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Anna Piaggi gestorben : Tribut an den Hut

Schräg: Anna Piaggi, hier im Jahre 2009, liebte Verkleidungen Bild: dapd

Auf Modeschauen war Anna Piaggi zumeist in der ersten Reihe zu sehen, wo sie mit ausufernden Hüten Zweit- und Drittplatzierte ärgerte. Dabei war die „Vogue“-Ikone und Desginermuse, die jetzt im Alter von 81 Jahren gestorben ist, vor allem dazu da, die Augen zu öffnen.

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          In den letzten Jahren schien sie den Jüngeren vor allem die Sicht zu nehmen. Zahllos die Beschwerden von Schauengästen über die ausufernden Hüte von Anna Piaggi, die natürlich immer in der ersten Reihe saß und den Zweit- und Drittplazierten die Sicht auf den Laufsteg nahm. Dabei war die italienische Modejournalistin, die am Dienstag im Alter von 81 Jahren in ihrer Geburtsstadt Mailand gestorben ist, vor allem dazu da, die Augen zu öffnen und die Perspektiven zu weiten.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Denn Anna Piaggi, die zunächst im Verlag Mondadori als Übersetzerin tätig war, 1962 den (Mode-)Fotografen Alfa Castaldi heiratete, in den Sechzigern für das Modemagazin „Arianna“ arbeitete und seit den Siebzigern für die italienische „Vogue“, förderte natürlich viele Designer: Mit der Familie Missoni war sie befreundet; Karl Lagerfeld widmete ihr 1986 das Buch „Anna Chronique“; Manolo Blahnik nennt sie in „Women’s Wear Daily“ nun „ein Licht, das mir den Weg durchs Leben wies“; und Hutmacher wie Stephen Jones sind ihr auf ewig dankbar, weil sie ihre Kreationen hochhielt, als Hüte verschwanden oder zu Fascinators schrumpften.

          Opern-Kostüme zum Federnhut

          Nein, mit ihren legendären Doppelseiten unter dem Titel „Doppie Pagine di Anna Piaggi“ und mit ihrem persönlichen Look ermutigte sie Modemacher und Kundinnen zu mehr - mehr Farben, mehr Stoffen, mehr Formen, mehr Mischung. Zum Federhut trug sie Opern-Kostüme, zur gefärbten Pelzstola blaue Haare, zur Chanel-Jacke einen Union-Jack-Umhang, zur Oversize-Strickjacke noch in späten Jahren durchlöcherte Jeans. Der Trend, dass zu jedem guten Look ein Vintage-Teil gehört, ist wohl auch auf sie zurückzuführen. In ihren eigenen Kleidern kam sie sich manchmal vor wie in einem Museum.

          Ihr britisches Gegenstück, die Hut-Fetischistin Isabella Blow, nahm sich vor fünf Jahren das Leben. Langsam sterben den Putzmachern die Werbeträger weg. Denn bei aller Liebe zu den Jüngeren: Nachfolgerinnen wie Anna Dello Russo verwechseln doch allzu gerne schöne Exzentrik mit grellem Exhibitionismus. So offenherzig wäre Anna Piaggi, die selten lächelte, niemals gewesen.

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