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Armut in China : Auch Lu Yirong will in den reichen Osten

Nicht alle ziehen ostwärts: Ein Bauer in Yaolu trägt seine Last über der Schulter heim, vorbei an den vielen Neubauten im Dorf. Bild: Till Fähnders

In der Provinz Guizhou im Südwesten Chinas leben viele Einwohner unter der Armutsgrenze. Sie zieht es zum Arbeiten in die wohlhabenderen Provinzen des Landes.

          Das Dorf Yaolu, in dem Lu Yirong lebt, liegt in einer Armutsregion im Süden der südwestchinesischen Provinz Guizhou. Die junge Frau kauert mit ihrem Cousin und ihrer Cousine im Halbkreis um ein qualmendes Feuerchen. Draußen drei Grad, im Haus mit den rauchgeschwärzten Wänden zieht es durch alle Ritzen. Die Cousine hält die Handschuhe ihres zehn Monate alten Kindes über das Feuer. Die Wärme tut gut, wenn die Handschuhe wieder über die Fingerchen gezogen werden. Die jungen Leute haben drei „Zongzi“ auf einem Blech in die Glut gelegt, in Blätter eingerollten Klebreis. Im Fernsehen läuft eine Seifenoper über die Zeit der Kaiserdynastien, in der vor allem Konkubinen und Edelmänner eine Rolle spielen. Zu tun gibt es nichts.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Im Sommer war das anders. Da arbeitete Lu Yirong sieben bis acht Stunden in Gluthitze auf dem Feld. „Anstrengend“, sagt die 20 Jahre alte Chinesin, die im Frühjahr ihren Abschluss auf dem Gymnasium gemacht hat. Die Familie baut Reis, Mais, Sojabohnen und Erdnüsse an. Sie besitzt weniger als zwei Mu Land - ein Mu ist ein Fünfzehntel eines Hektars. Im Jahr trägt die Familie von ihren Feldern etwa 500 Kilogramm Reis heim. „Genug zum Essen, aber zum Verkaufen bleibt nichts übrig“, sagt Lu Yirong. Deshalb sind ihre Eltern vor einigen Jahren aus dem Dorf fortgegangen. Sie arbeiten nun in der weit nordöstlich gelegenen Provinz Shandong auf einer Baustelle. Von dem Geld, das sie nach Hause schicken, kauft Lu Yirong zusätzliche Lebensmittel wie Speiseöl, Salz und das Saatgut für die Felder.

          Ein Dorf unter der Armutsgrenze

          Die Einwohner Yaolus sind Angehörige des Yao-Volks, das zu den 55 nationalen Minderheiten Chinas gerechnet wird. Das jährliche Durchschnittseinkommen pro Kopf beträgt im Dorf 2000 Yuan (240 Euro). Die etwa 1500 Einwohner leben damit unter der nationalen Armutsgrenze für Bauern von 2300 Yuan im Monat (276 Euro). Die Schwelle war erst im November von nur 1274 Yuan (153 Euro) heraufgesetzt worden. Die Regierung wurde seit Jahren dafür kritisiert, dass sie die Schwelle extrem niedrig ansetzte. Die neue Grenze liegt nun merklich näher an dem Standard der Weltbank. Demnach gilt als absolut arm, wer bis 1,25 Dollar pro Tag hat, bereinigt um Unterschiede in der Kaufkraft. In China wären es umgerechnet etwa 2900 Yuan im Jahr. Mit der Anhebung der Schwelle trägt die Regierung der veränderten wirtschaftlichen Lage Rechnung. Nun leben offiziell 128 Millionen Menschen (von 1,34 Milliarden) unterhalb der Armutsschwelle, 100 Millionen mehr als nach dem alten Standard. Ihnen steht staatliche Hilfe zu.

          Das Dorf Yaolu liegt 100 Kilometer von der Kreisstadt Libo entfernt. Drum herum erheben sich bewachsene Karstberge über dem Boden wie grüne Zuckerhüte. Am Rand schimmern die Dorfteiche, auf denen Enten schwimmen. An den Wegen stolzieren gackernde Hühner vorbei. Auf den Feldern sind die vertrockneten Reispflanzen aufeinandergestapelt. Die Pflanzen werden ans Vieh verfüttert. Lu Yirongs Familie besitzt drei Wasserbüffel, mit deren Hilfe sie die Felder pflügt, und vier Schweine, die zum chinesischen Neujahrsfest geschlachtet werden. Unter dem Haus strecken sie ihre Rüssel aus einem Verschlag heraus.

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