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Archäologisches Jesus Museum : Auf der Suche nach dem letzten Beweis

Unter der Erlöserkirche: Das Museum und der Archäologiepark Bild: FH Potsdam

Seit es Christen in Jerusalem gibt, wollen sie ganz genau wissen, wo Jesus hingerichtet und begraben wurde. Nun gibt ein neues deutsches Museum unter der Erlöserkirche Orientierungshilfe.

          3 Min.

          Aus der Kirche führt eine unscheinbare schmale Treppe ins Kellergeschoss. An der Betondecke hängen dicke Heizungsrohre. Im Halbdunkel darunter sind eine Mauer aus groben Steinen und ein tiefer Schacht auszumachen. Unter der Jerusalemer Erlöserkirche reichen wenige Treppenstufen aus, um 2.000 Jahre zurückzugehen. Die evangelische Kirche ist für Jerusalemer Verhältnisse blutjung: Sie wurde erst 1898 eingeweiht, als Kaiser Wilhelm II. in Jerusalem zu Besuch war. Aber wenige Meter unter den Bänken und dem Hauptaltar fand man Dinge, die zum Ende eines langen und erbitterten Streits zwischen Katholiken und Protestanten beitrugen.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Fundgrube im Gewölbe war bislang Archäologen vorbehalten. Seit Mittwoch ist sie als „archäologischer Park“ auch Besuchern zugänglich. Seit es Christen in Jerusalem gibt, wollen sie ganz genau wissen, wo Jesus hingerichtet und begraben wurde. Katholiken und Orthodoxe waren sich schnell einig, wo Golgota lag - die Stelle, an der man Jesus kreuzigte. Über dem Felshügel und dem Heiligen Grab errichteten sie die Grabeskirche. Doch Protestanten hatten Zweifel: Die Grabeskirche, die sich in Sichtweite der evangelischen Erlöserkirche befindet, lag innerhalb der Stadtmauer. In der Bibel heißt es jedoch ausdrücklich, dass der Leidensweg Jesu außerhalb der Mauern Jerusalems endete.

          Beide Konfessionen freuten sich über den Fund

          Auch im deutschen Kaiserreich stritten die Mitglieder beider Konfessionen darüber, wo sich der historische Ort befindet. Umso erfreuter war nicht nur der deutsche Kaiser Wilhelm, als ausgerechnet beim Bau der von ihm gestifteten evangelischen Erlöserkirche Arbeiter auf eine alte Steinmauer stießen. Der deutsche Archäologe Conrad Schick kam zu dem Schluss, dass es sich um die Stadtmauer Jerusalems aus der Zeit Jesu handeln muss, die Herodes der Große errichtet hatte. Damit befanden sich Golgota und das Grab Jesu wirklich außerhalb der Stadtmauer - erst nach dem Tod Jesu wurde die Stadt noch einmal erweitert, so dass dann die Grabeskirche innerhalb der Stadtmauer lag.

          „Damals fühlten sich alle als Gewinner. Die Protestanten hatten mit dem Fund der älteren Mauer den Beweis dafür erbracht, dass die orthodoxen und die lateinischen Kirchen Golgota und Grab richtig lokalisiert hatten“, sagt Professor Dieter Vieweger. Das von ihm geleitete Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEI) war die treibende Kraft hinter dem neuen Archäologie-Park. Doch die Gewissheit war nicht dauerhaft. Ein Teil der Stadtmauer ist unter der Erlöserkirche zu sehen. Sie ist aus unterschiedlichen Steinbrocken unordentlich zusammengewürfelt und ungewöhnlich schmal.

          Spätestens, als man die Kirche in den siebziger Jahren renovierte, machten neue Untersuchungen klar, dass es sich dabei nicht um die Stadtmauer des Herodes handeln konnte: Die Überreste stammen aus späteren Jahren und gehören zu einer Rückhaltemauer. Sie umgab erst einen Aphrodite-Tempel und danach den Vorplatz der ersten Grabeskirche. Aber der alte Streit brach deshalb nicht von neuem aus. Obwohl die gesuchte Mauer nicht durch den unterirdischen Archäologie-Park verläuft, gibt es dort seit den sechziger Jahren weitere Hinweise darauf, dass Golgota in der heutigen Grabeskirche liegt.

          Dafür genügt ein Blick in einen tiefen Schacht. Der Felsboden in 14 Meter Tiefe zeigt, dass sich unter der heutigen Erlöserkirche und ihrer Umgebung ein riesiger Steinbruch erstreckte. Bis ins erste Jahrhundert vor Christi Geburt holte man dort Steine für den Bau des neuen Stadtviertels von Jerusalem. Später schwemmten Frühlingsregen Erde auf den Felsboden. „Hier bestellten die Einwohner Jerusalems bis zur Zerstörung der Stadt im Jahr 70, wahrscheinlich also auch zur Zeit Jesu, ihre ,Schrebergärten’ und kleinen Felder. Steinbrüche lagen gewöhnlich außerhalb der Stadtmauer. Man muss die vielen Schichten Jerusalems richtig lesen können“, erläutert Dieter Vieweger. In dem Museumsschacht helfen Scheinwerfer und iPad-Bildschirme den Besuchern dabei.

          Das Bauen wird misstrauisch verfolgt

          Die seit Jahrhunderten gesuchte Stadtmauer, die stand, als Jesus gekreuzigt wurde, hat dagegen noch kein Archäologe gesehen. Wahrscheinlich müsste man unter der Erlöserkirche nur wenige Meter nach Osten weitergraben, um den endgültigen Beweis zu finden, vermutet Vieweger. Die israelischen Behörden scheinen ebenfalls sehr interessiert daran zu sein, die unter Herodes errichtete Mauer zu entdecken. Innerhalb weniger Tage erteilte die israelische Altertumsbehörde eine Grabungsgenehmigung.

          Aber die 1967 von der israelischen Armee eroberte und später von Israel annektierte Altstadt Jerusalems ist politisch vermintes Gelände. Aus Sicht der Palästinenser und westlicher Regierungen ist die Altstadt besetztes Gebiet. Solange kein Frieden geschlossen ist, darf dort nicht gegraben werden. Darauf besteht auch das Auswärtige Amt, das mit 240.000 Euro den Großteil der Kosten für den archäologischen Park übernahm; das Bundesland Brandenburg, die deutschen Kirchen und viele Einzelspender rundeten den Betrag auf 350.000 Euro auf.

          Aber Vieweger will gar nicht graben: „Wenn ich damit anfangen würde, gäbe es einen riesigen Eklat“, befürchtet der Wissenschaftler. Die arabischen Geschäftsinhaber rund um die Erlöserkirche hätten schon argwöhnisch reagiert, als beim Museumsbau Erdreich von der Baustelle abtransportiert wurde. Muslime verfolgen misstrauisch alles Bauen in der Altstadt und in der Nähe ihrer heiligen Stätten. Die Planer des Parks, zu dem ein kleines Museum gehört, haben nichts zu verbergen - im Gegenteil: Sie hoffen, dass auch zahlreiche Muslime und Juden kommen. So werden die Erläuterungen bald auch auf Arabisch und Hebräisch verfügbar sein.

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