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Anna Wahlgren : Der Herbst der Matriarchin

Anna Wahlgren mit einigen ihrer Kinder 1983 - in dem Jahr, in dem ihr „Kinderbuch“ erschien
          7 Min.

          Die Mutter habe sie fast nie zu Gesicht bekommen, berichtet die Schulfreundin. Und wenn doch, dann habe sie immer nur ein Nachthemd getragen. Aber die kleine Wohnung in einem Vorort von Stockholm sei stets voller Leben gewesen, oft waren Gäste zu Besuch. Möbel habe es in den vier Zimmern kaum gegeben, dafür überall Matratzen und Kissen auf dem Boden, ganz anders als bei ihr zu Hause. Und nicht nur darum habe sie Felicia und ihre jüngere Schwester oft beneidet. Wie gut sie in der Schule waren! Wie sie turnen konnten! Wie schön sie mit ihren blonden Haaren aussahen! Und wie wunderbar erwachsen gerade Felicia wirkte: Sie konnte schon mit zwölf Jahren selbst kochen und putzen und wechselte ihren Geschwistern im Kleinkindalter die Windeln.

          Mutter: Anna Wahlgren
          Mutter: Anna Wahlgren : Bild: Lieselotte van der Meijs
          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An die Schulfreundin aus der siebten Klasse erinnert sich Felicia Feldt heute nicht mehr; ihre Familie zog schon bald wieder um, zum vierzehnten Mal seit ihrer Geburt. Doch über ihre Mutter ist sie sich offenbar immer klarer geworden, je mehr Jahre verstrichen sind. "Felicia ist verschwunden" heißt ihr vor kurzem in einem Stockholmer Verlag erschienenes Buch, über das ganz Schweden spricht. Denn die Mutter, mit der sie darin abrechnet, ist Anna Wahlgren, die bekannteste und zugleich umstrittenste Erziehungsratgeberin des Landes. Die Supermama, als die sich Wahlgren zu inszenieren pflegt, wird in Felicias Buch als egozentrische, psychisch labile und oft betrunkene Rabenmutter geschildert. Während sie rauchend in ihrem Arbeitszimmer hinter der Schreibmaschine gesessen habe, seien ihre Kinder sich selbst überlassen gewesen.

          „Sie hat uns als Markenzeichen benutzt“, klagt Felicia Feldt über ihre Mutter
          „Sie hat uns als Markenzeichen benutzt“, klagt Felicia Feldt über ihre Mutter : Bild: Picture Alliance

          Anna Wahlgren ist heute fast 70, ihre drittälteste Tochter Felicia 44 Jahre alt. Geredet haben beide schon lange nicht mehr miteinander. Jetzt bedrohen die Enthüllungen der Tochter den Erfolg der Mutter, der vor allem auf dem 1983 erschienenen "Kinderbuch" gründet. Romane, Novellen und Gedichte hatte sie schon zuvor veröffentlicht, aber dieser 800 Seiten starke Wälzer katapultierte sie ins Rampenlicht. Mehr als eine Million Exemplare haben sich davon laut Wahlgrens Internetseite verkauft, auf 100 000 Stück beziffert der Beltz-Verlag die Auflage der deutschen Übersetzung, für ein Sachbuch ist das eine Bestseller-Marke.

          Eltern lieben sie, weil sie ihnen die Schuldgefühle nimmt

          Das "Kinderbuch" unterscheidet sich von der Flut der Ratgeberliteratur, weil es nicht aus Wissenschaft und Theorie, sondern aus dem Alltag einer Großfamilie schöpft. Deshalb finden sich darin viele praktische Tipps: wie kleine Kinder besser ein- und durchschlafen; wie man sie an regelmäßige, einfache Mahlzeiten gewöhnt; wie man mit ihnen einen nervenschonenden Tagesablauf hinbekommt. Gerade deutsche Eltern lieben Wahlgren zudem, weil sie ihnen ihre Schuldgefühle nimmt: Sie rät ihnen schlicht, sich zurückzunehmen und nicht vom Förderwahn anstecken zu lassen. Unumwunden gibt sie zu, ihren Kindern nie vorgelesen, nie die Hausaufgaben kontrolliert zu haben. Viel wichtiger sei für die Kinder aber die Erfahrung, im wirklichen Leben gebraucht zu werden, nützlich zu sein.

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