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Anne Franks Helferin gestorben : „Aufheben und mitnehmen!“

  • -Aktualisiert am

Miep Gies Bild: dpa

Miep Gies rettete das Tagebuch der Anne Frank für die Nachwelt. Nun ist die Frau, die der versteckten Familie half und in den Niederlanden als Heldin verehrt wurde, gestorben.

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          Eine Heldin? Nein, Miep Gies hat sich nie so gefühlt. Sie, die Retterin des Tagebuchs der Anne Frank, sah ihre Hilfe für die mehr als zwei Jahre in einem Hinterhaus in Amsterdam versteckte jüdische Familie Frank als Menschenpflicht an. „Ich hielt es einfach für eine Selbstverständlichkeit“, sagte die letzte noch lebende Helferin Annes und ihrer Leidensgenossen einmal. Am Montagabend ist Miep Gies im Alter von 100 Jahren nach kurzer Krankheit im Pflegeheim ihres Wohnorts Hoorn im Norden der Niederlande gestorben.

          Am 4. August 1944 drangen der SS-Oberscharführer Karl Joseph Silberbauer und seine Häscher in das Hinterhaus an der Prinsengracht 263 ein und nahmen die dort versteckten Juden mit – neben Anne und Margot Frank auch ihre Eltern Otto und Edith sowie das Ehepaar Hermann und Auguste van Pels mit ihrem Sohn Peter und außerdem Fritz Pfeffer. Es war der wohl schlimmste Tag in Miep Gies’ Leben. Ein kleiner Mann, so sollte sie es später schildern, trat in ihr Büro im Vorderhaus, richtete eine Pistole auf sie und sagte: „Sitzen bleiben! Keiner rührt sich vom Fleck.“ Dann machte er die Tür zu und ging.

          Langsam, sehr langsam stiegen die Franks die Treppe hinab

          Miep und die anderen Helfer hörten später, wie die Untergetauchten von Silberbauers Leuten abgeführt wurden. Langsam, sehr langsam seien die Franks und die anderen die Treppe hinabgestiegen. Erst Stunden später trauten sich Miep Gies und Elisabeth „Bep“ van Wijk-Voskuijl, die ebenfalls zu den fünf Helfern der Versteckten gehört hatte, nach oben ins Schlafzimmer der Franks. Dort sahen sie Annes Tagebuchpapiere auf dem Boden liegen. „Aufheben“, sagte Miep spontan. „Aufheben und mitnehmen!“ Und so sammelten die beiden Frauen die Blätter ein, auf denen jene Tagebucheintragungen Anne Franks notiert waren, die später viele Millionen Leser auf der ganzen Welt berühren sollten.

          Niederlande : Anne-Frank-Beschützerin gestorben

          Miep Gies bewahrte die Tagebuchblätter auf und übergab sie nach dem Krieg Otto Frank, dem einzigen Überlebenden der acht Untergetauchten. Sie hatte die Tagebuchpapiere immer verschlossen gehalten und auch nie selbst hineingeschaut, obwohl Bep und die anderen Helfer gerne einmal einen Blick in die Aufzeichnungen geworfen hätten. Sie war der Auffassung, dass Anne Frank ein Recht auf ihre Geheimnisse habe. Im Nachhinein erwiesen sich ihre Standhaftigkeit und noble Haltung als ein Glücksfall. Hätte Miep Gies das Tagebuch gelesen, hätte sie es, so meinte sie später, verbrennen müssen. Denn es habe viele Informationen enthalten, die bei einer Entdeckung die Helfer hätten gefährden können.

          Gies entging nur durch einen seltsamen Umstand der Verhaftung

          Am 4. August 1944 entging Miep Gies nur durch einen seltsamen Umstand der Verhaftung. Sie und der SS-Mann Silberbauer stammten beide aus Wien. Die landsmannschaftliche Verbundenheit bewog Silberbauer offenbar dazu, Miep im Gegensatz zu den Helfern Victor Kugler und Johannes Kleiman laufen zu lassen. Bep ihrerseits nutzte das Chaos bei der Festnahme dazu, einige belastende Dokumente an sich zu nehmen und zu fliehen.

          Den Namen Miep Gies hat die jetzt Verstorbene erst in späteren Jahren angenommen. Zur Welt gekommen ist sie in Wien am 15. Februar 1909 als Hermine Santrouschitz. Weil ihre Eltern arm waren, wurde sie unterernährt mit elf Jahren nach Holland geschickt, wo eine Gastfamilie in Leiden sie aufpäppelte. Ihre neuen Angehörigen nannten sie „Miep“. Den Spitznamen behielt sie als regulären Vornamen, als sie im Juli 1941 Jan Gies heiratete und so die niederländische Staatsbürgerschaft erlangte. Die aus Frankfurt stammende Familie Frank hatte sie schon acht Jahre zuvor kennengelernt, nachdem Otto Frank sie 1933 als Sekretärin in der von ihm geleiteten niederländischen Niederlassung der Gewürzfirma Opekta eingestellt hatte.

          Sie besorgte vor allem Gemüse und Fleisch

          Als Otto Frank, der eine verschärfte Hatz der deutschen Besatzer auf die Juden in den besetzten Niederlanden voraussah, das Untertauchen seiner Familie vorbereitete, wandte er sich auch an seine Angestellte Miep Gies: „Bist du bereit, uns zu helfen und uns mit Lebensmitteln zu versorgen?“ Miep Gies musste nicht lange überlegen: „Ja, selbstverständlich.“ Sie besorgte während der Zeit, da die Franks sich versteckt hielten, vor allem Gemüse und Fleisch – was in Zeiten der Lebensmittelkarten kein geringes Kunststück war.

          Miep Gies war aber auch für die Franks das Ohr, das in die Welt lauschte. Ihr Mann Jan ermahnte sie immer: „Miep, du darfst ihnen nicht immer alles erzählen.“ Um die Versteckten nicht vollkommen zu deprimieren, hat sie manches denn auch nur „halb und halb“ erzählt. Anne Frank ließ sich aber nicht gerne mit Halbwahrheiten abspeisen. Das Mädchen, so erzählte Miep später, habe sie zuweilen beiseitegenommen und gefragt: „Miep, wie war das nun genau?“ Anne wollte die Wahrheit ertragen.

          Miep Gies hinterlässt einen Sohn und drei Enkelkinder. Ihr Mann Jan, der ebenfalls zu den Helfern der versteckten Juden gehörte, war 1993 gestorben. Die Frau, die sich nicht als Heldin fühlte, ist in den Niederlanden als Heldin verehrt worden. Mutig und selbstlos, war sie eine „Gerechte unter den Völkern“, für die in Yad Vashem schon seit vielen Jahren ein Baum der Erinnerung wächst.

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