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Argentinien : Tango negro

  • -Aktualisiert am

Der erste Tango stammt wohl von einem Afro-Argentinier Bild: AFP

Während die Geschichtsschreibung die Schwarzen durchweg verschweigt, werden sie in Presse und Literatur früherer Zeiten oft verachtet und verhöhnt. Nun besinnen sich die Argentinier auf ihre aus Afrika stammenden Vorfahren.

          Die Argentinier stammen von den Schiffen. Der Spruch hat wieder eine neue Bedeutung. Am Río de la Plata besinnt man sich darauf, dass die Schiffe nicht nur aus Europa, sondern auch aus Afrika kamen. Sie brachten nicht nur weiße Immigranten, Abenteurer und Glücksritter vom Alten Kontinent, sondern auch viele schwarze Sklaven. Argentinien gibt sich zwar gerne als europäisches Land, weil die indianische Urbevölkerung bis auf Reste im Norden und Süden durch kriegerische Auseinandersetzungen und Krankheiten dezimiert worden ist.

          Dass es aber noch im 19. Jahrhundert einen erstaunlich großen schwarzen Bevölkerungsanteil gab, wird gerne verschwiegen. Dabei soll selbst der erste Präsident des Landes, Bernardino Rivadavia (1780 bis 1845), afrikanische Vorfahren gehabt haben. Der General Juan Manuel de Rosas ging mit seiner Tochter Manuelita zum schwarzen Karneval und zu anderen Festen seiner aus Afrika stammenden Landsleute - während er gegen die indianischen Eingeborenen der Pampa blutig zu Felde zog.

          Viele Gründe für das Verschwinden der schwarzen Bevölkerung

          Laut Schätzungen der Universität von Buenos Aires stammen im Großraum der Hauptstadt vier und im ganzen Land sechs Prozent der Bevölkerung von Afrikanern ab, insgesamt etwa zwei Millionen Personen. Im Jahr 1810 war noch jeder dritte Porteño schwarz, Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Buenos Aires nur noch 8000 Personen mit schwarzer Hautfarbe registriert. Genaue Zählungen wurden dadurch erschwert, dass „ein Stück Sklave“ entweder einem starken jungen Mann entsprach oder drei Alten oder mehreren Kindern. Die letzte Erhebung, bei der nach der ethnischen Abstammung gefragt wurde, fand 1887 statt. Eine Registrierung der Einwohner nach ethnischen Kriterien 1966 bis 1968 blieb unvollständig. Damals gaben 1,8 Prozent der Befragten an, schwarzer Abstammung zu sein.

          Für das Verschwinden der schwarzen Bevölkerung gibt es viele Gründe. Die Männer fielen in den Befreiungskämpfen gegen die Engländer, in den Unabhängigkeitskriegen und im Krieg der „Dreifachen Allianz“ 1865 bis 1870, in dem Brasilien, Uruguay und Argentinien Paraguay besiegten. Das Befreiungsheer bestand fast zur Hälfte aus schwarzen Sklaven. Ein bescheidenes Denkmal hat in Buenos Aires in der Nähe der Bahnstation Palermo der Soldat Falucho, mit richtigem Namen Antonio Ruiz, erhalten. Er war als Sklave aus Afrika gekommen, kämpfte im Befreiungsheer und wurde am 7. Februar 1824 erschossen.

          In Presse und Literatur oft verachtet und verhöhnt

          Die letzte noch bestehende Schwarzen-Institution in Buenos Aires war der Shimmy Club, dort tanzten die Nachkommen afrikanischer Sklaven bis 1980 Tango, spielten „Música tropical“ und Jazz. Vor allem unter Künstlern sind viele Nachfahren Schwarzer und Farbiger zu finden, darunter Tangotänzer und Jazzmusiker, der Bandoneonist Sebastián Ramos Mejía etwa oder der Klarinettist Sinforoso, ein Mulatte. Der erste Tango von einem namentlich bekannten Autor, „El Entrerriano“, stammt möglicherweise von einem Afro-Argentinier, in Dutzenden von Tangos stecken Anspielungen auf die Negros, die Schwarzen: „Negra Maria“, „Tango negro“, „Milonga de las mulatas“, „El africano“.

          Während die Geschichtsschreibung Argentiniens die Schwarzen durchweg verschweigt, werden sie in Presse und Literatur früherer Zeiten oft verachtet und verhöhnt. In den „Sainetes“, den Schwänken, treten Schwarze als komische Figuren in Erscheinung. In der Zeitschrift „Caras y Caretas“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts sind viele Witze und Karikaturen zu finden. Ein Journalist im Jahr 1907 meint es sogar noch gut, wenn er schreibt: „Der Schweißgeruch unter ihren Achseln - die Schwarzen sind nicht schuld an den Launen der Physiologie.“

          In einer Reklame für das Desodorant „Edelweiß“ heißt es: „Es ist nicht gegen den Geruch der Neger gerichtet, sondern ist gedacht für elegante, gepflegte Leute, die sich um Hygiene bemühen.“ Über den Besuch der schwarzen Venus Josephine Baker 1929 in Buenos Aires war in einer Theaterzeitschrift zu lesen: „Die ganze Gefühlskunst dieser epileptischen Schwarzen ist geschaffen aus dem Rhythmus der Affen. Dieses Tier ist den Schwarzen am nächsten.“

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