1940, die nach dem Einschiffungsort den Titel „Dünkirchen“ trägt. Schon am Sonntag hatte der Fernsehhistoriker „Dan Snow“, der Guido Knopp des britischen Dokumentarfernsehens, eine Flottille stark motorisierter Schlauchboote zusammenorganisiert, und war mit einigen Helfern von Dover aus nach Calais aufgebrochen. Snow, der jüngst erst Dokumentationen über die Seeschlacht von Trafalgar und eben auch über Dünkirchen abgedreht hatte, war offenkundig getrieben von jenem stolzen Hilfsgeist, der vor 70 Jahren Tausende englischer Yacht-, Kutter- und Bootsbesitzer an die französische Küste zog, um dort Soldaten des von Hitlers Wehrmacht geschlagenen britischen Expeditionskorps aufzunehmen.

          Immerhin 25 Reisende durfte die motorisierte Schlauchboot-Flotte mitnehmen

          Doch während sich die Rettungsaktion damals über mehr als eine Woche hinzog, machten die französischen Hafenbehörden Snows Unternehmung schon nach dem ersten Versuch ein Ende. 25 Passagiere durfte er über den Kanal nach Britannien hinüberretten, mit dem Versprechen, nicht noch einmal zurückzukehren. Die Gefahr eines Zusammenstoßes bei der Überquerung der 30 Kilometer breiten Straße von Dover, einer der am meisten befahrenen Wasserstraßen der Welt, verbietet solche privaten Rettungsmanöver.

          Britische Regierung unter Druck

          Die britische Regierung aber sah sich durch Snows waghalsige Aktion ebenso unter Druck gesetzt wie durch Forderungen der oppositionellen Konservativen im Wahlkampf, notfalls müssten halt Schiffe gechartert werden, und durch die Fernsehbilder weinender Urlauber, die, getrennt von Kindern und Verwandten, in Bombay, Kapstadt, Melbourne, Teneriffa oder anderen beliebten britischen Osterreisezielen hängen blieben. Insgesamt schätzte die Regierung die Zahl der im Ausland Gestrandeten am Montag auf 150.000 bis 200.000 Personen.

          Für die Briten, die aus Nordamerika nach Hause wollen, böten sich immerhin noch die Schiffspassagen der Nordatlantikliner „Queen Mary 2“ und „Queen Victoria“ an. Im Liniendienst verkehrt gerade nur „Queen Mary“: Ablegen Southampton am nächsten Donnerstag um 18 Uhr, Ankunft New York Brooklyn Pier eine Woche später. Hin- und Rückreise sind zwar inzwischen ausgebucht, es werde aber eine Warteliste geführt. Die „Queen Victoria“ macht ab Donnerstag eine Spanien-Kreuzfahrt, Motto: „Iberisches Idyll“.

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