https://www.faz.net/-gum-8hax2

App für Analphabeten : „Lernen ohne Schamgefühl“

  • -Aktualisiert am

Problem Analphabetismus: Millionen Deutsche können nicht richtig lesen und schreiben. Bild: dpa

Für erwachsene Analphabeten ist das Leben ein alltägliches Versteckspiel. Imgard Schwiderski und Stefanie Trzecinski wollen mit ihrer App betroffenen Menschen helfen.

          Frau Trzecinski und Frau Schwiderski, knapp fünf Millionen erwachsene Deutsche können nur kurze Sätze lesen und schreiben, weitere zwei Millionen nur einzelne Wörter, und etwa 300.000 Menschen sind selbst damit überfordert. Sie alle gelten zumindest als funktionale Analphabeten. Wie kann das sein?

          Trzecinski: Da gibt es viele Gründe. Lange Fehlzeiten in der Schule durch Krankheit spielen eine Rolle. Irgendwann können die Schüler ihre Wissenslücken nicht mehr schließen, bleiben dann auf der Strecke – und resignieren. Einige mogeln sich dann nur noch so durch oder werden in die Sonderschule versetzt wegen vermeintlicher Lernbehinderung.

          Spielt das soziale Umfeld eine Rolle?

          Schwiderski: Oft kommen die Analphabeten aus bildungsfernen Familien. Haben die Eltern keinen Schulabschluss und spielen im Haushalt Lesen und Schreiben kaum eine Rolle, besteht das Risiko, dass die Kinder es nur begrenzt lernen. Besonders schwer haben es Kinder, wenn sie noch dazu Legastheniker sind: Meist bleibt ihnen dann eine gezielte Förderung verwehrt. Rund die Hälfte von ihnen wird später zu funktionalen Analphabeten.

          Die pensionierte Grundschulpädagogin Imgard Schwiderski will mit der App „Imgard“ Analphabeten die Schriftsprache nahebringen.

          Mehr als die Hälfte der Analphabeten geht trotzdem einem Job nach.

          Schwiderski: Sie arbeiten meist in Berufen, in denen Lesen und Schreiben von geringerer Bedeutung sind – etwa als Hilfsarbeiter oder auch in Handwerksberufen.

          Es ist ein permanentes Versteckspiel.

          Schwiderski: Ja. Die Betroffenen schämen sich, weil sie etwas Alltägliches nicht beherrschen. Oft erfinden sie Ausreden: „Ich habe meine Brille vergessen“, oder „Ich habe mir meine Hand verknackst.“ Es ist ein Dilemma: Analphabeten sind auf Hilfe angewiesen, trauen sich aber aus Scham und Angst vor Stigmatisierung meist nicht, Hilfsangebote anzunehmen.

          Frau Schwiderski, Sie haben 43 Jahre lang als Grundschullehrerin gearbeitet, 30 Jahre als Rektorin. Wie kamen Sie auf die Idee, im Ruhestand die Android-App „Irmgard“ für erwachsene Analphabeten zu entwickeln?

          Schwiderski: Ich habe nach meiner Pensionierung Kindern befreundeter Familien Nachhilfestunden im Lesen und Schreiben gegeben. Außerdem arbeite ich schon lange in einem Hamburger Lern-Café mit meist erwachsenen Analphabeten. Meine Nichte Stefanie hatte dann 2012 die Idee, meine Erfahrungen für diese App zu nutzen. Ich sollte mich um die Inhalte, sie sich um die Programmierung kümmern.

          Berliner Sonderschuldpädagogin Stefanie Trzecinski: Die App kann flexibel genutzt werden. So kann sich der Lernende  täglich mit Lesen und Schreiben beschäftigen.

          Frau Trzecinski, haben Sie damit Erfahrung?

          Trzecinski: Ich war einige Jahre IT-Managerin und habe 2010 die gemeinnützige Gesellschaft „Kopf, Hand und Fuß“ gegründet. Wir entwerfen Softwareanwendungen und Apps für Menschen mit Behinderung oder sonstigen Benachteiligungen. Irgendwann kam ich auf die Idee, eine App gegen Analphabetismus zu entwickeln.

          Was unterscheidet Ihre App von Alphabetisierungskursen einer Volkshochschule?

          Schwiderski: Die App soll die Kurse nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Gerade bei älteren Analphabeten ist die ständige Wiederholung des Lernstoffs wichtig. Ich habe bei meiner Arbeit im Lern-Café die Erfahrung gemacht, dass die Lernenden ein- oder zweimal die Woche in den Kurs kommen und üben. Den Rest der Woche trainieren sie meist nicht. Das reicht nicht. Sie vergessen das Erlernte.

          Trzecinski: Die App kann flexibel genutzt werden. So kann sich der Lernende täglich mit Lesen und Schreiben beschäftigen, überall, beispielsweise beim Warten auf die Bahn. Und das kostenlos.

          Die App trainiert mit 100 multimedialen Aufgaben auf neun Levels die Lese- und Schreibfertigkeit des Nutzers. Wie genau funktioniert das?

          Schwiderski: Die App verlangt keine Vorkenntnisse und beginnt in Level eins mit Buchstaben und der Lesesynthese, also dem Zusammensetzen von Lauten zu Silben und von Silben zu Wörtern. Das Programm soll dann in Level neun mit dem Schreiben eines Briefes an mich enden. Jeder Schritt ist dabei zuvor im Lern-Café erprobt worden. Die überschaubaren Aufgaben kommen der Konzentrationsfähigkeit der Lernenden entgegen, die zudem schnell Erfolgserlebnisse haben.

          Totale Analphabeten haben oft schon Probleme, überhaupt eine Beziehung zwischen dem gehörten und dem geschriebenen Wort herzustellen.

          Schwiderski: Das fällt mir im Lern-Café zum Beispiel beim Buchstaben M immer wieder auf: München fängt beim Hören nicht mit einem M an, Emmentaler schon. Das verwirrt viele Analphabeten. Deswegen liegt der Fokus unserer App darauf, den Nutzern zuerst die Zusammenhänge zwischen Schriftzeichen und den dazugehörigen Lauten zu erklären und zu trainieren, ähnliche Laute auseinanderzuhalten – durch Bilder und Videos sowie durch die Kombination von Schrift- und Lautsprache.

          Bisher besuchen weniger als 20.000 Erwachsene einen Alphabetisierungskurs. Vor allem junge Betroffene nutzen die Hilfen meist aus Scham nicht. Warum sollte es bei Ihrer App anders sein?

          Trzecinski: Weil sie Lernen ohne Schamgefühl ermöglicht. Das Handy-Display ist nur schwer einsehbar; niemand wird erfahren, dass man an der Bushaltestelle gerade lesen und schreiben lernt.

          Warum gibt es nicht schon längst solche Hilfen?

          Trzecinski: Seit 2012 sind Irmgard und ich auf der Suche nach Spendern und Sponsoren. Das ist weitaus schwieriger als erwartet. Das Thema ist tabuisiert. Hinzu kommen die Vorurteile gegenüber Analphabeten – „selbst schuld“, „faul“ oder schlicht „zu doof“ sind häufige Reaktionen, wenn von ihnen die Rede ist. Mittlerweile konnten wir zumindest drei von neun Levels durch Spenden finanzieren.

          Sie, Frau Schwiderski, sprechen die Nutzer in kleinen Videos direkt an.

          Schwiderski: Die persönliche Ansprache ist ein wichtiger Motivationsfaktor. Jedes Modul beginnt mit einem Video, in dem ich den Nutzer zum Lernen motiviere oder allgemeine Hinweise gebe.

          Was müsste sich im gesellschaftlichen Umgang mit Analphabeten ändern?

          Trzecinski: Mehr Verständnis und Toleranz sind wichtig. Leider wird noch zu selten bedacht, dass viele Menschen unverschuldet, etwa durch Krankheit oder Behinderung, zu Analphabeten wurden.

          Schwiderski: Niemand sollte sich schämen müssen, weil er nicht Lesen und Schreiben gelernt hat. Umso bewundernswerter ist es doch, wenn er es im Erwachsenenalter noch mal versucht.

          Weitere Themen

          Polizei nimmt Gefährder fest Video-Seite öffnen

          Razzia in Köln : Polizei nimmt Gefährder fest

          Im Fokus der Ermittlungen stand ein Mann aus der Berliner Islamisten-Szene, der erst kürzlich nach Nordrhein-Westfalen übergesiedelt war. Sie gingen davon aus, dass der Mann einen Selbstmordattentat plant.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.