https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/archaeologie-am-boden-ganz-oben-1232693.html

Archäologie : Am Boden ganz oben

Luftaufnahme des Ausgrabungsortes
          3 Min.

          Am Ende stehen Archäologen stets vor demselben Dilemma: Legen sie ein Bodendenkmal frei, gewinnen sie meist wertvolle Erkenntnisse, zerstören dabei aber das Denkmal. Im Fall der Kreisgrabenanlage von Goseck fiel den Forschern die Entscheidung jedoch leicht, weil das mit etwa 7000 Jahren älteste bislang bekannte Sonnenobservatorium Europas sonst unter den Pflug gekommen wäre.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Schon 1991 nämlich hatten Luftbildarchäologen die Anlage als dunkel verfärbte Kreise auf einem Feld über dem Saaletal zwischen Weißenfels und Naumburg entdeckt. Der Bauer, der das Feld bestellte, trug Jahr für Jahr mit seinem Pflug drei bis vier Zentimeter der Überreste der Kreisgrabenanlage ab. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, und kein Archäologe hätte jemals mehr etwas an der Stelle untersuchen können. Also war es höchste Zeit zu graben.

          Tourismus-Ziel und Forschungsstätte

          Auch weil die Forscher dabei gute Erkenntnisse über das Observatorium erwerben konnten, soll das monumentale steinzeitliche Bauwerk von diesem Mittwoch an mit originalgetreuen Materialien und an historischem Ort rekonstruiert werden. Die Anlage mit einem Durchmesser von 75 Metern hatte drei Tore und war mit etwa zwei Meter hohen Palisadenzäunen doppelringförmig umgeben. Voraussichtlich im September wird die aus rund 2000 Eichenstämmen rekonstruierte Anlage fertiggestellt sein. Sie ist dann Teil der touristisch-archäologischen Route „Himmelswege“ durch das südliche Sachsen-Anhalt, auf der sich auch das nur 20 Kilometer Luftlinie von Goseck entfernte bronzezeitliche Observatorium Mittelberg - der Fundort der Himmelsscheibe von Nebra - befindet.

          Das kreisförmige Monument von Goseck ist bedeutsam, weil - anders als bei ähnlichen Gebilden - eine astronomische Funktion zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte. Weil die Kreisgrabenanlage erstaunlich gut erhalten war, konnte sie genau eingemessen werden. Anhand der Daten zeigte Professor Wolfhard Schlosser vom Institut für Astrophysik der Ruhr-Universität Bochum, daß die steinzeitlichen Nutzer über die im Bauwerk angelegte Visiereinrichtung (die drei Tore in den Palisaden sind Tore zur Sonne) exakt die Sommersonnenwende (21. Juni) und die Wintersonnenwende (21. Dezember) bestimmen konnten.

          Ein „neuer Mensch“

          Schon 3000 Jahre vor der letzten Ausbauphase von Stonehenge diente die Gosecker Anlage auf diese Weise frühen bäuerlichen Gemeinschaften in Mitteldeutschland, das agrarische Jahr zu strukturieren. Wie auch die drei Jahrtausende jüngere Himmelsscheibe von Nebra zeigt, war dieses mit Naturbeobachtung erworbene Wissen über die zyklische Ordnung des Werdens und Vergehens stets mit mythologisch-kosmologischen Vorstellungen verknüpft. In Goseck macht das auch schon die Größe des Bauwerks deutlich.

          „Wäre es nur um die Himmelsbeobachtung gegangen, hätten zwei Pfosten und ein Visierstein genügt“, sagt Professor Francois Bertemes vom Institut für Prähistorische Archäologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, das für die Grabungen in Goseck gemeinsam mit dem Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalt verantwortlich ist. Offensichtlich sei die Anlage auch für Übergangsriten benutzt worden. Daß die zwei Kreise im Inneren der Anlage mit blickdichten Palisaden umgeben waren, könne auf Initiationsriten der damaligen Gesellschaft hindeuten. „Danach war man ein ,neuer Mensch' oder ein vollständiges Mitglied der Gesellschaft“, sagt Bertemes. Und schließlich fanden die Archäologen bei ihren bisherigen Grabungen Hinweise auf rituelle Menschenopfer.

          Unsere Vorfahren waren doch intellektuell

          Die Grabungen rund um das Observatorium werden noch rund zehn weitere Jahre dauern. Schließlich gehe es nicht um die Präsentation nur eines Highlights, sagt Bertemes. Vielmehr wolle man die prähistorische Landschaft, das Leben der Menschen von damals und ihre Hierarchien verstehen. Darauf, daß es sich bei der steinzeitlichen Gesellschaft um eine weitgehend egalitäre Gesellschaft gehandelt haben muß, deuten auch in Goseck die Gräber hin: Bei den Totenbestattungen konnten die Archäologen kaum Unterschiede feststellen. Bisher habe die Wissenschaft den frühsteinzeitlichen Menschen geistig-intellektuelle Fähigkeit weitgehend abgesprochen, sagt Bertemes. Dank der neuen Einblicke in die mythologisch-religiöse Dimension der damaligen Gesellschaft, die durch die Kreisgrabenanlage möglich wurden, muß dieses Urteil revidiert werden.

          Viele weitere Erkenntnisse und Fragen brachte der Gosecker Fund: So ist nicht geklärt, warum das Phänomen Kreisgrabenanlage von etwa 5000 vor Christus an plötzlich in einer Region erscheint, die vom nördlichen Karpatenbecken über das heutige Slowenien, über Böhmen, Mähren, Österreich und Süddeutschland bis nach Mitteldeutschland reicht. Insgesamt 300 Kreisgrabenanlagen sind in dem Raum heute bekannt. Ganz ausgegraben sind nur wenige, weshalb nicht ausgeschlossen ist, daß Goseck der Rang als ältestes Sonnenobservatorium Europas eines Tages abgelaufen werden könnte. Rätselhaft ist auch, warum die Anlagen dann nach nur 200 Jahren aufgegeben wurden. Vermutlich bis in die Bronzezeit konnte man die Bauwerke jedoch noch in der Landschaft sehen.

          Ein weiteres Fehlurteil

          Mit der Aufgabe der Observatorien ging ein erstaunlicher Wissenstransfer einher. Nun wurden im atlantischen Raum Anlagen ähnlicher Art errichtet - allerdings nicht aus Holz, sondern aus Stein. Zugleich jedoch hielt sich das Wissen von den himmlischen Zusammenhängen über viele Jahrhunderte im unmittelbaren Umfeld von Goseck. So zeige die Himmelsscheibe von Nebra, daß neolithische Traditionen bis in die Bronzezeit reichen, sagt Bertemes. Und in dieser Erkenntnis sieht der Archäologe einen Beleg für ein weiteres Fehlurteil. „Wir haben die Mobilität von Bevölkerungsgruppen überschätzt. Offensichtlich gilt für die große Mehrheit der damaligen Menschen: Der Bauer klebt an seiner Scholle.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundeskanzler Olaf Scholz lässt sich im Oktober bei der Ausbildungs- und Lehrübung des Heeres in der Lüneburger Heide den Kampfpanzer Leopard 2 erklären.

          F.A.Z. Exklusiv : USA für Lieferung deutscher Kampfpanzer an Ukraine

          Berlin weigert sich beharrlich, deutsche Leopard-2-Panzer an die Ukraine zu liefern. Nach F.A.Z.-Informationen versuchte sogar US-Sicherheitsberater Jake Sullivan, auf die Bundesregierung einzuwirken.

          Der Fall Flick : Verlust des Vertrauens auf allen Seiten

          Während Oliver Bierhoffs Nachfolge geklärt wird, deutet der Bundestrainer an, ohne seinen Freund nicht erfolgreich sein zu können. Mehrmals schon hat Hansi Flick vorzeitig das Handtuch geworfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.