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Anonyme Bestattungen : Die letzte Unruhe

Ohne Grabstein: Ein Gräberfeld für anonyme Beisetzungen auf dem Frankfurter Hauptfriedhof Bild: Gyarmaty, Jens

Immer mehr Deutsche wollen nicht, dass nach ihrem Tod ihr Name auf einem Grabstein steht. Sie lassen sich in einem ungekennzeichneten Grab beisetzen. Doch manche Städte erschweren eine anonyme Bestattung – aus Kostengründen.

          3 Min.

          Heinrich und Hildegard K. hatten sich vorbildlich auf den Fall der Fälle vorbereitet. Bei der Vorsorge ließen sich der rüstige Rentner und seine Frau fachkundig beraten. Im Mai war alles beisammen: Patientenverfügung, Vollmacht, Testament. Kurz darauf erkrankte der 85 Jahre alte Heinrich K. schwer.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Erfolge und Misserfolge bei der Behandlung wechselten einander ab. Nach Monaten kam Heinrich K. schließlich in eine Klinik in Bayern. Dort setzte seine Ehefrau als Bevollmächtigte seinen Willen durch. Seine Patientenverfügung respektierte man selbstverständlich. Im Oktober starb Heinrich K. im Bewusstsein, alles geregelt zu haben.

          Doch als dann Hildegard K. noch ganz unter dem Eindruck des Verlusts begann, die Beerdigung ihres Mannes vorzubereiten, stieß sie auf unerwartete Schwierigkeiten. Die Münchner Stadtverwaltung verweigerte eine anonyme Beisetzung in einem Urnengrab. Dass Frau K. von ihrem Mann sogar eine Vorsorgevollmacht für die Totenfürsorge hatte, ließ man in München nicht gelten, denn Herr K. hatte seinen Wunsch, anonym bestattet zu werden, nur mündlich geäußert.

          Nur auf schriftlich fixierten Wunsch

          Anonyme Bestattungen lässt die Friedhofssatzung der bayerischen Landeshauptstadt aber nur auf zuvor schriftlich fixierten Wunsch zu. Frau K. wandte sich an die Deutsche Hospiz-Stiftung. Die gemeinnützige Patientenschutzorganisation, die 55.000 Mitglieder und Förderer hat, intervenierte in München. Ausnahmsweise war die zuständige Stelle danach bereit, nach eidesstattlichen Versicherungen der Kinder eine anonyme Bestattung doch zu genehmigen.

          Die in Dortmund ansässige Deutsche Hospiz-Stiftung hat den Fall K. zum Anlass genommen, bei den 30 größten deutschen Städten abzufragen, wie sie es mit anonymen Bestattungen halten. Dabei kam heraus, dass wie in München auch in Hannover, Dresden, Mönchengladbach und Krefeld verfahren wird. Eine anonyme Bestattung wird nur dann zugelassen, wenn der Verstorbene dies „von Todes wegen verfügt hat“, heißt es etwa in der Krefelder Friedhofssatzung.

          Eugen Brysch, der geschäftsführende Vorstand der Deutschen Hospiz-Stiftung, kritisiert solche Festlegungen. „Es kann nicht sein, dass Menschen etwa beim Thema Organspende für ihre Angehörigen entscheiden dürfen, bei der Bestattungsform aber selbst dann nicht, wenn sie wie im Fall von Frau K. eine Vorsorgevollmacht für die Totenfürsorge haben.“ Auch sei fraglich, ob die Friedhofssatzungen der Städte rechtmäßig seien.

          Mehr als 40.000 anonyme Bestattungen

          Das bayerische Bestattungsgesetz etwa regele ausdrücklich, dass es bei Bestattungen auf den Willen des Verstorbenen oder des Personensorgeberechtigten ankomme. Aber es schreibe nicht vor, dass der Wille des Verstorbenen mit einem schriftlichen Dokument nachgewiesen werden muss. Auch im nordrhein-westfälischen Bestattungsgesetz heißt es, dass Art und Ort der Bestattung sich, „soweit möglich“, nach dem Willen der Verstorbenen zu richten haben. „Ist keine derartige Willensbekundung bekannt, entscheiden die Hinterbliebenen.“

          Die Angelegenheit sei kein Randproblem, sagt Brysch. Tatsächlich waren im vergangenen Jahr mehr als 40.000 der gut 850.000 Bestattungen in Deutschland anonyme Beisetzungen. Und immer mehr Leute wünschen für sich diese Form. Die Hospiz-Stiftung rechnet damit, dass sich die Zahl der anonymen Bestattungen in den kommenden zehn Jahren verdoppeln wird.

          Nach Einschätzung Bryschs hat das nicht nur damit zu tun, dass anonyme Bestattungen billiger sind als Feuer- oder Erdbestattungen. „Aus unserer Beratungspraxis wissen wir, dass immer mehr Leute ihren Angehörigen nicht über den Tod hinaus zur Last fallen wollen. Viele sagen auch, wichtiger als eine gekennzeichnete Grabstelle sei ihnen, dass ihre Angehörigen sie in ihren Herzen behielten.“

          Der Patientenschützer hat den Verdacht, dass einige Städte die Zahl der anonymen Bestattungen bewusst niedrig halten wollen, um ihre Kosten für Friedhöfe einigermaßen decken zu können. Kommunen verlangen für Erdbestattungen häufig doppelt so hohe Gebühren wie für anonyme Bestattungen.

          Brysch hat zwar Verständnis für die Nöte klammer Städte. Aber der letzte Wille Verstorbener dürfe trotzdem nicht missachtet werden. „Oft sind die Angehörigen, die ihren Partner oder enge Verwandte verloren haben, so mit ihrer Trauer befasst, dass sie alles einfach hinnehmen, was Behörden festgesetzt haben. Auch hohe Gebühren.“

          Hildegard K. allerdings hat sich über die Stadt München so geärgert, dass sie die Sondergenehmigung nicht in Anspruch nahm. Sie ließ die Urne ihres Mannes auf einem anderen Friedhof in Bayern anonym beisetzen. Und ihren eigenen Wunsch nach anonymer Bestattung hat sie mittlerweile schriftlich verfügt. Die 80 Jahre alte Witwe hofft, nun tatsächlich für alles vorgesorgt zu haben.

          Gegen Trends

          Im „Totenmonat“ November haben sich zwei deutsche Kardinäle gegen neue Trends bei Bestattungen gewandt. Der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki kritisierte anonyme Bestattungen. Sie entzögen Verstorbene dem Gedenken der Gemeinschaft, sagte er am Samstag dem rbb-Radio.

          Enkelkinder hätten dann keinen Ort, an dem sie sich still erinnern könnten. „An der Art, wie eine Gesellschaft mit ihren Toten umgeht, kann man ablesen, wie sie es mit den Lebenden hält“, sagte der Erzbischof.

          Der Münchner Kardinal Reinhard Marx richtete sich gegen die steigende Zahl von Feuerbestattungen: „Ich würde mir sehr wünschen, dass der Normalfall der katholischen Beerdigung die Bestattung des Leibes bleibt.“ Der Leib sei kein Ding, das möglichst kostengünstig entsorgt werden müsse. Er solle auch im Tod mit Ehrfurcht und Respekt behandelt werden.

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