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Arnulf Baring zum Kriegsende : „Du, Mama, wir können unmöglich hier bleiben“

Historiker Arnulf Baring Bild: Amin Akhtar/laif

Der Historiker Arnulf Baring ist am 8. Mai 1932 geboren. An seinem dreizehnten Geburtstag endete der Zweite Weltkrieg. Im Gespräch erinnert er sich an die Bomben auf Dresden, die Flucht aus dem Bunker mit seiner Großmutter und das Kriegsende in Berlin.

          Herr Baring, wir sitzen hier an einem herrlichen Frühlingstag im Süden Berlins. Gar nicht weit von hier haben Sie vor siebzig Jahren das Kriegsende erlebt.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und das Wetter war so wie heute. Der 8. Mai 1945 ist mein dreizehnter Geburtstag gewesen, und eines der schönsten Geschenke damals war, dass es in jenem Frühling praktisch keinen Regen gab.

          Sie waren erst kurz zuvor in Berlin zu Ihrer Mutter und Ihren zwei jüngeren Geschwistern gestoßen. Noch im Februar lebten Sie bei der Großmutter in Dresden.

          Als wegen des alliierten Bombenterrors 1943 die Schulen in Berlin geschlossen und alle Schüler landverschickt worden waren, hatte meine Mutter den Atlas studiert, um herauszufinden, wo die Beskiden lägen, die für meine Schule vorgesehen waren. Und sie sagte: Kommt überhaupt nicht in Frage. Viel zu weit weg. Du gehst nach Dresden zu deiner Großmutter. Dresden hielt sie für sicher. Wie so viele glaubte sie nicht, dass eine solche Kulturmetropole abgebrannt werden könnte.

          Was sich als Irrtum erweisen sollte.

          Ich glaube fest, dass meine Großmutter mir damals das Leben gerettet hat. Ich habe noch heute den Impuls, in diesem tiefen, feuchten Keller zu bleiben. Dort war es angenehm, ich dachte, hier sind wir sicher, hier harren wir aus, bis das Feuer vorbei ist. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass das Haus mit seinen vier Stockwerken einfallen wird und uns alle lebendig begraben würde. Von den 56 Hausbewohnern haben 52 nicht überlebt. Meine Großmutter hatte instinktiv geahnt, dass der tiefe Keller keinen Schutz bieten würde. Wir sind durch das brennende Parterre ins Freie entkommen. Meine Großmutter und ich haben uns umklammert. Man macht sich keine Vorstellung, dass man sich beim Feuersturm eines Flächenbrandes kaum auf den Beinen halten kann.

          Wie ging es dann weiter?

          Mein Vater war Beamter im Innenministerium. Seine Abteilung war auf den Sonnenstein verlagert worden, eine ehemalige Heilanstalt für Behinderte in Pirna, deren Insassen in der Euthanasie umgebracht worden sind, was wir aber nicht wussten. Dort brachte mein Vater meine Großmutter und mich für ein paar Tage unter, bevor wir nach Berlin übersiedelten. Meine Großmutter zog weiter zu ihrem Bruder nach Hamburg, der Handwerker war. Das war ein Segen, denn sie hatten immer etwas zu essen, und sie hat uns rührend Lebensmittelpakete geschickt.

          Können Sie sich erinnern, wie in Ihrer Familie über den Krieg und darüber, was im Land geschah, gesprochen wurde?

          Mein Vater war ein gesetzestreuer Beamter. Er hat nichts Ungutes getan, aber er war staatstreu. Meine Mutter hingegen war sehr skeptisch dem Regime gegenüber und sah sehr früh, dass es scheitern würde. Ich selbst fand am Anfang des Krieges 1939 den Gedanken, dass wir ein großdeutsches Reich werden, toll. An der Wand hatte ich eine große Karte hängen, wo ich den Frontverlauf mit Nadeln und einem Faden abbildete. Die Niederlage in Stalingrad aber habe ich schon als Kind als Wende empfunden.

          Haben Sie etwas von der Judenverfolgung mitbekommen?

          Ich erinnere mich, dass ich als Kind in der S-Bahn Juden mit dem Stern gesehen habe. Und später nicht mehr sah. Aber glauben Sie nicht, dass ich darüber nachgedacht hätte. Der Gedanke ist mir nicht gekommen, dass sie inzwischen abtransportiert und ausgerottet worden waren.

          Wie haben Sie die letzten Tage des Krieges erlebt?

          Ich glaube, ich habe nie wieder im Leben so viel Angst, Todesangst gehabt wie am 24. April, als die deutschen Soldaten in den Keller kamen und sagten, sie zögen jetzt ab. Und damit das Auftauchen der russischen Truppe ankündigten. Die Eroberung durch die Westmächte wurde ja oft als Glück oder Befreiung empfunden, doch überall, wo die Russen einfielen, hat das eine traumatische Wirkung gehabt.

          Von Erleichterung über das Kriegsende konnte also keine Rede sein.

          Arnulf Baring als kleiner Junge

          Natürlich war man erleichtert, dass der Krieg vorbei war und keine Bomben mehr fielen, doch die Vergewaltigungen der Frauen waren für mich als Jungen mindestens so prägend. Ich war am Beginn der Pubertät. Brutal wurde mir deutlich, dass Frauen wehrlose Opfer werden. Auf meinem Bett blieb über Wochen ein großer Fleck. Wegen einer Halsentzündung musste ich einmal zum Arzt. Um mich herum saßen nur Frauen, die sich darüber Gedanken machten, ob sie die Kinder nun austragen oder abtreiben sollten.

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