https://www.faz.net/-gum-3q5m

Archäologie : Die Himmelsscheibe gibt noch viele Rätsel auf

  • Aktualisiert am

Ein Jahrhundertfund: Die Himmelsscheibe von Nebra Bild: AP

Experten sehen in dem Fundort der 3.600 Jahre alten Himmelscheibe von Nebra bereits heute ein Gegenstücke zu dem englischen Stonehenge.

          Die englische Kultstätte Stonehenge könnte im sachsen-anhaltischen Nebra ein deutsches Gegenstück erhalten: Eine dort gefundene Scheibe aus der Bronzezeit mit Darstellungen von Himmelskörpern stellt nach Ansicht von Harald Meller vom Landesamt für Archäologie einen der bedeutendsten Funde des Jahrhunderts dar.

          „Es handelt sich dabei um die erste bekannte kosmologische Darstellung in der Menschheitsgeschichte“, machte Meller in Nebra deutlich. Und die ersten Ausgrabungen an der Fundstelle lässt vermuten, dass diese den Menschen vor rund 3.600 Jahren als eine Art Observatorium gedient hat.

          Verschiedene Deutungsansätze

          Noch sind sich die Wissenschaftler jedoch nicht genau darüber im Klaren, welche Bedeutung die jetzt offiziell als „Himmelsscheibe von Nebra“ bezeichnete Bronzescheibe hatte. „Wir müssen derzeit von zwei verschiedenen Deutungsansätzen ausgehen“, erläuterte Meller. Insbesondere ein Detail auf der Scheibe lasse unterschiedliche Deutungen zu. Es handele sich dabei um einen Bogen, der sich nach seiner Interpretation auf der unteren Hälfte der Scheibe befindet. „Hierbei könnte es sich um die Darstellung eines Bootes handeln, mit dem die Sonne transportiert wird“, erklärte Meller. Damit verbinde die Scheibe die konkrete Darstellung kosmischer Erscheinungen mit geistig-religiösen Vorstellungen der Menschen der Bronzezeit.

          Ausgrabungen am vermutlichen ältesten Observatorium der Menschheit

          Wird die Milchstraße dargestellt?

          Eine „religiöse Bewegung, die in ganz Mitteleuropa in der Darstellung so genannter Sonnenbarken“ zu fassen sei, könnte vor 3.600 Jahren von Sachsen-Anhalt aus ihren Anfang genommen haben - wenn die Interpretation Mellers sich erhärten lässt. Eine andere Deutungsvariante bot der Astronom Wolfhard Schlosser von der Ruhr-Universität Bochum an. Er zeigte, dass der fragliche Bogen auch auf der oberen Hälfte der Scheibe sinnvoll angeordnet sei. Dann könne man ihn als Darstellung der Milchstraße interpretieren, die dem Siebengestirn - den Plejaden - gegenüberstehe. Schlosser nannte seine Deutungsvariante eine „Alternative“ zu den Ausführungen Mellers.

          Interessant ist für die Wissenschaftler auch, wie sich die Fundstelle der Scheibe und die sich auf ihr befindlichen Bilder gegenseitig ergänzen. So könne man die auf der Scheibe seitlich angebrachten Randbögen durchaus als westliche und östliche Horizontbögen auffassen, die den Lauf der Sonnenaufgangs- und -untergangspunkte über das Jahr darstellen.

          Vom Fundort, dem Mittelberg bei Nebra aus gesehen, ging die Sonne zur Sonnensommerwende über dem Brocken unter. Der markanteste Berg des Harzes sei bei klarer Sicht vom Mittelberg aus deutlich sichtbar. Am 1. Mai, der nach heutiger Kalenderrechnung den Zeitpunkt des keltischen Beltaine-Festes bezeichnet, ging die Sonne dagegen hinter dem Gipfel des Kulpenbergs, dem Hautberg des Kyffhäusers, unter.

          Als spektakulär bezeichneten die Wissenschaftler den Fakt, dass die Geometrie der bildlichen Darstellung auf der Scheibe mit dem Fundplatz in Verbindung gebracht werden könne.

          „Heilige Strahlen“ und Außerirdische

          Mit gerade erst begonnenen Ausgrabungen an der Fundstelle der Scheibe wollen die Forscher versuchen, weiteres Licht in das Dunkel des vor ihnen liegenden archäologischen Rätsels zu bringen. „Allerdings haben illegale Raubgräber dort schon dramatische Zerstörungen angerichtet“, beklagte Meller. Und auch die Fantasie verschiedenster Menschen hat die „Himmelsscheibe von Nebra“ bereits beflügelt. Wie Meller erzählte, seien dem Stück aus der Bronzezeit „heilige Strahlen“ zugeschrieben worden, auch wurden Vermutungen geäußert, Außerirdische hätten den Menschen der Bronzezeit ihr Wissen über die Himmelskörper übermittelt.

          Weitere Themen

          Mehlhaufen mit Mehrwert

          Junger Wetterforscher : Mehlhaufen mit Mehrwert

          Tüfteln macht ihm noch mehr Freude, seitdem er Preise einheimst. Abiturient Max will Wettervorhersagen präzisieren. Auslöser war ein Unwetter in der Eifel.

          Ein Disneyland des Konflikts? Video-Seite öffnen

          Walled Off Hotel : Ein Disneyland des Konflikts?

          2017 eröffnete der britische Streetart-Künstler Banksy ein Hotel direkt an der Sperrmauer in Bethlehem. Eine Provokation, um auf den Nahostkonflikt aufmerksam zu machen. Und nun? Was hat das Projekt zwei Jahre später bewirkt?

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.