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App für Analphabeten : „Lernen ohne Schamgefühl“

  • -Aktualisiert am

Trzecinski: Die App kann flexibel genutzt werden. So kann sich der Lernende täglich mit Lesen und Schreiben beschäftigen, überall, beispielsweise beim Warten auf die Bahn. Und das kostenlos.

Die App trainiert mit 100 multimedialen Aufgaben auf neun Levels die Lese- und Schreibfertigkeit des Nutzers. Wie genau funktioniert das?

Schwiderski: Die App verlangt keine Vorkenntnisse und beginnt in Level eins mit Buchstaben und der Lesesynthese, also dem Zusammensetzen von Lauten zu Silben und von Silben zu Wörtern. Das Programm soll dann in Level neun mit dem Schreiben eines Briefes an mich enden. Jeder Schritt ist dabei zuvor im Lern-Café erprobt worden. Die überschaubaren Aufgaben kommen der Konzentrationsfähigkeit der Lernenden entgegen, die zudem schnell Erfolgserlebnisse haben.

Totale Analphabeten haben oft schon Probleme, überhaupt eine Beziehung zwischen dem gehörten und dem geschriebenen Wort herzustellen.

Schwiderski: Das fällt mir im Lern-Café zum Beispiel beim Buchstaben M immer wieder auf: München fängt beim Hören nicht mit einem M an, Emmentaler schon. Das verwirrt viele Analphabeten. Deswegen liegt der Fokus unserer App darauf, den Nutzern zuerst die Zusammenhänge zwischen Schriftzeichen und den dazugehörigen Lauten zu erklären und zu trainieren, ähnliche Laute auseinanderzuhalten – durch Bilder und Videos sowie durch die Kombination von Schrift- und Lautsprache.

Bisher besuchen weniger als 20.000 Erwachsene einen Alphabetisierungskurs. Vor allem junge Betroffene nutzen die Hilfen meist aus Scham nicht. Warum sollte es bei Ihrer App anders sein?

Trzecinski: Weil sie Lernen ohne Schamgefühl ermöglicht. Das Handy-Display ist nur schwer einsehbar; niemand wird erfahren, dass man an der Bushaltestelle gerade lesen und schreiben lernt.

Warum gibt es nicht schon längst solche Hilfen?

Trzecinski: Seit 2012 sind Irmgard und ich auf der Suche nach Spendern und Sponsoren. Das ist weitaus schwieriger als erwartet. Das Thema ist tabuisiert. Hinzu kommen die Vorurteile gegenüber Analphabeten – „selbst schuld“, „faul“ oder schlicht „zu doof“ sind häufige Reaktionen, wenn von ihnen die Rede ist. Mittlerweile konnten wir zumindest drei von neun Levels durch Spenden finanzieren.

Sie, Frau Schwiderski, sprechen die Nutzer in kleinen Videos direkt an.

Schwiderski: Die persönliche Ansprache ist ein wichtiger Motivationsfaktor. Jedes Modul beginnt mit einem Video, in dem ich den Nutzer zum Lernen motiviere oder allgemeine Hinweise gebe.

Was müsste sich im gesellschaftlichen Umgang mit Analphabeten ändern?

Trzecinski: Mehr Verständnis und Toleranz sind wichtig. Leider wird noch zu selten bedacht, dass viele Menschen unverschuldet, etwa durch Krankheit oder Behinderung, zu Analphabeten wurden.

Schwiderski: Niemand sollte sich schämen müssen, weil er nicht Lesen und Schreiben gelernt hat. Umso bewundernswerter ist es doch, wenn er es im Erwachsenenalter noch mal versucht.

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