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App-Spiel „Flappy Birds“ : Dong! Game Over!

Jeder Tipp ein Flügelschlag. Klingt einfach, treibt einen aber sukzessive in die Raserei. Bild: Screenshot F.A.Z.

Ein simples Smartphone-Spiel treibt Millionen Nutzer in den Wahnsinn. Was bringt sie dazu, Stunden um Stunden mit einem unsteuerbaren Pixelvogel zu verbringen? Wir haben es ausprobiert - hier das Protokoll einer Verzweiflung.

          2 Min.

          Zehn Uhr. Ich lade mir Flappy Birds herunter, um mir den Tag zu versauen. Es sagt einem ja viel zu selten jemand, dass man ein ungeschickter Grobmotoriker ist. Wenigstens kostet es nichts. Außer Nerven.

          Zehn nach zehn. Ich hänge über dem iPhone-Bildschirm und tippe rhythmisch mit meinem Zeigefinger auf dem Screen herum, jeder Tipp ein Flügelschlag eines pixeligen - „klassischer 8-bit-Look“, sagt der Kenner dazu - gelben Vogels. Oben im Bildschirm blendet sich Werbung ein, und irgendwo in Vietnam verdient ein 29 Jahre alter Feierabendentwickler mit dem schönen Namen Dong Nguyen ein paar Dong. In Vietnam bezahlt man mit Dong. Und dieser Dong verdient viele Dong, derzeit umgerechnet 50.000 Dollar pro Tag.

          Als Grobmotoriker durchs Rohrlabyrinth

          Halb elf. Ich scheitere immer wieder am ersten Rohr. Denn das wirklich sinnlos blöde Spiel verlangt, dass man den gelben Pixelvogel durch grüne Rohrlabyrinthe fliegen lässt. Das funktioniert natürlich nicht, weil ich zu grobmotorisch bin. Oder es ist nicht mein Zeigefinger, sage ich mir, es ist die bescheidene Steuerung, die grobmotorisch ist. Der Vogel flattert, der Zeigefinger zuckt, da, das Rohr: Dong. Das Rohr ist immer zu niedrig, oder zu hoch, egal, das Ergebnis ist immer das gleiche: Der Vogel stürzt ab. Game over. Nochmal. Dong. Game over. Dong. Game over. Dongdongdong.

          Elf Uhr. Mein Highscore ist Null.

          Zehn nach elf. Wenn ich nicht immer so nervös wäre, wenn das Rohr kommt, wäre das hier vermutlich auch leichter. Ist Rohrphobie ein anerkanntes Krankheitsbild?

          Viertel nach elf. Ich sitze in der Online-Redaktion einer großen deutschen Tageszeitung und steuere einen Pixelvogel gegen Rohre. Womit habe ich das eigentlich verdient?

          Halb zwölf. Mein Highscore ist null.

          Fünf nach halb zwölf: Mein Highscore ist eins! Ein Rohr! Fast elegant drunter durch und danach gnadenlos verreckt, aber egal: Ein Rohr! Eins! Ich belohne mich mit einem Kaffee.

          Viertel vor eins. Das mit dem Kaffee war keine gute Idee, denn Koffein wirkt rohrphobieverstärkend.

          Auf den Knopf „Score“ gehen Sie besser nicht. Es frustriert Sie nur.

          Twitter als Selbsthilfegruppe

          Ein Uhr. Mein Highscore ist eins. Vermutlich muss man die Sache mythologisch sehen: Sisyphos hat seinen Felsklotz kein einziges Mal diesen Berg hinaufpraktizieren können. Ich hab immerhin ein Rohr geschafft. Die Götter meinen es gut mit mir und strafen mich milde.

          Fünf nach eins. Ich suche #flappybird auf Twitter und treffe auf Leidensgenossen. Viele Leidensgenossen. Twitter ist dieser Tage eine internationale Therapiegruppe für Zeigefingerlegastheniker und Rohrphobiker. Der niedrigste Highscore, den jemand öffentlich zugibt, ist drei. Jetzt fühle ich mich noch schlechter.

          Ein Uhr zehn. Irgendwer auf Twitter schrieb, das Spiel mache noch aggressiver, wenn man den Ton anschaltet. Ich habe das für Euch getestet: Es stimmt.

          Zwanzig nach eins. Herr Nguyen sagt, der Erfolg des Spiels rühre daher, dass man seine Erfolge sehr gut mit anderen Spielern vergleichen könne. Welche Erfolge?

          Rache, dein Name ist Squishybird

          Halb zwei. Das Browserspiel Squishy Bird ist eine blutige Rachephantasie für Flappy-Bird-Geschädigte. Es geht darum, gelbe Pixelvögel zwischen Rohren zu zerquetschen. Es ist zynisch und brutal. Und unfassbar befriedigend.

          Zwei Uhr. Zwei Rohre!! \o/

          Zehn nach zwei. Ich googele Dong Nguyen, aber die Bildersuche spuckt nur asiatische Bikinimädchen aus. Kein Bild von Dong, er wird schon wissen warum. Man will ja nicht eines Tages nichtsahnend in der U-Bahn stehen und plötzlich von wildfremden Rohrphobikern verprügelt werden.

          Halb drei. Es reicht. Es reicht! Ich habe das Prinzip jetzt verstanden! Lasst mich in Ruhe! UND ICH BRÜLLE ÜBERHAUPT NICHT!!1!

          Nein, das wollen wir nicht auf Facebook teilen: Um diesen Highscore beneidet einen keiner.

          Wer nimmt mir bitte das Telefon weg?

          Eine Minute nach halb drei. Mails lesen.

          Zwei Minuten nach halb drei. Neuen Artikel posten.

          Drei Minuten nach halb drei. Überschrift ist doof, ändern.

          Vier Minuten nach halb drei. Vorspann ist auch doof.

          Fünf Minuten nach halb drei. Zwei Rohre ist auch doof.

          Sechs Minuten nach halb drei. Ich will jetzt mein drittes Rohr schaffen! Ich kann so nicht arbeiten!

          Sieben Minuten nach halb drei. Ja, das ist leises Wimmern. Nein, mir geht es nicht gut. Kann mir bitte irgendjemand dieses Telefon wegnehmen, bitte? Acht Minuten nach halb drei. Danke.

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